Filmfestival : Wohin wir gehören

Höhenängste, Meerestiefen: Die deutschen Filme beim Festival in Hof erzählen von Menschen, die an ihre Grenzen gehen – und darüber hinaus.

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Nur raus hier. Jördis Triebel als Republikflüchtige in Christian Schwochows Film „Westen“.
Nur raus hier. Jördis Triebel als Republikflüchtige in Christian Schwochows Film „Westen“.Foto: Frank Dicks/zero one film

Der Berliner Fernsehturm bricht ab, nein, er biegt sich, neigt sich immer weiter erdwärts; langsam, sanft beinahe berührt die rot-weiße Spitze schließlich die Erde kurz vorm Nicht-mehr-Palast, vorm Noch-nicht-Schloss: Das war zweifellos das spektakulärste Bild der 47. Hofer Filmtage. Und wer trägt Schuld an dieser nachhaltigen Irritation des hauptstädtischen Stadtbildes? Ein Draht-Ungeheuer entert den Turm, schlägt seine Eisenfinger in die Kugel, Fenster für Fenster, auf der Höhe des Cafés. Horror? Nein, nicht direkt. Bloß ein deutscher Kunstfilm. Aber auch der kann Horror sein.

Ein Kunst-in-Berlin-Mitte-Film. Genauer: ein Frauen-machen-Kunst-in-Berlin-Mitte-Film. Ihr Ideal: „Kunst, die wirkt.“ Darum fällt der Turm und wird die Sonne blau. Vielleicht war „Art Girls“ von Robert Bramkamp der ärgerlichste, hirnerweichendste Film des Festivals, dessen Chef Heinz Badewitz unermüdlich das neueste deutsche Filmschaffen auf die legendäre oberfränkische Kleinstadtbühne hebt. Und einer der aufwendigsten dazu. Ihm aber verdanken wir auch die unvergänglichen Sätze: „Es gibt nichts Übersinnliches. Wir waren untersinnlich.“ Oder: „Wir haben es mit einem neuen Evolutionssprung zu tun. Es entstand eine gemeinsame Wir-Intelligenz.“

Genau das sollte stets die Wirkung eines Filmfestivals sein: Es bewirkt ein „kollektives Update“ – nur dass sich dabei keine Türme biegen, und die Sonne ist nach dem Kino ganz die alte Scheibe wie zuvor. Bloß wir Zuschauer sind ein wenig verwandelt, ob von „Gehen am Strand“ von Caspar Pfaundler, von Bastian Günthers „Houston“, in dem ein großartiger Ulrich Tukur als Headhunter Clemens Trunschka den lebensgefährlichen Auftrag seines Lebens erhält, oder auch Frederik Steiners Sterbehilfedrama „ … und morgen mittag bin ich tot“, den wohl stärksten Filmen dieses Jahrgangs.

Heinz Badewitz hat es wieder geschafft, das kollektive Herbst-Update, „positive Paranoia“ bewirkend. Badewitz ist nicht nur der dienstälteste Festivalchef der Welt, er ist das Festival. Draußen auf dem Bratwurststand vorm Central-Kino steht neben dem Filmprojektor-Fake eine Diven-Schaufensterpuppe: Der Oktobersommerwind greift ihr unters Kleid. Das ist Kunst in Hof. Und drinnen steht der Festivalchef mit der Avantgarde-Schüttelfrisur von gestern und lockt wieder ein Filmteam vor die Leinwand. Bei jedem seiner Sätze befürchtet man, sie könnten in der Mitte entzweibrechen. Aber der rhetorisch begabte Anti-Rhetor bringt jeden sicher ans Ufer.

Kein Vergleich zu Monty Pythons Cutter Julian Doyle, dem die wohl virtuoseste Ankündigung eines eigenen Films gelang. Mit schwarzem Basecap und Notebook gibt er dem Publikum einen Grundkurs Schopenhauer, während Wagners „Tristan“ kaum hörbar aus dem Computer rinnt. Doyle hat die übergroße Nähe und die übergroße Ferne zwischen Wagner und Nietzsche in ein grandioses Kammerspiel gebracht.

Wagner erscheint Nietzsche (Doyles Sohn) in seiner ersten Irrenanstaltsnacht und kann nicht mehr weg aus dessen Zelle (Doyles Wohnzimmer). Nicht, bevor er erlöst ist. Und irgendwann spricht der internierte Musiker die Sätze, die so viele der in Hof gezeigten Filme hartnäckig umkreisen: Die Bedingungen, zu denen uns das Leben offeriert wird, seien bei näherer Betrachtung völlig unannehmbar. Folgerung: „Eigentlich gehören wir gar nicht hierher.“

Aber wohin dann? In den Ärmelkanal, beschließt Steffi Kühnert als krebskranke Ex-DDR-Leistungsschwimmerin in Marc Rensings „Die Frau, die sich traut“, einem Film, der alles von seiner Hauptdarstellerin fordert. Da durchkommen und dann vielleicht leben. Oder auch: dann, vielleicht, sterben.

Wohin also gehören wir? Auf die höchste Stuttgarter Straßenlaterne!, weiß der großartige Thorsten Merten als Manager im freien Fall spätestens in dem Augenblick, als er dort aufwacht. In Michael Baumanns „Habib Rhapsody“ spüren alle akute Atemnot in ihren Leben, nicht nur der gedemütigte Geschäftsmann auf der Lampe, auch der „Affirmationskanake“ – Originalton: sein Sohn – im Döner-Imbiss gegenüber.

Aus derlei deutsch-türkischen Luftknappheiten macht Baumann eine routinierte Tragikomödie, er macht die Welt wieder rund. Zu rund? Aber immer, wenn man „Habib Rhapsody“ seine Anteilnahme endgültig entziehen will – wegen Vorsätzlichkeit –, kontert er mit wunderbaren Bildideen, die keiner Kalkulation gehorchen.

Ja, eigentlich gehören wir gar nicht hierher. Nicht in diese Familie, sagen gleich mehrere Filme. Oder war da erst gar keine Familie, keine richtige? Die Generation der Scheidungskinder beginnt, Filme zu drehen, lauter Eigentlich-gehören-wir-gar-nicht-hierher-Filme. In John Kolya Reicharts nicht recht geglücktem, bitteren Debütwerk „Antons Fest“ über ein Familienzusammenführungsfest sagen die Kinder ihrem Vater ins Gesicht, was er für sie war: „das größte Arschloch der Welt“. So ungefähr formuliert das auch die 13-jährige Sarah in Nicole Weegmanns „Es ist alles in Ordnung“, nur sagt das Mädchen es zu seinem Stiefvater, den im anschließenden Filmgespräch alle „den Täter“ nennen. Dabei ist er, wie der Film zeigt, ebenso „Opfer“, aber das will keiner wahrhaben, denn man hat soeben einen Film über Kindesmisshandlung gesehen. Ein fragwürdiges kollektives Update.

Die allzu eindeutigen Ankündigungen sind der ideologisierende Fluch des Fernsehformats. Auch „Oktober November“ des Österreichers Götz Spielmann besitzt es, dieses Fernsehformat. Aber wurde in ihm je so ausführlich, so beinahe unerträglich ausführlich – lebensecht, todesecht – gestorben, wie es Peter Simonischek hier aufgegeben ist? Wie gut, dass es im Kino keine Fernbedienung gibt. Fernbedienungen machen aus Menschen freiwillig Sehbehinderte.

Die Zufluchtsorte werden knapp, das zeigen diese Hofer Filmtage in vielen Beispielen. Vielleicht war das schon immer so, nur früher in der DDR hat es kaum einer gemerkt. Da wusste fast jeder, wohin er eigentlich gehört: in den Westen. „Westen“ heißt Christian Schwochows schöner, intensiver Film über die langen Nöte einer Ankunft. Seine leise, tiefe Weisheit: Man begegnet doch immer wieder dem, wovor man flieht.

Immerhin das Kino bleibt ein – im besten Fall welterweiternder – Zufluchtsort. Und es führt und verführt, allein durch den Blick der Kamera, in Orte, die gewöhnlich nicht zugänglich sind. Seltsam lang mag einem etwa der Anfang von „Gehen am Strand“ erscheinen, mit seinen Einschlüssen von Steinen auf Treppenstufen und dem Inneren von Kaffeebechern – ungelenk wirkt das, beinahe anfängerhaft, bis man erkennt: Der Österreicher Caspar Pfaundler erzählt hier nicht nur von der unaufhaltsamen Vereinsamung einer jungen Frau mit Diplomarbeit-Schreibblockade, sondern er filmt mit ihren Augen, mit den Augen der Depression, 102 Minuten lang. Sie sagt dasselbe wie Wagner: Eigentlich gehöre ich gar nicht hierher.

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