Filmporträt "Yaloms Anleitung zum Glücklichsein" : Blaue Stunde mit einem Weltweisen

Sein Roman "Und Nietzsche weinte" war ein Weltbestseller. Jetzt hat die Filmemacherin Sabine Gisiger den Psychotherapeuten Irvin D. Yalom in "Yaloms Anleitung zum Glücklichsein" porträtiert - beglückend.

von
Glücklich. Die Eheleute Irvin und Marilyn Yalom. Foto: Alamode
Glücklich. Die Eheleute Irvin und Marilyn Yalom.Foto: Alamode

Es muss ein Septemberlicht sein: Die blaue Skyline einer amerikanischen Großstadt, davor der Fluss, eine Nuance heller. Langsam fährt ein großes Schiff ins Bild, in eben solchem Verklärungsblau. Vielleicht soll diese Anfangsszene an die Lebensreise erinnern, daran, dass Zeit Frist ist, dass das Dasein endlich ist. Aber die Komposition in Blau ist auch ein Licht des Einverständnisses: Man meint zu wissen, dass nichts verloren gehen kann. In diesem Unendlichkeitsblau muss selbst das Aufhören, das Sterben leicht sein.

Die Filmemacherin Sabine Gisiger hat ein Porträt des vielleicht bekanntesten Psychotherapeuten der Welt gedreht, Autor des Lehrbuchs „Theorie und Praxis der Gruppentherapie“. Irvin D. Yalom ist jetzt 84 Jahre alt. Seine Romane „Und Nietzsche weinte“ oder „Die Schopenhauer-Kur“ sind Bestseller, international.

Das Gute an „Yaloms Anleitung zum Glücklichsein“ ist, dass sie nicht hält, was sie verspricht. Statt sich in Leitfäden zu verwickeln, spricht Yalom über sein Leben: wie man wird, was man ist. Die Eltern, 1920 aus Polen eingewandert, lebten auch in Washington in ihrem Schtetl: mit Familien aus demselben Dorf, sie kannten sonst niemanden. Er, sagt Yalom, habe nur eins gewollt: raus.

Zumal seine Mutter nicht die kleinste Widersätzlichkeit duldete, schon gar nicht von ihrem Mann. Aber dass ihr heranwachsender Sohn zwei Jahre lang nicht mit ihr sprach, konnte sie nicht ändern. Statt auf der Straße verbrachte der junge Yalom seine Tage in der Washingtoner Zentralbibliothek. Lieblingsautoren: Tolstoi und Dostojewski.

Konflikte und Vorlieben seiner Jugend sind demnach nicht unbedingt universell. Doch machen nicht zuletzt diese Entlegenheiten den Reiz des Films aus.

Was lehrt „Yaloms Anleitung zum Glücklichsein“? Dass Trauer schwerer zu bewältigen ist, wenn man mit dem Toten nicht im Reinen ist. Dass am Ende jeder seine eigene Welt bewohnt, Einzelhaft, lebenslang, im eigenen Ich. Nichts, das man nicht schon wüsste. Aber diesem Weltweisen zuzuhören, heißt, es tiefer zu verstehen. Auch wegen solcher Sätze: „Meine Mutter hat keines meiner Bücher gelesen, ihr Englisch war nicht gut genug. Aber sie hat daran gerochen.“
Eva, Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, OmU: FaF, fsk, Kant, Passage

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben