Filmgeschichte : Teile deine Schätze

Das Arsenal feiert seinen 50. Geburtstag. Aus diesem Anlass lädt die Berliner Kinoinstitution auch zur Neuentdeckung ihres Archivs ein.

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Asylort für Filme. Das Team des Arsenals 1976 vor seinem Kino, damals noch in der Schöneberger Welserstraße. Foto: Erika Rabau
Asylort für Filme. Das Team des Arsenals 1976 vor seinem Kino, damals noch in der Schöneberger Welserstraße. Foto: Erika Rabau

Geburtstage sind schön. Doch im Kulturleben gelten Jubiläen und runde Daten nicht gerade als sexy. Schließlich ist das jahrestaglich gehäufte Interesse an Personen und Themen selten inhaltlich begründet. Und auch bei mancher sich selbst feiernden Institution scheint das Festtagsprogramm beliebig und bemüht. Doch ab und zu wartet auch hinter einem scheinbar routinierten Geburtstags-Spektakel ein von echter Leidenschaft getragenes Herzensding. So auch beim Arsenal, das wie so viele andere kurz nach dem Mauerbau begründete West-Berliner Einrichtungen jetzt seinen fünfzigsten Geburtstag feiert. Reden und Rückblicke gibt es aus diesem Anlass natürlich auch. Doch neben solch üblichem Gedöns beschenkt die Film-Institution sich selbst und uns mit einem einmonatigen Feuerwerk von Veranstaltungen, die ganz heutig und doch integraler Teil und Abschluss einer groß angelegten historischen Recherche sind.

Die Grundlagen für dieses Kinofest wurden schon gelegt, bevor der nahende Jahrestag im Bewusstsein der drei Kinoleiterinnen aufblitzte. Dennoch ist es als Geburtstagsgabe perfekt. Denn „Living Archive“ bearbeitet ebenso intensiv wie vielstimmig die Schnittstelle von Filmgeschichte, zeitgenössischer Kunst und institutioneller Selbstreflexion, die die Arbeit des Arsenals programmatisch bestimmt. Die Idee des Lebenden Archivs ist dabei so einfach wie ausufernd und setzt an bei der hauseigenen Sammlung, deren etwa achttausend meist analoge Filme seit der Digitalisierung zunehmend unternutzt vor sich hin schlummerten.

Doch die materiellen Ressourcen, diese Schätze mit eigener Kraft neben der regulären Arbeit aufzuarbeiten, gab das chronisch unterfinanzierte Budget nicht her. Also wurden vor zwei Jahren 37 externe Kuratoren, Künstler und Forscher aus der Stadt eingeladen, sich das Archiv mit eigenen Projekten anzueignen und so das historische Material zum Teil eines neuen Produktionsprozesses zu machen. Dazu kamen vier eigens eingerichtete Goethe-Stipendien für internationale Gäste.

Parallel kam man regelmäßig zu einem Kolloquium und öffentlichen Sichtungen zusammen. 41 miteinander kommunizierende Perspektiven auf die Film- und Institutionengeschichte entstanden so. Die jetzt vorzulegenden Resultate bilden ein schillerndes Panoptikum aus diskursiv umkleideten Filmvorführungen, Performances und bisher unbekannten Veranstaltungsformen wie den von Angela Melitopoulos angekündigten mysteriösen „Live-Montagen“.

Eher klassisch die Neuveröffentlichung und -aneignung der feministischen Filmikone Laura Mulvey und ihrer „Riddles of the Sphinx“ durch den Filmwissenschaftler Winfried Pauleit. Hauspianistin Eunice Martins hat den Filmkatalog mithilfe von Echtzeit-Klangsynthese vertont. Anselm Franke stellt sein Konzept des Meridians vor. Und nicht zuletzt begründet „Living Archive“ auch die angestrebte enge Kooperation mit der neuen Chefkuratorin der Kunst-Werke, wo eine Ausstellung das Programm begleitet.

Aus Innensicht des Kinobetriebs ist die Öffnung des Archivs ein naheliegender konsequenter Schritt. In der Welt der Filmarchive ist sie eine bisher einzigartige und hoffentlich richtungsweisende Revolution, tendiert der Archivar doch zur Abschottung seiner versammelten Schätze. So ist „Living Archive“ auch ein kulturpolitisches Statement – und Fortsetzung einer Praxis, die das Arsenal offensiv seit dem Relaunch von 2008 betreibt: Damals wurde aus den „Freunden der Deutschen Kinemathek“ das „Institut für Film und Videokunst“, und neben dem bloßen Kinobetrieb geriet dezidiert die Tätigkeit kuratierter Vermittlung ins Zentrum von Interesse und Selbstdarstellung.

Neue Akzente, die doch bestens an Traditionen anknüpfen konnten. Denn das Verschalten von Alt und Neu, Selbstreflektion und Experimentierlust waren immer dabei, seit sich 1963 eine Gruppe Berliner Kino-Enthusiasten zusammentat, um die Filme der kurz zuvor gegründeten Deutschen Kinemathek an die Öffentlichkeit zu bringen. Mit dabei damals neben Gero Gandert, Helmut Käutner, Karena Niehoff, Friedrich Luft und anderen selbstverständlich auch Erika und Ulrich Gregor, die ab 1970 das eigene Kino der Freunde in der Welserstraße führten. Das Arsenal avancierte zum Vorbild für die auch anderswo sprießenden kommunalen Kinos. 1971 wurde Ulrich Gregor (für drei Jahrzehnte) Leiter des neuen Internationalen Forums des Jungen Films.

Schon kurz nach ihrer Gründung hatten die „Freunde der Deutschen Kinemathek“ auch die erste eigene Filmkopie im Haus. Es war Lionel Rogosins Apartheid- Drama „Come Back, Africa“, das – 1959 in Venedig uraufgeführt – zwar Auszeichnungen errungen hatte, doch keinen Verleih im deutschen Kino fand. Ein Mitarbeiter Rogosins brachte die Kopie persönlich bei Gregors zu Hause vorbei. Und so war bald mit dem Verleih auch das dritte Standbein des Arsenals geboren. Auch später hat sich das (keinesfalls mit der Deutschen Kinemathek zu verwechselnde) Filmarchiv der „Freunde“ weniger durch systematische Sammlung als organisches Wachstum erweitert. Dabei spielte es auch global eine existenzielle Rolle als Asylort für durch Diktaturen bedrohte Filme. Viele überlebten nur hier, viele konnten mittlerweile auch zurückgegeben werden. Andere werden gerade erst in den Regalen wiederentdeckt. Auch das heißt „Living Archive“.

Seit 2004 führen Milena Gregor, Birgit Kohler und Stefanie Schulte Strathaus das Arsenal als Bundeskultureinrichtung mit einem Dutzend festen und vielen freien Mitarbeitern. Für das aktuelle Projekt bedanken sie sich besonders bei Hortensia Völckers von der Kulturstiftung des Bundes und der Stiftung Deutsche Klassenlotterie, die das ergebnisoffene Projekt durch Vertrauensvorschuss unterstützt haben. Wie weit die Arbeiten inhaltlich gelungen sind, wird sich erst im Verlauf des Monats erweisen. Doch die Mittel dürften in jedem Fall nachhaltig investiert sein, nicht nur, weil einige der Projekte mit Drittmitteln weitergeführt werden können. Es wurden auch viele Filme des Archivs digitalisiert und neu für den Verleih zugänglich gemacht, darunter Alexander Dowshenkos „Arsenal“, der dem Kino seinen Namen gab. Eine Edition mit erst mal fünf DVDs erscheint.

Vor allem aber wird reichlich öffentliche Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt, dass das Archiv ein integraler Teil der Kinoarbeit ist und sein muss – und umgekehrt. Konkret dürfte das auch in vermehrte Nutzung münden. Eine Nutzung, die für Stefanie Schulte Strathaus – konträr zum Archivarsdenken – der beste Überlebensschutz auch für die Filme ist, schließlich kommen die überhaupt erst im Dialog mit dem Publikum zum Leben. So kann es in Anlehnung an manchen Film-Abspann heißen: „Bei diesem Programm ist kein Film zu Schaden gekommen.“ Ganz im Gegenteil.

Hier geht es zum Jubiläumsprogramm des Arsenals.

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