Filmkritik : Das Meer in ihr: "Die Frau, die sich traut"

Steffi Kühnert ist „Die Frau, die sich traut“ in Marc Rensings stillem Drama. Mit 50 Jahren wirft sie ihr altes Leben über den Haufen und trainiert dafür, durch den Ärmelkanal zu schwimmen.

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Trainingsrunde. Steffi Kühnert in Marc Rensings stillem Drama.
Trainingsrunde. Steffi Kühnert in Marc Rensings stillem Drama.Foto: X-Verleih

Die Frau, die sich traut. Vergessen wir den Titel. Möge sich sein Erfinder die Strafe selbst bestimmen. Aber wie das anfängt: Ein Kameraschnellschweben zwischen Himmel und Erde, nein, zwischen Himmel und Meer. Nicht, dass wir solche Anflüge auf einen Film aus der größtmöglichen Weite noch nie gesehen haben, und doch: Die Wolken scheinen, wenn man genau hinschaut, Sterberänder zu haben und das Grün der Wellen wirkt, als würde es den, der sich ihm anvertraut, nicht so leicht wieder hergeben.

Beate (Steffi Kühnert) wohnt zwar kurz hinter der Ostsee, aber sie geht nicht hin, oder nur selten, wenn ihre Enkelin da ist. Dabei ist das Meer im Zweifelsfall abwechslungsreicher als ihre Arbeit in einer Großwäscherei. Doch Beate ist dem wohlriechenden Stumpfsinn dieser Diktatur der Sauberkeit gewachsen.

Beate war immer allem gewachsen, was das Leben von ihr gefordert hat, darum hat es auch nie mit dem Fordern aufhört. Darum läuft sie jetzt auch mit dem Telefon am Ohr durch die dampfende Wäscherei und klärt mit ihrer Enkelin die Hausaufgabenfrage, wie viel Petra wiegt, wenn Frank 30 Kilogramm schwerer ist als sie und beide zusammen 130 Kilogramm auf die Waage bringen.

Marc Rensing („Parkour“, „Alles in Ordnung“) hat einen schönen, zurückhaltenden und doch sehr eindringlichen Film über die große Zeitenwende im Leben einer Frau gedreht. Beate ist bald ein halbes Jahrhundert alt. Dieser Schicksalsschlag sollte reichen für ein Jahr. Aber es bleibt nicht der einzige. Und das liegt nicht allein an der Logik des Kinos, das liegt mindestens ebenso an der Logik des Lebens, denn dieses lässt die bösen Ereignisse, und was der Unlebbarkeiten mehr sind, gern zeitgleich auf der Ziellinie eintreffen. Und was bedeutet es, dass Beate wieder blutet, wie zu der Zeit, als sie noch Kinder bekommen konnte?

Das Schöne an diesem Werk ist, dass es nie laut wird, sondern immer in einem beinahe liebenden Abstand zu Beate und anderen verbleibt. Marc Rensing, Jahrgang 1974, legt Steffi Kühnert diesen Film zu Füßen, die Virtuosin sämtlicher Halbtöne zwischen leisestem Verzagen und größter Ermutigung braucht ihn nur noch aufzuheben. Wie Beate nach Hause kommt: Beide Arme voller Einkaufstüten, sieht sie ihren erwachsenen Sohn (Steve Windolf) und seine Freundin gerade das Bett verlassen. Natürlich wohnen sie bei ihr. Der Anflug eines leichten Verdrusses auf Beates Gesicht verfliegt zugunsten der Erinnerung, dass das Leben vermutlich genau dort ist, wo zwei Menschen am Nachmittag so im Bett liegen können. Und außerdem wird sie heute noch mit ihrem Sohn ausgehen. Hat er das schon vergessen? Nein, hat er nicht, nur sei etwas dazwischen gekommen. Und es wäre dumm, abzusagen, das verstünde sie doch?

Beate kündigt in der Wäscherei und beginnt zu trainieren

Es ist die Aufgabe einer Mutter, zu verstehen. „Na ja, klar“, sagt sie auf unverwechselbare Steffi-Kühnert-Enttäuschungsweise. Aber der Gulasch, den sie gekocht habe, sei doch gut gewesen? „Wie immer“, antwortet der Sohn, und spürt nicht, wie weh dieses auf nachlässige Weise wohlwollende „Wie immer“ tut. Der Film ist voller solcher Momente der kleinen Beschädigungen und ihres halben Bemerkens.

Wie immer? Nichts ist wie immer. Sie ist gleich 50, das war sie noch nie, und ihr Unterleib erinnert sich auf so fragwürdige Weise an alte Zeiten. Es ist nur eine sehr kurze, allerbeiläufigste Einstellung im Film, die alles entscheidet. Die Frau sitzt im Flur der Gynäkologie, den denkbar ungünstigen Befund hat sie bereits, als eine Patientin ihren Tropf und sich langsam an ihr vorbeischiebt. So? So nicht. Der nächste Tag schon findet sie im Meer, und alle kommenden Tage auch.

Ihre Enkelin hatte unlängst im Oma-Schuppen ein paar kleine runde Bleche an bunten Bändern gefunden. Und hörte die merkwürdige Erklärung: „Deine Oma war einmal die schnellste Schwimmerin der DDR.“ Damals hatte sie gelebt. Und dann bekam sie mit 17 Jahren ihre Tochter. Alles vorbei, längst vorbei, das Schwimmen und das Leben auch! Sie mag solche Stellungnahmen ihres Unterbewusstseins nicht, die manche auch Realitätssinn nennen. Sie sagt ihren Kindern nichts. Mögen andere zur Chemotherapie gehen, vielleicht geht sie ja auch, später, aber erst schwimmt sie durch den Kanal. 33 Kilometer zwischen England und Frankreich.

Sie kündigt in der Wäscherei, sagt ihrem Sohn Alex, dass er die versprochenen 7000 Euro für ein neues Auto nun doch nicht bekomme. Die Fahrt nach Dover, er wisse schon. Und Fragen der Form, wie viel Petra wiegt, wenn Frank 30 Kilo schwerer ist, möge die Enkelin doch vorläufig mit ihrer Mutter klären. Vielleicht könne diese sogar kochen, selber kochen. Die Kinder sind verärgert. „Du, die wäscht nicht mehr!“, konstatiert fassungslos Alex’ Freundin. Und auch die engste Freundin Henni (Jenny Schily) beginnt, Beate mit anderen Augen zu sehen.

33 Kilometer bei 17 Grad durch den Ärmelkanal schwimmen, immer in der Gefahr, dass die großen Schiffe den Verkehrsteilnehmer da unten übersehen. Es ist Wahnsinn. Aber das Leben, diese immer fragile Form des In-der-Welt-Seins, ist letztlich auch nichts anderes. Gelingen oder nicht, es kommt nicht darauf an. Es ist ein Existenzbeweis. Einmal etwas nur für sich tun. Im 51. Jahr.

Adria, Blauer Stern Pankow, Cinema Paris, Cinemaxx Potsdamer Platz, FT am Friedrichshain, Kulturbrauerei, Passage

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