Filmkritik "Vergiss mein Ich" : Die Wand zwischen mir und der Welt

Sind wir die, die wir bisher waren? Oder die, die wir sein könnten? Jan Schomburgs Film "Vergiss mein Ich" erkundet Fragen der Identität am Beispiel eines Gedächtnisverlusts.

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Das Ich erlernen. Lena (Maria Schrader) liest in ihren alten Tagebüchern.
Das Ich erlernen. Lena (Maria Schrader) liest in ihren alten Tagebüchern.Foto: realfictionfilme

Paare, langjährige zumal, halten sich gern an infantile Rituale. Lena und Tore zum Beispiel haben sich angewöhnt, bei der Erwähnung vorehelich Verflossener an deren Vornamen ein „F“ anzuhängen, „F“ wie „verflossen“. Klar wissen sie, dass sich „verflossen“ mit „V“ schreibt, und sie sagen es einander auch jedes Mal erklärungshalber hinzu. Aber es heißt eben etwa „Carola F.“ oder auch „Thomas F.“. Forbei, forbei.

Sie sind das langjährige Ehepaar Lena und Tore Ferben, aber als Lena sich selber irgendwann als „Lena F.“ bezeichnet, ist es auch mit dem verspielten Ritus längst vorbei. Sie selbst, zumindest ihre frühere Identität, ist eine Verflossene, Zerflossene, eine, die sich aufgelöst hat nach einer zu spät erkannten Hirnentzündung und anschließender Amnesie, aufgelöst nahezu ohne Rest. Lena weiß zwar noch, wie die deutsche Bundeskanzlerin heißt oder die Hauptstadt von Frankreich, so’n letztlich unnützes Zeug eben. Ihren Mann aber erkennt sie nicht mehr, ebenso wenig ihre Freunde. Und am wenigsten sich selbst.

Nur: Wer ist man denn eigentlich? Die Summe dessen, was man bisher war? Oder die – fraglos größere – Summe dessen, was man sein könnte? Diese reizvolle Fragestellung steht am Beginn von Jan Schomburgs „Vergiss mein Ich“, seinem zweiten Langspielfilm nach „Über uns das All“ (2011). Lena also kehrt unter den Augen ihres so fürsorglichen wie diszipliniert entsetzten Mannes (Johannes Krisch) nach dem Krankenhausaufenthalt in ihr gemeinsames schönes Haus zurück; schreitet die Räume in einer langen Einstellung wie tastend ab, bis sie sich, irgendwo im Obergeschoss, in der Unschärfe verliert. Nichts erinnert sie dort, wo doch alles sie erinnern sollte.

Lena geht mit Roman ins Bett

Zweifach sucht sie sich zusammenzusetzen: Sie schreibt ihre alten Tagebücher ab, schaut alte Geburtstagsvideos und Filme, lernt Sätze und Gesten auswendig, übt eine Rolle ein, die sie „Mein gewesenes Ich“ nennen könnte. Andererseits streunt sie, wie ein Kind alles neu bestaunend, durch die Stadt und gerät in Situationen, Zufallsbegegnungen. Eine heißt Roman (Ronald Zehrfeld), und Lena geht mit ihm mit, zielstrebig, bis ins Bett. Was ist das, Sex, was macht man dabei? Der Mann sagt: „Keuchen, Stöhnen.“ Sie wendet den Vorschlag an, bis er dann doch in – staunendes – Erleben übergeht.

Bis hierher lädt der Film dazu ein, selber wie in den Fußspuren der aufmerksam fremdelnden Heldin in etwas genuin Neues hineinzuwandern. Auch stört – anders als oft in Spielfilmen, die von einer Krankheit handeln – das Wissen nicht, dass hier eine Gesunde eine Kranke nur spielt, und täte sie das noch so souverän. Maria Schrader stellt, das zeigt ihr immer wieder kunstvoll wechselnder Blick, eine durchsichtige Wand zwischen sich und die Welt. Den Rest besorgt die hin und wieder eingesetzte subjektive Kamera (Marc Comes), die die Schemen der anderen, ihre diesseitige Fratzenhaftigkeit fokussiert und loslässt, je nach dem.

Tut Kindermund Wahrheit kund?

Schwieriger wird es, als Lenas emotionale Unbeschriebenheit sich an der Allerweltsmoral ihrer Umgebung stößt. So macht Tore ihr eine Eheszene vom Drehbuchreißbrett, als Lena ihm wahrheitsgemäß von der Begegnung mit Roman berichtet. Ein paarmal noch sucht das Drehbuch derart komödiantische Konstellationen und wirkt dabei bald bloß denunziatorisch. Lena? Der Kindermund, der Wahrheit kundtut, haha. Tore? Eine leidende Witzfigur. Die Freunde? Ein auf Knopfdruck aufgeregter Hühnerhaufen, der mit allem oberlocker zurechtkommt, nur mit der Wahrheit nicht.

So versimpelt sich das, bis zum Schluss. Auch wenn Lena und Tore nichts herzlicher zu wünschen wäre, als miteinander wieder in jene Unschärfe zu gehen, die man gemeinhin Leben nennt.

Filmtheater am Friedrichshain, Kant, Hackesche Höfe, Passage

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