Filmkritik "Scarred Hearts" : Anatomie und Alltag

Rauchen, trinken, reden, Tuberkulose haben: Der Film „Scarred Hearts“ erzählt die Krankengeschichte des rumänischen Schriftstellers M. Blecher.

Stella Donata Haag
Welt in der Horizontalen. Die Langzeitpatienten in „Scarred Hearts“ nehmen das Leben und den Tod mit Galgenhumor.
Welt in der Horizontalen. Die Langzeitpatienten in „Scarred Hearts“ nehmen das Leben und den Tod mit Galgenhumor.Foto: Silviu Ghetie/Verleih

Der Strohhut ist erschütternd nutzlos in diesem Film. Der Student Emanuel reist in das Sanatorium am Meer wie in die Sommerfrische, doch sein Hut wird für den Rest des Films am Haken neben dem Spiegel hängen. Die Institution übernimmt sein Leben mit ihren Regeln und Ritualen. Um die von Tuberkulose zerfressenen Knochen zu schützen, wird er in Gipskorsetts gepackt. „Ich fühle mich wie eine Statue“, bemerkt Emanuel scherzhaft, denn das Anrecht auf ein Denkmal hätte er sich gerne noch verdient. Emanuel, der traurig-schöne Schmerzensmann, ist Dichter.

Er ist das Alter Ego des rumänischen Schriftstellers M. Blecher in dessen zweitem und zugleich letztem Roman „Vernarbte Herzen“, der 1937, ein Jahr vor seinem Tod mit knapp 30 Jahren erschien. Blecher gehört zu den großen Vergessenen der europäischen Literatur. Der Roman, eine unsentimentale literarische Verarbeitung von Blechers eigener, langer Krankheitsgeschichte, wird im Film nochmals stärker mit der Biografie des Autors verschränkt. Regisseur Radu Jude versteht „Scarred Hearts“ als einen Liebesbrief an seinen Landsmann.

Das Sanatorium am Meer ist ein Ort, an dem die Zeit in Jahren und Operationen gezählt wird. Einmal angekommen, existieren fast nur noch Innenräume: die einsamen Krankenzimmer, der gediegene Speisesaal mit den hohen Decken, die Folterkabinette des Chefarztes mit ihren bizarren orthopädischen Apparaturen. Eine Weitung des Blicks gibt es nur, wenn auf dem kleinen Friedhof des Sanatoriums eine Beisetzung ansteht.

Die Kranken pflegen Liebschaften und führen Diskussionen über Kunst und Politik

Die Tage vergehen mit Rauchen, Trinken, Reden. Die Insassen, die in ihren Gipspanzern nur liegen können, simulieren den Alltag. Sie pflegen Liebschaften und führen Diskussionen über Kunst und Politik auf der Probebühne des Lebens, mit dem Unernst der zweiten Besetzung, die genau weiß, dass sie es nicht auf die Hauptbühne schaffen wird. Zu den eleganten Betten, zur gesamten horizontalen Perspektive passen die langen Einstellungen und die gedämpfte Farbpalette der Bilder, deren abgerundete Ecken betont nostalgisch wirken – als wäre das Gezeigte eine ferne Erinnerung. Visuelle Assoziationen, die über das Erzählte hinausgehen, lösen die zeitliche Struktur weiter auf: Emanuels entscheidende Untersuchung ist in Licht und Komposition deutlich an Rembrandts „Anatomie des Dr. Tulp“ angelehnt. Nur richten sich die Blicke hier nicht auf eine Leiche. Noch nicht.

Dass Langzeitpatienten ein eigenes Sensorium für die Magie der Worte besitzen, ist ein literarischer Topos. In „Scarred Hearts“ wird nicht geschrieben, höchstens mal ein Gedicht rezitiert als Aphrodisiakum. Der Film zieht einen Teil seiner Wirkung aus der Sprache, dem Kontrast zwischen Anstaltsroutinen und einem manchmal albernen Galgenhumor. In den Zwischentiteln auf schwarzem Grund, aber auch in den rezitierten Texten bahnt sich die Literatur ihren Weg zurück in den Film: Die Patienten versuchen der Welt, die sich ihnen entzieht, durch Sprache habhaft zu werden. „Er fühlte eine plötzliche Zärtlichkeit für Dinge, Häuser, Plätze“, schreibt Blecher. Vielleicht war auch ein wenig Zärtlichkeit für den Strohhut dabei. Stella Donata Haag

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