Filmreihe für Regieavantgardist Zbynek Brynych : Mit höchster Geschwindigkeit

Ein Avantgardist, der das deutsche Kino modernisierte: Das Zeughauskino feiert den tschechischen Regisseur Zbynek Brynych mit einer Filmreihe.

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Martin Benrath als Emigrant in der Remarque-Verfilmung "Die Nacht von Lissabon".
Martin Benrath als Emigrant in der Remarque-Verfilmung "Die Nacht von Lissabon".Foto: Zeughauskino

Die Liebe in dieser „Vorstadtromanze“ ist eine mobile Angelegenheit. Ein Unfall sorgt für die erste Begegnung von Mirek und Helena. Die Postbotin ist mit ihrem Dienstwagen in das Gerüst gefahren, das der Maler durch die Straßen der Prager Vorstadt Žižkov geschoben hat. Zum ersten Kuss kommt es auf einem Rangierwagen, der fahrerlos über die Gleise rollt. Zurück in ihrer Wohnung träumt die schöne Helena von ihrem Handwerker, der ein Wohnblock-Casanova ist. Mit seiner Baritonstimme singt er einen Schlager für sie: „Steh’ auf, meine Liebste, mach’ die Augen auf und du findest mich neben dir / Steh’ auf, meine Liebste, der Himmel ist blau gestrichen, der Schmutz wird weggefegt, guten Tag, Sonne“.

Unentwegt Gas geben

In Zbynek Brynychs zauberhafter Komödie „Žižkovská romance / Vorstadtromanze“ wird unentwegt gerannt, überholt, Gas gegeben. Die Figuren sind ständig auf dem Sprung. Gejagt werden sie von ihren Gefühlen. Der Film vertrat die CSSR 1958 beim Festival von Cannes. Es sei die erste tschechische Produktion gewesen, die „dem Pomp und der Pose des stalinistischen Superfilms ins Gesicht spuckte“, befand der Filmhistoriker Antonin J. Liehm. In einer Szene dreht Mirek die Stimme des Radiosprechers weg, die ein Bergarbeiterfest ankündigt, um Swing zu hören. Im Realsozialismus war das schon beinahe Aufruhr.

Die „Vorstadtromanze“ gehört zu den Höhepunkten der Filmreihe, mit der das Berliner Zeughauskino den tschechischen Regisseur Zbynek Brynych (sprich: Sbinjeck Brinnich) feiert. Wobei er wahrscheinlich nie einen schlechten Film gedreht hat. Brynych, der 1927 in Karlsbad geboren wurde und 1995 in Prag starb, verband schon in frühen Werken wie der Episodengeschichte „Pet z milionu / Fünf von einer Million“ (1959) oder dem Kolportage-Spionagethriller „Smyk / Dem Abgrund entgegen“ (1960) die Genauigkeit seines Blicks für Milieus mit der Lust an spielerischen Einfällen. In der „Vorstadtromanze“ platziert er die Kamera auf der Rückbank des Postwagens, in seiner Extremkomödie „Die Weibchen“, in der Männer zu Hackfleisch verarbeitet werden, zeigt er eine Bahnfahrt durch ein Fischaugenobjektiv.

Kino der Ekstase

Die Wiederentdeckung von Brynych ist auch seinem Verehrer Dominik Graf zu verdanken, der schwärmte: „Er hat das Kino in eine Ekstase getrieben, wo es vorher noch nie war“. Von 1969 bis 1971 arbeitete Brynych in Deutschland, drei Jahre, in denen er mit Episoden wie „Mord im TEE 91“ und „Der Schlüssel“ (beide im Zeughauskino zu sehen) die bedächtigen Ermittlerreihen „Der Kommissar“ und „Derrick“ zu einer Hard-boiled-Sache machte und vier Kinofilme realisierte, die zu den interessantesten der Ära gehören.

Brynych steht in der surrealen Tradition des tschechischen Kinos. Die Wirklichkeit seiner Filme gleicht oft einem Traum. Im Drama „O Happy Day“ sinkt ein 17-jähriges Mädchen in einem Kugelsessel in den Schlaf. Ihr erscheint der Chauffeur ihres Vaters. Die Flucht über den Flokatiteppich ist zwecklos. Es folgt eine popartbunte Orgie, die nur im Kopf des Teenagers stattfindet. Happy Day? Eher nicht. 

Zeughauskino, 1. bis 30 Juli. Infos: www.dhm.de/zeughauskino

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