Filmfestspiele von Venedig : Die Seele ist billig geworden

Philosophen und Anarchisten: Zum Abschluss der 68. Filmfestspiele von Venedig

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Fremd in der eigenen Wohnung – und im eigenen Leben. Der Held in Eran Kolirins Film „The Exchange“. Foto: Filmfestspiele Venedig
Fremd in der eigenen Wohnung – und im eigenen Leben. Der Held in Eran Kolirins Film „The Exchange“. Foto: Filmfestspiele Venedig

Alles Vergängliche ist nur Gestank. Alexander Sokurows „Faust“-Film geht recht frei mit Goethe um. Rastlos wandert Faust bis ans Ende der Welt, verschwindet zuletzt im ewigen Eis, nachdem er Mephisto zwischen Felsenschluchten und zischenden Geysiren lebend begrub. Eine ins Mittelalter zurückgebeamte Nietzsche-Figur (Johannes Zeiler), umgeben von Hungerleidern und Elendsgestalten, getrieben von Geilheit und Gier. Gleich in der ersten Szene weidet Faust eine Leiche aus, auf der vergeblichen Suche nach der menschlichen Seele; ein Penis in Nahaufnahme, ein aufgeschnittener Leib, aus dem die Gedärme quellen.

Putin persönlich soll das Acht-Millionen-Euro-Budget für das Prestigeprojekt freigegeben haben, ein Faust-Pfand für die vom Präsidenten gewünschte Integration der russischen in die europäische Kultur. Die italienischen Zeitungen handeln Sokurows suggestives Kinopoem über den Mann, der seine Seele dem Teufel verkauft, als Löwen-Favoriten bei der Verleihung am heutigen Sonnabend. Nach „Moloch“ (über Hitler), „Taurus“ (über Lenin) und „Die Sonne“ (über den japanischen Gottkaiser Hirohito) stellt der russische Regisseur im letzten Teil seiner Tetralogie über die Macht und das Böse lauter letzte Fragen. Habe nun, ach, Philosophie: Farbfilter, verzerrte Bilder, russischer Symbolismus, niederländische Genremalerei, Stummfilm-Expressionismus, geschwätzige Dialoge, dazu die wispernde innere Stimme von Faust und mengenweise ästhetischer Schnickschnack – ein vor Kunstanstrengung schwitzendes, bei aller hypnotischen Wirkung doch quälendes Werk.

„Die Seele ist heute billiger zu haben als zu Goethes Zeiten“, sagte Sokurow in Venedig. Im Kino des 21. Jahrhunderts ist die Menschheit ohnehin verdammt. Am Ende dieser 68. Mostra di Cinema schieben sich die Bilder ineinander, korrespondieren die Filme über Länder, Zeiten und Stoffe hinweg. Das fängt schon beim Wetter an. In etlichen Filmen zuckten Blitze über die Leinwand, verdunkelten Gewitterstürme den Himmel. Ständig taten sich Abgründe auf: soziale, politische, seelische. Und ständig brauten sich Weltuntergänge zusammen, ganz so, als habe Venedig den Staffelstab von Cannes übernommen, wo Terrence Malick und Lars von Trier schon im Mai das Ende der Tage in Szene setzten, in „The Tree of Life“ und „Melancholia“. In Venedig erstreckte sich der Bogen von Abel Ferraras „Last Day on Earth“ über den italienischen Sciencefiction-Film „L’ultimo terrestre“, in dem der letzte Erdenmensch als totaler Loser vom Jüngsten Gericht der Marsianer verschont bleibt, bis zu den Genreproduktionen. Sei es Johnnie To’s Hongkong-Finanzkrisen-Thriller „Life Without Principle“ oder „Texas Killing Fields“ von Ami Canaan Mann (der Cop-Serienerfahrenen Tochter von Michael Mann), sie alle zeigen eine korrupte, grausame, verrottete Welt.

Auch die Verlierertypen häufen sich, die Versager, die Nobodies, die sich nicht zurechtfinden in der sogenannten Normalität. Roman Polanskis „Gott des Gemetzels“ hatte die bürgerliche Mittelschicht gleich zu Beginn des Festivals als Vorstufe der Barbarei entlarvt. Dann lieber gar nicht erst mitspielen. Der Held von Todd Solondz' Melo-Groteske „Dark Horse“ ist so ein Verweigerer, ein echter Nerd. Längst über 30, wohnt er immer noch im Kinderzimmer bei den Eltern (Mia Farrow und Christopher Walken als wunderbar spießiges Ehepaar), möchte irgendwie eine Familie gründen und träumt sich immer wieder aus der Kleinbürger-Realität hinaus. Einer, der beim Erwachsensein mitspielen will, aber letztlich lieber ein Kindskopf bleibt. US-Regisseur Solondz, sonst ein kühler Beobachter perverser Obsessionen, wirbt diesmal um Sympathie für seinen Protagonisten. Andere emigrieren aus der eigenen Existenz. Nicht indem sie sich aus dem Staub machen (selten auf einem Festival so wenige Roadmovies gesehen), sondern indem sie neben sich treten. Im israelischen Wettbewerbsbeitrag „The Exchange“ geschieht es aus Versehen. Ein Physik-Doktorand hat einen Ordner vergessen, er fährt von der Uni nach Hause, um diese Tageszeit betritt er seine Wohnung sonst nie. Wäsche liegt herum, seine Frau ist auf dem Bett eingenickt, er schleicht sich wieder davon und sieht das eigene Leben fortan mit fremden Augen. Steigt an anderen Bushaltestellen aus oder fährt mit dem Fahrstuhl in andere Etagen, legt sich in der Lobby auf die Fliesen, verbringt mit einem Nachbarn eine Nacht im Keller, im Bunker des Mietshauses.

Gehöre ich hier eigentlich hin? Warum halte ich mich hier auf? Nicht dass der Held von „The Exchange“ die Welt nicht mehr versteht, er hegt bloß Zweifel an den Dingen, am Sofa, am Zimmer, an seiner Aktentasche. Er entfremdet sich der eigenen Physis, wird zum Anarchisten in eigener Sache. Eran Kolirins Film wird nie explizit politisch. Aber er vollzieht in ruhigen, monochromen Bildern einen Perspektivwechsel, der dem Zuschauer die dauernd bedrohte Existenzberechtigung Israels ins Bewusstsein ruft.

Ähnlich allegorisch funktionierte auch die andere Entfremdungs-Erzählung im Wettbewerbsprogramm von Venedig, „Alpis“ aus Griechenland. Dort geht es nicht um das Wegdriften aus dem eigenen Ich, sondern um das Einnisten bei anderen. Vier Athener übernehmen die Rollen verstorbener Angehöriger, im Auftrag von deren Familien: das Leben als einstudierte Szenerie, die die Spieler überfordert, als hilfloser Versuch, zur Gemeinschaft dazuzugehören.

Festivalleiter Marco Müller hat diese Woche neue Gerüchte über eine Vertragsverlängerung zerstreut. Er hört auf, er wechselt auch nicht zum Filmfest nach Rom, versicherte er. Nach acht Jahren will er wieder in seinen alten Beruf als Produzent zurück. Das ist schade, denn der vor allem in Asien bestens vernetzte Mostra-Chef präsentierte erneut einen gelungenen Wettbewerb, eine gute Mischung aus Hollywood und Filmkunst, aus gefeierten Werken von George Clooney, Polanski oder Steve McQueen, aus umstrittenen oder misslungenen Produktionen von Abel Ferrara, Sokurow, William Friedkin, Cronenberg oder der „Persepolis“-Regisseurin Marjane Satrapi (die mit ihrem Teheran-Melodram „Poulets aux prunes“ enttäuschte). Und aus stillen, eindrücklichen Beiträgen weniger bekannter Autorenfilmer. Jury-Chef Darren Aronofsky und seine Mitstreiter, darunter André Techiné, Todd Haynes und David Byrne, haben die Qual der Wahl. Was bleibt von Venedig 2011? Der Moment, in dem sich Kate Winslet im „Gott des Gemetzels“ die Seele aus dem Leib kotzt (die Szene ist echt: den Brei, den sie ausspeit, hat Polanski persönlich zubereitet). Das verzweifelt erregte Gesicht von Michael Fassbender, der in McQueens „Shame“ einen Sexsüchtigen spielt. Tomas Alfredsons Wiederverfilmung von John le Carrés „Dame, König, As, Spion“: der Kalte Krieg als Rätselbild einer verschworenen Männergesellschaft, die sich vor sich selbst geheim halten muss. „Alpis“, „The Exchange“ und „A Simple Life“ von Ann Hui (siehe Tsp. vom 8.9.), ihre Konzentration auf das Körperliche und die verstörende Ordnung der Dinge. Das wilde japanische Tsunami-Drama „Himizu“. Und die chinesische Höllenfahrt „People Mountain People Sea“. Ein Nachtmahr, das sich ins Gedächtnis fräst, ein Fanal. Nicht zum Ende der Menschheit, sondern über das Ende der Menschlichkeit.

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