Filmfest Venedig : Judi Dench - Königin der Herzen

Das Filmfest Venedig nimmt Fahrt auf: Judi Dench wird in  Stephen Frears’ neuem Film „Philomena“ gefeiert. Und die Amerikaner schicken politische Filme in den Wettbewerb.

Christiane Peitz
In Weiß auf dem roten Teppich. Judi Dench.
In Weiß auf dem roten Teppich. Judi Dench.Foto: AFP

Judi Dench wettet für ihr Leben gern, sie tut das seit Jahrzehnten. Die letzte Wette ist  keine 24 Stunden alt, während der Gala-Premiere von Stephen Frears’ „Philomena“ im Palazzo del Cinema hat sie mit einer Freundin auf die Standing Ovations gewettet. „Der Einsatz war hoch, ich habe verloren, ist das nicht wunderbar?“, lacht sie jetzt, am Sonntagnachmittag beim Gespräch auf der Hotelterrasse am Lagunenufer des Lido. Wenn sie gefeiert wird nach dem Abspann, so die Wette, dann müssen wie bald wieder nach Venedig kommen. Und sie zahlt die Reise.

Und wie sie gefeiert wird beim Filmfest Venedig! Judi Dench, 78, ein Star, über 100 Filme, zahllose Theaterrollen, Old Vic, Shakespeare Company, Ehrungen, Preise, in England ist sie mindestens so beliebt wie die Queen. Die britische Zeitschrift „The Stage“ kürte sie 2010 zur besten Theaterschauspielerin aller Zeiten; und spätestens als M, als Chefin von James Bond, wurde sie weltweit berühmt. Letztes Jahr, in „Skyfall“, musste sie den Job abgeben,  M stirbt beim Showdown, nach 17 Jahren beim MI 5. „Unverschämt“, meint sie vergnügt, weist jeden Vergleich mit den Royals weit von sich (auch wenn sie bereits Queen Victoria und Elizabeth I. verkörpert hat), findet aber, dass der britische Geheimdienst sich für ihre treuen Dienste ruhig mal hätte bedanken können.

Klar ist, mit ihr und ihrem Alter hat der Personalwechsel bei den Bond-Filmen nichts zu tun. Judi Dench trägt eine weiße Tunika und Leinenhose, passend zum weißen Haar, ihre kleine Gestalt hat noch immer etwas Mädchenhaftes. Sie dreht einen Film nach dem anderen, steht nach wie vor auf der Bühne, obwohl eine Augenkrankheit ihr das Lesen fast unmöglich macht. Wenn sie ihre Texte lernt, müssen die Lettern sehr groß gedruckt sein. Für „Philomena“ war es nicht wenig Text, denn die Titelfigur, Philomena Lee, ist eine redselige Lady, eine einfache Frau, nicht gebildet, aber vom Leben weise geworden. Eine wahre Geschichte: Philomena Lee wurde als „gefallenes Mädchen“ ins katholische Nonnenkloster gesteckt, ihr Sohn Anthony wurde ihr als kleines Kind weggenommen, aus Irland an reiche amerikanische Adoptiveltern „verkauft“, wie viele andere uneheliche Kinder. 50 Jahre später will Philomena ihren Sohn endlich finden. Gemeinsam mit dem nach einem Politskandal als Bauernopfer gefeuerten Topjournalisten, der es mal mit einer Herzschmerz-Story versuchen will, macht sie sich nach Washington auf.

Philomena und Martin, Judi Dench und Steve Coogan, ein wunderbar ungleiches Paar. Stephen Frears nennt sie ein „odd couple“. Die ehemalige Krankenschwester kann Oxford und Cambridge nicht auseinander halten, gibt Martin haarklein den Inhalt kitschiger Liebesromane zum Besten, plappert ohnehin viel und  freut sich wie ein Kind über das üppige Frühstücksbüffet im Nobelhotel. Der intellektuelle Reporter kann da nur die Nase rümpfen – und wird bald eines Besseren belehrt. Sie ist die Herzenskluge, nicht er.

Und niemand kann so genial konsterniert und gleichzeitig wissend gucken wie Judi Dench. Phänomenal, wie sie dieser einfachen, gelegentlich fast peinlichen Frau ihre Schauspielkünste zu Füßen legt. Ja, Philomena mag lächerliche Dinge tun, aber Judi Dench macht sich keine Sekunde über sie lustig und verleiht ihr jene Größe, die einer Frau wie Philomena Lee gebührt, wenn sie am Ende über sich hinauswächst und den alten Nonnen verzeiht. Obwohl sie erst jetzt die ganze schreckliche Wahrheit weiß und sie auch öffentlich macht. 

Ein Film über einen weiteren Skandal in der katholischen Kirche, einer, der nicht anklagt, aber auch nicht beschönigt. Stephen Frears’ ist ein Meister solcher politischen Filme, die die Empörung nicht wie eine Monstranz vor sich hertragen. „Philomena“, der erste Höhepunkt des 70. Filmfests Venedig, mit Gelächter, Tränen, Szenenapplaus bei den Vorführungen. Judi Dench musste ihre Wette einfach verlieren. In Deutschland soll „Philomena“ im Februar 2014 in die Kinos kommen.

Das Wochenende beim Filmfest Venedig stand im Zeichen gleich mehrerer politischer Filme, die zwar nüchterner zur Sache gehen, aber ebenfalls auf jede vordergründige Ideologie verzichten. Die ersten Amerikaner im Wettbewerb: Kelly Reichardts „Night Moves“, ein Ökoterroristen-Drama mit Jesse Eisenberg in der Hauptrolle, und Peter Landesmans Debütfilm „Parkland“ über die Ermordung John F. Kennedys, ein Ensemblefilm, unter anderem mit Billy Bob Thornton und Zac Efron.

„Night Moves“ zeigt drei Öko-Aktivisten bei der Vorbereitung einer Staudamm-Sprengung. Sie kaufen ein Boot, besorgen Materialien, reden wenig, tun schnöde, alltägliche Dinge. Folgt die Implosion nach der Explosion, die Bürde der Schuld in den Stunden danach, die den Protagonisten deformiert. „Parkland“  wiederum ist der Name des Krankenhauses, in das JFK am  22. November 1963 nach den tödlichen Schüssen in Dallas gebracht wurde. Ärzte, Krankenschwestern, Geheimdienste, lokale Behörden, Telefonistinnen, Augenzeugen, Reporter – wie haben sie diesen Tag vor 50 Jahren erlebt? Was tun, wenn Mr. President eine blutverschmierte Leiche ist? Wenn der Sarg nicht durch die Flugzeugtür passt?

Mit seinem temporeichen Reportagestil nimmt sich „Parkland“ wie eine Kreuzung aus „Emergency Room“ und „Homeland“ aus. Warum sollte die Qualität der US-Fernsehserien nicht auch mal als Therapie fürs schwächelnde Hollywoodkino dienen?

 

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