Filmsatire "Heil" von Dietrich Brüggemann : Ein Käfig voller Dumpfbacken

Glatzen, Panzer und Provinztussis: Dietrich Brüggemann kombiniert in seiner Neonazi-Satire „Heil“ fantasievolle Turbulenzen mit ermüdenden Witzwiederholungen.

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Benno Fürmann (links) als lokaler Obernazi und Jerry Hoffmann (Mitte) als Bestseller-Autor.
Benno Fürmann (links) als lokaler Obernazi und Jerry Hoffmann (Mitte) als Bestseller-Autor.Foto: X-Verleih

Dass Regisseure sich – nach Hitchcock- Vorbild – in ihren eigenen Filmen besetzen, passiert immer wieder, meist in Form des einmaligen augenzwinkernden Cameo-Kurzauftritts. In „Heil“ gibt Dietrich Brüggemann den vor einer Klinik stehenden rauchenden Patienten, der einer Schwangeren zuraunt: „Haben Sie sich das auch gut überlegt, ob Sie in diese Welt ein Kind setzen wollen?“

Der Satz ist selbstredend eine Phrase, wie so viele absichtsvoll gesetzte Phrasen in „Heil“, doch angesichts des reichlich irren umgebenden Geschehens durchaus nicht unschlau. Kurz darauf nimmt Brüggemann seinen neuen Film, auch das recht clever, vor den politisch korrekten Besserfühlern in Schutz, in Gestalt eines in eine Talkshow eingeladenen Brüggemann-Darstellers (Tom Lass). Die Frage, ob man über Neonazis Witze reißen dürfe, bejaht er, allerdings mit staatstragender Einschränkung: „Aber das Lachen muss im Halse stecken bleiben.“

Vorher aber muss es sich aus Zwerchfelltiefen auf die Reise in den Hals machen, und da tun sich die Animateure deutscher Politkinokomödien erfahrungsgemäß schwer. Zuletzt sind Dany Levy („Mein Führer“) im Genre der intelligenten Nazi-Farce und Hans Weingartner („Free Rainer“) in jenem der ehrgeizigen Medien-Klamotte krachend gescheitert. Dietrich Brüggemann will gleich beide Genres packen und scheucht, hochtourig klamaukselig, sein Dusseldeutschland über die Leinwand. Vom dicken Naziproll zum doofen Verfassungsschützer, von der ultrarechten Albtraumfrau zum unterkomplexen Dorfpolizisten, vom eitlen Medienaffen bis zur werdenden Mutti-Tussi ist allerhand dabei. Ein Käfig voller Dumpfbacken: Das muss kesseln!

Mit geklauten Panzern nach Polen

Hübsch erfunden schon mal die wichtigste Location: ein Kaff namens Prittwitz in einem Dreiländereck namens Brandenburg, Sachsen und Thüringen. Hier kämpft Wachtmeister Sascha (Oliver Bröcker) tapfer gegen die örtlichen Glatzen, wird aber, weil er vor der Kamera des TV-Journalisten Florian (Richard Kropf) zu freimütig plaudert, vom Bürgermeister – ja, so rustikal direkt läuft das auf dem Dorfe – flott zur Verkehrsüberwachung versetzt. Andererseits hat sich Sascha - wo die Liebe hinfällt! – in die Dorfschöne Doreen (Anna Brüggemann) verguckt, die nur weltunterjochungsgeile Adolf-Alphamännchen an sich ranlassen will. Genau deshalb will der ebenso heftig in Doreen verschossene lokale Obergurkentruppenführer Sven (Benno Fürmann) unbedingt mit ein paar geklauten Panzern heute Polen erobern und morgen die ganze Welt.

Damit nicht genug. Ausgerechnet nach Prittwitz verirrt sich der afrodeutsche Antirassismus-Bestsellerautor Sebastian (Jerry Hoffmann) zwecks Lesung, erhält allerdings bereits im Bahnhofstunnel seitens der Nazischläger ein paar nicht eben leichte Schläge auf den Hinterkopf, die sein Denkvermögen akut umkrempeln: Fortan quasselt er, mutiert zum infantilen Nazi-Maskottchen, Svens Sprüche nach und wird vom Talkshow-Liebling des netten Deutschland zum Kronzeugen der rechten Ultras. Seine hochschwangere Liebste Nina (Liv Lisa Fries) wiederum überwindet ihre Eifersuchtsanfälle und stürzt sich, gemeinsam mit Sebastians afrodeutscher Ex-Freundin Stella (Thelma Buabeng), ebenfalls ins Kuddelmuddel: Irgendwie muss ihr süßer Junge doch aus den Klauen der rechten Dumm- und Bösebeutel zu retten sein.

Offenbar hält der Brüggemann sein Publikum für begriffsstutzig

Lustig? Zumindest enorm fantasievoll. Doch als genügte das Turbulenzpotenzial dieser Figuren nicht, würzt der Film letztlich imponiersüchtig mit strunzdoofen BND-Leuten, wirrköpfigen AntifaKämpfern, näselnden Kulturschnöseln und jederzeit kloppereibedürftigem braunem Bodenpersonal nach. Schon die schiere Masse dieses Krasskomödienstadls lässt bald Müdigkeit aufkommen. Wie sie da alle rennen, in die sperrangelweit offenen Türen hinein!

Das eigentlich Problem von „Heil“ aber, immerhin fast zwei Stunden lang, steckt in der Dramaturgie. Erbarmungslos regiert das witzvernichtende Prinzip Wiederholung: zweimal der Dorfbürgermeister in Standpaukenaktion, zweimal der – tatsächlich! – auf dem rechten Auge blinde Richter, mindestens vier Schlägereien, bei denen Sebastian mindestens dreimal „Kissenschlaaacht!“ tröten muss. Hinzu kommen exakt drei hohl tönende Talkshows; als zelebrierte dieses total zernutzte TV-Format nicht längst allabendlich sein eigenes Komikpotenzial, unfreiwillig, versteht sich.

Hält der Regisseur, bei so viel Überdeutlichkeit, sein Publikum etwa für ähnlich begriffsstutzig wie seine Figuren? Immerhin für ein paar Minderblöde hat er dann doch Verwendung gefunden. Wachtmeister Sascha und Reporter Florian haben wenigstens das Herz auf dem halblinken Fleck, und Stella ist eine ganz Coole: Sie kann sogar die gewesenen Modephilosophen Deleuze und Baudrillard von Roland Barthes unterscheiden. Und dann ist da, auch er doppelt, ein gewisser Brüggemann.

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