Filmkritik: "Stromberg" : Witzig, witziger, Stromberg!

Acht Jahre und fünf Pro7-Staffeln lang lachte Deutschland über "Stromberg" und den Büro-Alltag. Jetzt kommen die Großraumhelden der Capitol-Versicherung alle nochmal ins Kino. Klasse Nachklapp, starker Abgang.

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Visitenkarte spezial. Bürohengst Bernd Stromberg (Christoph Maria Herbst) unterwegs.
Visitenkarte spezial. Bürohengst Bernd Stromberg (Christoph Maria Herbst) unterwegs.Foto: NFP/Warner

Ganz kurz ma’ eben: Alle lieben Stromberg, alle reden über ihn, Stromberg in allen Zeitschriften, wieder und noch mal auf allen Kanälen und erstmals auf Leinwänden. Aber was ist eigentlich mit Berthold „Ernie“ Heisterkamp?

Am Ende der fünften „Stromberg“-Staffel, mit der die Büro-Serie nach acht lustigen Jahren ihr Leben aushauchte, war Ernie zum Stellvertreter Strombergs in der Abteilung Schadensregulierung bei der Capitol aufgestiegen. Womit sich das ärmste Würstchen im Versicherungsbetrieb doch – nach allerhand Karrierchenknicks – irgendwie vorangeschleimt hatte auf einen letztlich mickrigen Posten. Die tragikomische Figur par excellence: in den melancholischsten Momenten mit einem Hauch vom großen Joachim Król und in den lustigsten mit ordentlich Optik vom mittelgroßen Otto. Anders ausgedrückt: ein Totalausfall, aber irgendwie Mensch geblieben, also das glatte Gegenteil von Stromberg.

Oder vielleicht nur sein Janusköpfchen, Strombergs Alter Ego minus das bisschen Stromberg-Selbstbewusstsein? In „Stromberg – Der Film“, womit Großraumbürodeutschland nun wohl endgültig wird Abschied nehmen müssen von einer seiner Lieblingsmythen, wird das hübsch deutlich. Ernie ist hier bloß das ab und an aufmuckende Mucksmäuschen neben der zwischen imaginären und realen Rigipswänden rotierenden Ratte, beide gehören zur selben, grässlich überlebensfähigen Kategorie Schreibtischkante-Nagetier. Der kleine Unterschied: Stromberg ist ’nen Tick lauter, schneller, peinlicher – aber in der Angestellten-Entfremdung, um nicht zu sagen: Denaturierung, schenken sie sich nichts. Im Film kommen sie sich mehrfach hübsch in die Quere und, final, angemessen komisch nahe.

Stromberg wäre nichts ohne seine Sidekicks: Schirmchen, Ernie & Co.

Aber da sind wir ja schon wieder bei Stromberg, dem titelgebend Unvermeidlichen! Dabei ist doch, zum Beispiel, auch Jennifer „Schirmchen“ Schirrmann viel interessanter, die dahinwelkende Singlefrau mit dem Charme des späten Mädchens, ja, die Philosophin unter den Büropflanzen, oder?

Schirmchen, die Geschiedene, die von Stromberg Dauerangebaggerte, denkt tatsächlich insofern dialektisch über ihre Existenz nach, als sie sich ein Draußen überhaupt noch vage vorstellen kann. Ein Draußen, das über jene Hamsterkäfigwelt hinausgeht, die die Capitol-Belegschaft auch zum Betriebsausflug anlässlich des 50. Firmenjubiläums mitnimmt, im Reisebus nach Botzenburg. Schirmchen hält, zwar fühlbar resigniert, immerhin den Schmerz offen, der mit einem gewissen Restbewusstsein angesichts jedes Büro-Schizo-Lebens einhergeht. Kein Wunder, dass sich Dauerquatscher Stromberg, der zugleich jegliches Erkenntnisinteresse manisch-panisch in sich niederkämpft, wie ein Hündchen an sie hält. Und tatsächlich lässt sich von Schirmchen zumindest viel über die Liebe lernen. Sie weiß: Liebe ist erstens wie Windpocken, zweitens wie Rubbellose und drittens wie ’n Engel mit Durchfall, und sie weiß auch, warum.

Auch im Kino ist Stromberg Rassist und Sexist - und jedem gefällt's

Aber das mit dem Engel mit Durchfall, war das nicht Stromberg selber? Also gut: endlich Stromberg. Die ärmste Wurst unter den Würstchen. Der Gute-Laune-Terrorist, der nicht begreift, dass sein „Spassss!“ nicht der Spaß seiner Leute ist. Bis er dann doch, ganz kurz ma’ eben, zu großer Form aufläuft – nicht gerade als Wolf of Wall Street, aber durchaus als Wölfchen von Botzenburg –, um sich sogleich den oberlausigen Vorgesetzten aus der Capitol-Zentrale anzubiedern. Oder Stromberg, der Rassist: „Türken sind ’ne Risikogruppe. Für einen Türken kann ich drei Vietnamesen versichern.“ Stromberg, der Sexist: „Die Frau ist doch nicht automatisch clever, nur weil sie scheiße aussieht.“ Kurzum: Stromberg, der Spießer, der mit seinem unterdrückten Kichern komplizenhaft aufs Echo im Kinosaal lauert. Klemmis aller Kassen, vereinigt euch!

Sonst noch was, das man wissen sollte? Erstens: „Stromberg – Der Film“ funktioniert prima ohne intime Vorkenntnis der Pro-7-Serie. Auch bringt Ralf Husmann, Stromberg-Erfinder und Drehbuchautor, seine Helden auf Spielfilmlänge souverän zur – gegenüber dem Serien-Halbstundenformat locker dreifachen – Strecke. Clever unterstützt durch Regisseur Arne Feldhusen schickt er Christoph Maria Herbst, Bjarne „Ernie“ Mädel und Milena „Schirmchen“ Dreißig und die anderen Alltagswracks ins total verrückte Dienstgetümmel. Statt im Büro macht sich die Capitol-Abteilung – in aristotelischer Formenstrenge – einen Abend, eine Nacht und einen Morgen im Landhotel zur Hölle, und das ist wunderbar scheußlich und noch viel wunderbarer komisch anzusehen.

Ein knappes Drittel des Budgets übrigens, eine Million Euro, brachten die Macher binnen einer Woche per Crowdfunding zusammen. Eindrucksvoll bestätigt das jenen Status der Serie, den man so gerne mit der Vokabel „Kult“ zu fassen sucht. Vor allem aber stärkte solcher Rückhalt durch die Fans das Selbstbewusstsein der Produktion gegenüber möglichen nivellierenden Förderer-Einreden. Das Ergebnis ist, untypisch für deutsche Komödien, richtig gut böse geraten. So sieht’s aus.

"Stromberg" läuft in 19 Berliner Kinos

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