"Florian Berg ist sterblich" von Janko Marklein : Bibliothekarinnen küsst man nicht

Norddeutsche Schwermut, Liebe in der Mensa: Janko Markleins fabelhafter Debüt-Roman "Florian Berg ist sterblich"

Tomasz Kurianowicz
Janko Marklein
Janko MarkleinFoto: Kat Kaufmann

Florian Berg ist ein typischer Grübler im Teenager-Alter aus den Tiefen der norddeutschen Ebene. Er war noch nie verliebt und glaubt, dass sein Heimatort Wulsbüttel zwischen Bremen und Bremerhaven so eine Art verdichtetes Bild der Wirklichkeit ist. Irgendwie hat er ja Recht, der Protagonist aus Janko Markleins Debüt-Roman „Florian Berg ist sterblich“. Denn in Wulsbüttel passieren die gleichen Dinge wie in Leipzig oder Berlin. Es wird geliebt und gestritten, geheiratet und geschieden, gelebt und gestorben. Nur die Umgebung mag eine andere sein. Keine Hochhaus-Siedlung, nur ein Forellenteich im Nirgendwo.

Markleins Coming-of-Age-Story liest sich ein bisschen so wie ein Spaziergang am Meer. Man spürt die frische Brise, die einem ins Gesicht weht, aber man kann die Richtung nicht bestimmen. So ähnlich geht der 1988 in Bremen geborene Autor, der in Leipzig Literarisches Schreiben und Philosophie studiert hat, auch mit den Konflikten seiner Protagonisten um. Sie passieren in Nebensätzen und werden derart süffisant aus dem Hinterhalt inszeniert, dass man sich fragt, woher die Energie dieses leise instrumentierten Textes eigentlich kommt. Florian Berg tut, was die meisten Menschen in Norddeutschland tun, wenn sie das dreizehnte Lebensjahr erreichen und merken, dass sie den größten Konflikt in sich selbst austragen müssen – zu entdecken, wer man ist.

Das buch enthält eine der skurillsten Abfuhren der Literaturgeschichte

Florian versucht, eine Art Außenseiter mit Ansagestatus zu sein: Er gründet einen Verein ohne Namen, dessen Existenzberechtigung darauf beruht, dass jedes Mitglied nach dem Eintritt höhere Popularitätswerte bei den Altersgenossen erzielt. Zwischendrin bekommt der Leser einen Einblick in die Dramen des Erwachsenenwerdens: Da ist Udo, ein Abiturient, der keine Freunde hat, deswegen seine Zeit mit Florian verbringt und sich unsterblich in eine Bibliothekarin verliebt. Deren Bücher-Bus macht regelmäßig in Wulsbüttel Halt, um den Kindern ein Stückchen Leben und Harry-Potter-Bände zu bringen.

Die Szene, in der Udo die Bibliothekarin zu küssen versucht, gehört zu den skurrilsten Abfuhren der Literaturgeschichte. „Als Sally an Udo vorbeiging, umfasste er mit beiden Händen ihre Hüften und drehte sie zu sich, dann beugte er den Kopf vor und versuchte, sie zu küssen. Er streckte die Zunge aus dem Mund, noch bevor er bei Sallys Gesicht angekommen war. Sally drehte den Kopf zur Seite. Udo stieß mit seiner Zunge gegen ihr Ohr. Sally versuchte, sich aus Udos Griff zu befreien, aber er hielt sie fest umklammert. Er küsste sie mehrmals auf den Mund, obwohl Sally ihren Kopf hin und her warf. Dann gelang es ihr, einen Arm zu befreien. Sie schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht, Udo zuckte zusammen, sie rollte sich unter ihm weg, stand auf. Udo blieb liegen, mit dem Gesicht zum Boden. Er schluchzte.“

Auch die leisen Zerwürfnisse zwischen Florians Eltern, die schon im Berufsleben soviel eint wie trennt, sind Gegenstand seiner verletzend genauen Beobachtungen. Die Mutter ist in Wulsbüttel als Pastorin für die Beerdigungen zuständig. Der Vater, ebenfalls ein Pastor, übernimmt die Hochzeiten. Obwohl die Eltern schon lange erwachsen sind, wissen sie ebenso wenig, was es heißt, erwachsen zu sein. Längst ist ihnen die Leidenschaft abhanden gekommen, was den Vater aber nicht daran hindert, aus Frust (und als Zeichen des leisen Aufbegehrens) zu Jugendaufnahmen seiner Frau zu masturbieren. Florian erwischt ihn dabei.

Die Hälfte der Kapitel spielt in Leipzig, zu Beginn von Florians Philosophiestudium. Line, eine Mitstudentin von Florian, verliebt sich in ihn, ohne ihm eine Form von Gegenliebe entlocken zu können. Im Gegenteil, Florian versucht mit allen Mitteln, dem politisch überkorrekten Mädchen klar zu machen, dass er sie nicht liebt – etwa beim Mittagessen in der Mensa: „Er versuchte, den Brei aus Omelett und Kartoffelpüree hinunterzuschlucken, und musste würgen. Line bot von ihrem Kamillentee an. Er nahm einen Schluck, verbrannte sich die Zunge. Noch einmal versuchte er zu schlucken, diesmal gelang es. Dann sagte er: ‚Ich liebe dich leider nicht. Vielleicht liegt das daran, dass ich in letzter Zeit so viel zu tun habe. Wahrscheinlich hängt es, wie gesagt, auch damit zusammen, dass ich dich nicht besonders attraktiv finde.’“

In Leipzig trifft Florian auf die typischen Elemente eines geisteswissenschaftlichen Daseins: ranzige Studienstiftler und deren linksradikal verblendete Widersacher. Er begegnet der Liebe und vielen bohrenden Fragen. Der Kitt, der alles zusammenhält, ist Janko Markleins fabelhaft leiser Ton – und sein Talent, seinen Figuren mit Zärtlichkeit und Zuneigung zuzusehen.

Janko Marklein: Florian Berg ist sterblich. Roman. Blumenbar Verlag, Berlin 2015. 336 Seiten, 20 €.

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