Filmessay aus Chile: "Der Perlmuttknopf" : Wüste Welt

Der chilenische Dokumentarist Patricio Guzmán verbindet in seinem Filmessay "Der Perlmuttknopf“ Politik mit Posie.

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Schönheit der Antarktis. Nicht fern, an den Küsten Chiles, bewahrt das Meer grausige Geheimnisse.
Schönheit der Antarktis. Nicht fern, an den Küsten Chiles, bewahrt das Meer grausige Geheimnisse.Foto: realfictionfilme

Allein die Tonspur: Es rauscht und tröpfelt, prasselt, plätschert, schwappt, strömt, knackt und knirscht oder donnert krachend in die Tiefe. Eine regelrechte Wasser- und Eissymphonie hat der chilenische Dokumentarist Patricio Guzmán in „Der Perlmuttknopf“ komponiert, der im Februar auf der Berlinale uraufgeführt wurde. Guzmán, der politische Poet und Erinnerungskünstler unter den großen Dokumentaristen der Gegenwart, betört Augen und Ohren – mit den bizarren Eisskulpturen der Antarktis, der Wasserwelt Westpatagoniens und seinen unzähligen Inseln, ihren schier endlosen Küsten (geschätzte Länge: 74 000 Kilometer) und der sich kräuselnden, glitzernden oder auch bleischweren Meeresoberfläche.

Aber immer wenn man der fantastischen Schönheit seiner Kinobilder zu erliegen droht, auch den bis an die Grenze des Kitschs digital bearbeiteten Ausblicken ins All, rüttelt Guzmán sein Publikum wach. Indem er Schönheit und Schrecken übereinanderschiebt und mit sanfter Off-Stimme den Ozean zur Wunderwelt wie zum Massengrab erklärt. In all seinen Filmen sieht Guzmán in der Natur einen eminent politischen Raum. Einen Ort der Magie und der Gewalt, bedrohlich für die Menschen und von den Menschen selber bedroht, voller Spuren verdrängter Geschichte.

Versunkene Historie des pazifischen Inselarchipels

So wie er zuvor in „Nostalgie des Lichts“ in der Atacama-Wüste im Norden Chiles einen Schauplatz der Pinochet-Verbrechen und Friedhof anonym verscharrter Opfer ausmachte, so entdeckt er jetzt im Meer die versunkene Historie des pazifischen Inselarchipels. Auch sein Blick in den Himmel ist keineswegs nur träumerisch: Die Wassernomaden als Ureinwohner Feuerlands – erstaunlicherweise das einzige Seevolk des Küstenlands Chile – glaubten, dass die Toten als Sterne wiedergeboren werden. Von den europäischen Siedlern wurden sie dieses Glaubens beraubt, ebenso ihrer Kleidung, ihrer Identität, ihres Lebens.

Einem der Nomaden kauften sie für ein paar Knöpfe sein Land ab. Sie nannten ihn Jemmy Button, verschleppten ihn nach England, zerstörten ihn, indem sie ihn „zivilisierten“. Heute leben noch 20 direkte Nachfahren dieser erstaunlichen, den Polartemperaturen trotzenden indianischen Stämme. Guzmán porträtiert sie, fragt sie Vokabeln in ihren archaischen, fast ausgestorbenen Sprachen ab. Für „Polizei“ und für „Gott“ haben sie keinen Begriff.

Würdeverlust: die Geschichte wiederholt sich

Historische Aufnahmen der als Monster diffamierten Stammesmitglieder. Gesichter von heute in Großaufnahme, Menschen, die ihrer Würde beraubt wurden – die Geschichte wiederholt sich. Guzmán versammelt auch eine Gruppe von einstigen Insassen des Pinochet-KZs auf der Insel Dawson, verschafft ihnen Gehör, gibt ihnen ihre Würde zurück. Die respektvolle Geste des Ins-Bild-Setzens: Geduldig blickt das Kameraauge die Überlebenden an, sie blicken zurück, stolz, unverwandt. Wieder spielt ein Knopf eine Rolle, ein Perlmuttknopf, der mit den Korallen an einer rostigen Eisenbahnschiene festgewachsen ist, eine bizarre Blume auf dem Meeresgrund, einziger Beweis für den Meeresmissbrauch als Massengrab – heute im Museum in Santiago zu sehen.

Minutiös lässt Guzmán nicht nur die Konturen Chiles von einer Künstlerin nachbilden, eine maßstabsgetreue, 15 Meter lange Landkarte mit gegerbter Papierhaut samt Wasserlabyrinth, sondern er rekonstruiert auch das Morden. Ein stilles, grausiges Reenactment mit Stoffpuppe und Tragbahre: Wie über tausend Folteropfer von Pinochets Schergen Ende der 70er Jahre mit Giftspritzen getötet, mit Schienen beschwert, in Säcke verpackt und mit Draht verschnürt aus Hubschraubern ins Meer geworfen wurden. Viele wussten davon, keiner sprach darüber. „Wir sind alle verantwortlich“, sagt der Dichter Raúl Zurita im Film.

Schönheit der Natur, Schrecken der Vergangenheit

Guzmán, Jahrgang 1941, wurde 1973 selber im Stadion von Santiago gefangen gehalten, heute lebt er in Frankreich. Er wird nicht müde, die Schönheit seiner Heimat zu preisen und zugleich nach den Verschwundenen zu fahnden, nach den blinden Flecken in Chiles Geschichte. Eine Art Schweigepakt verhindert die Aufarbeitung der Militärdiktatur, eben deshalb kommt Guzmán nicht von der Vergangenheit los. Es ist kein Zufall, sagt er, dass es um Chiles Demokratie nicht gut bestellt ist, dass es kein Streikrecht gibt und keine Meinungsfreiheit, dass Homosexuelle diskriminiert werden. Wenigstens das Wasser hat ein Gedächtnis.

Die Wüste, das Meer, demnächst vielleicht die Anden: Patricio Guzmán bringt die Natur als stummen Zeugen zum Sprechen. Wer sie befragt, dem gibt sie ihr Geheimnis preis. Das Schönste daran ist, dass sich seine Filme bei aller Erschütterung über Gewalt und Genozid das Staunen bewahren. Über den Zauber eines azurblau leuchtenden Eisgletschers oder eines Mondlichtstreifens auf nachtschwarzer See.

OmU: Brotfabrik, Central, Filmkunst 66, fsk am Oranienplatz, Rollberg

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