Filmfestival Cannes : Die Lust am Schock  

Eine Debütantin vertritt ganz allein den deutschen Film bei den 66. Filmfestspielen von Cannes: Katrin Gebbe und ihr Spielfilm „Tore tanzt“ in der Reihe "Un certain regard"

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Julius Feldmeier in eine Szene von "Tore tanzt", der als deutscher Beitrag in der Reihe "Un certain regard" in Cannes zu sehen war.
Julius Feldmeier in eine Szene von "Tore tanzt", der als deutscher Beitrag in der Reihe "Un certain regard" in Cannes zu sehen...Foto: dpa

Wer als deutscher Regisseur in Cannes landen will, der muss etwas ganz Besonderes wagen. In den Wettbewerb haben es in den letzten zehn Jahren nur Hans Weingartner („Die fetten Jahre sind vorbei“, 2004) und Fatih Akin („Auf der anderen Seite“, 2007) geschafft. Und in der renommierten Nebenreihe „Un certain regard“ verteidigte zuletzt Andreas Dresen solo das hiesige Kunstkino. Mit seinem schmerzhaften Altersliebesmelodram „Wolke Neun“ (2008) und der radikalen Sterbestudie „Halt auf freier Strecke“ (2011) holte er dort immerhin schöne Preise.

Vor ihren Cannes-Abenteuern hatte sich diese drei Regisseure längst einen Namen gemacht – und insofern ist es nahezu eine Sensation, dass mit Katrin Gebbe diesmal eine Newcomerin das deutsche Kino im Alleingang an der Croisette präsentiert. Die 30-jährige Absolventin eines Regiestudiums an der Hamburg Media School war bislang nur mit einem Kurzfilm („Sores & Sirin“) aufgefallen. Eines aber hat sie mit ihren Kollegen gemeinsam: Ihr in der „Certain regard“-Sektion gezeigtes Debüt „Tore tanzt“ geht schnurstracks auf sein ungewöhnliches Thema zu. Und dann in die Vollen.

Das Film-Festival in Cannes 2013
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 Tore (Julius Feldmeier) ist ein sogenannter Jesus-Freak, Angehöriger einer christlich-fundamentalistischen Gruppe, die Jugendsprech, Punk und Hiphop mit Enthaltsamkeit vor der Ehe und Abtreibungsverbot zu verbinden sucht. Der spillerige Außenseiter lernt auf einem Parkplatz eine Familie kennen, deren Auto er durch bloßes Beten wieder flottzukriegen scheint. Und schon schließt sich der selbsternannte Wunderjunge, der häufig mit spastischen Anfällen zu kämpfen hat, der Familie an, bezieht ein Zelt in ihrem Schrebergarten, findet eine Art Zuhause.

Nur bekommt Tores Idol namens Jesus schnell Konkurrenz. Papa Benno (Sascha Alexander Gersak) ist ein sehr irdischer Allmächtiger, der seine Frau Astrid (Annika Kuhl) und deren zwei Kinder psychisch und physisch terrorisiert. Astrid duckt sich, an die 15-jährige Stieftochter Sanny (Swantje Kohlhof) macht Benno sich ran, der kleine Dennis (Til Theinert) ist der stille Vierte in dem finsteren Familienquartett. Und die netten Nachbarn in der Schrebergartenwelt? Die schauen lieber gleich weg, nachdem sie erstmal ordentlich hingeguckt haben.

 Tore macht es sich nun zur – man darf sagen: irren – Aufgabe, die Gewalttätigkeit Bennos durch die von Jesus vorgelebte Nächstenliebe zu brechen. Dabei wird er selber zum Märtyrer, indem er sich von Benno kommandieren, ausbeuten, quälen und bald widerstandslos auf den Strich schicken lässt. Nach einer ihm aus purem Sadismus angetanen Lebensmittelvergiftung rettet ihn die tapfere Sanny ins nächstbeste Krankenhaus. Aber Tores Mission ist noch nicht zu Ende.

 

Die in Hamburg lebende Katrin Gebbe an der Croisette in Cannes. Ihr Film "Tore tanzt" ist der einzige deutsche Langspielfilm. beim diesjährigen Filmfestival in Cannes. Bei den Kurzfilmen gewann der 30-minütige Schwarz-Weiß-Film „Komm und Spiel“ der DFFB-Absolventin Daria Belova in der Nebenreihe "Semaine de la critique" den Preis für die beste Neuentdeckung. Der Film der 30-jährigen aus St. Petersburg stammenden Regisseurin erzählt von dem Jungen Grisha, der in Berlin mit einem Stock Krieg spielt - bis die Bilder der Gegenwart mit denen aus dem Zweiten Weltkrieg verschmelzen.
Die in Hamburg lebende Katrin Gebbe an der Croisette in Cannes. Ihr Film "Tore tanzt" ist der einzige deutsche Langspielfilm. beim...Foto: dpa

„Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt“, heißt eine altlinke Kampfparole – und Katrin Gebbes Film reizt sie in immer grausameren Situationsanordnungen bis zum bitteren Finale aus. Das macht den Film, in Tateinheit mit der gezielten Verabreichung von Ekelbildern, bald dramaturgisch schmal und schal.  Zudem werden vor allem Frauen, sogar bloße Zeuginnen, in Bennos Terrorregime arg brüsk zu blutrünstigen Hyänen, und das anfangs so präzis entworfene Familienporträt wandelt sich zum puren Splatter-Schocker.

Ist es das, das ästhetische Wagnis in Cannes? Für „Tore tanzt“ gab es laute Buhs, die sogleich mit heftigem Applaus zugedeckt wurden, unter anderem von den zahlreich angereisten Teammitgliedern und Fans. Schade um die unbestreitbaren Stärken des Films, die zunächst feinen Figurenentwicklungen und vor allem die subtile Stimmung von Angst. Sie ist es, die jedes Leben in dieser Familie erstickt.

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