Filmfestival : Papa ist jetzt eine Frau

Das große Thema beim 33. Max-Ophüls-Filmfest in Saarbrücken war die Beziehung zwischen Tätern und Opfern - bei Auseinandersetzungen in der Familie, in der Gesellschaft überhaupt. Den Hauptpreis gewann der österreichische Beitrag "Michael".

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Nonchalant. Luisa Sappelt und Devid Striesow (hinten) in „Transpapa“. Foto: Filmfest
Nonchalant. Luisa Sappelt und Devid Striesow (hinten) in „Transpapa“. Foto: Filmfest

Die Hand des Mannes, die sich beim Spaziergang sanft, aber bestimmt in den Nacken des Jungen legt, wirkt auf Unwissende wie eine vertraute, väterliche Geste. Aber diese Hand ist eine, die das Kind gefangen hält. In seinem Debüt „Michael“, der beim Max-Ophüls-Filmfest in Saarbrücken den Hauptpreis gewann und am Donnerstag ins Kino kommt, erzählt der österreichische Regisseur Markus Schleinzer von dem Versicherungsangestellten Michael (Michael Fuith), der im Keller einen zehnjährigen Jungen gefangen hält und regelmäßig missbraucht. Der Film, der die sexuelle Gewalt nie direkt ins Bild fasst, entwickelt seine Wirkung gerade dadurch, dass er das Monströse fest in die gesellschaftliche Normalität einbindet. Michael fährt jeden Tag ins Büro, brutzelt am Abend für sich und den Jungen Leberkäse, feiert mit ihm Weihnachten und trägt jeden Missbrauch fein säuberlich in den Kalender ein.

Die Beziehungen und Auseinandersetzungen zwischen Tätern und Opfern waren das große Thema im Wettbewerb des Festivals, das seit 33 Jahren kompakt und kompetent deutschsprachige Nachwuchsfilme präsentiert. In „Not in My Backyard“ porträtiert der Dokumentarfilmer Matthias Bittner zwei entlassene Sexualstraftäter in Florida. „Stillleben“ des Österreichers Sebastian Meise erzählt von der Implosion einer Familie, nachdem die nicht ausgelebten, pädophilen Neigungen des Vaters ans Licht kommen. „Festung“ von Kirsi Marie Liimatainen zeigt aus der Perspektive eines pubertierenden Mädchens die Mechanismen familiärer Selbstisolation, die durch eheliche Gewaltverbrechen entstehen.

Einer der stärksten Filme, der bei den Preisen leider leer ausging, ist Lars-Gunnar Lotz’ „Schuld sind immer die Anderen“. Mit Shakespearescher Wucht und differenziertem Blick konfrontiert der Film einen jugendlichen Straftäter mit dem Opfer seiner Gewalttaten. Die Komplexität von Schuld und Vergebung wird – im Rahmen eines Projekts des offenen Strafvollzugs – sorgfältig ausgelotet und gleichzeitig der oft mit Stereotypen belegte Beruf des Sozialarbeiters gründlich rehabilitiert. Überhaupt überzeugten viele Filme durch Drehbücher mit kraftvollen Prämissen, die das Publikum direkt in die Geschichten hineinziehen. In „Transpapa“ von Sarah Judith Mettke erfährt die 15-jährige Maren (Luisa Sappelt), dass ihr Vater, der die Familie früh verlassen hat, mittlerweile eine Frau ist. Devid Striesow spielt mit unnachahmlicher Nonchalance den transsexuellen Vater; wie seine pubertierende Tochter muss er den neuen Platz in der Welt noch suchen.

Persönliche Konflikte im verengten erzählerischen Raum standen in Saarbrücken Filme gegenüber, die ihre Figuren gezielt in die Mühlen der Zeitgeschichte und der sich rasant veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse geraten lassen. Vor einem Spionagehintergrund im Kalten Krieg inszeniert der Schweizer Pascal Verdosci in „Manipulation“ ein mit Klaus Maria Brandauer und Sebastian Koch besetztes Kammerspiel, das intelligent über die Manipulierbarkeit der öffentlichen Meinung reflektiert. Ähnlich die Doku „Bulb Fiction“ des Österreichers Christoph Mayr. Ausgehend von der Einführung der Energiesparbirne analysiert der Film die korruptionsanfälligen EU-Politstrukturen und deren fatalen Auswirkungen auf den Endverbraucher.

Als Mischung zwischen ScienceFiction und Film Noir hat Linus de Paoli sein Debüt „Dr. Ketel“ angelegt. In einem kunstvoll verfremdeten Neukölln der nahen Zukunft ist das Gesundheitssystem zusammengebrochen, Medikamente werden auf dem Schwarzmarkt vertickt und Krankenhäuser haben sich in Hochsicherheitstrakte verwandelt. In Schwarz-Weiß gedreht, gehörte „Dr. Ketel“ zu den wenigen auch formal ehrgeizigen Nachwuchsfilmen. Denn so kraftvoll die Geschichten auch sind, fehlte es doch oft an filmästhetischer Entdeckungslust und narrativer Originalität.

Kinostart von "Michael" ist der 26.12.2012.

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