Kultur : Flucht nach innen

„Made in Germany“: Was taugt die junge deutsche Kunst? Eine Bestandsaufnahme in Hannover, im Vorfeld der Documenta.

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Rätselhafte Bibliothek. Simon Fujiwaras Installation „The Personal Effects of Theo Grünberg“ im Kunstverein Hannover. Foto: Kay Riechers
Rätselhafte Bibliothek. Simon Fujiwaras Installation „The Personal Effects of Theo Grünberg“ im Kunstverein Hannover. Foto: Kay...

Als Lena Meyer-Landrut vor zwei Jahren den Grand Prix d’Eurovision gewann und wenig später der neue Bundespräsident aus Hannover kam, da fragte man sich verwundert, warum aus dieser eher durchschnittlich großen, durchschnittlich aufregenden Stadt in der niedersächsischen Provinz so viele Siegertypen stammen. Mag sein, dass die Geschichte sowohl für das Poptalent als auch das Staatsoberhaupt dann nicht mehr ganz so gut verlief. Trotzdem hält sich in Hannover das Gefühl, Ursprungsort jüngster deutscher Bedeutsamkeiten zu sein. Oder zumindest ein besonderes Gespür dafür zu besitzen.

Das gilt auch für die Kunst. Zum zweiten Mal versammeln die drei Ausstellungshäuser der Stadt – Sprengel-Museum, Kestner-Gesellschaft, Kunstverein – in der Gemeinschaftsschau „Made in Germany“ Werke von jungen deutschen Künstlern. Die Stadt will das Publikum auf seinen Touren zur Documenta in Kassel oder zur Art Basel zum Zwischenstopp in Hannover animieren. Qualitätsware aus bundesdeutschen Ateliers soll vorgeführt werden.

Der Slogan „Made in Germany“ ist ein Gütesiegel der Industrie, das vor 125 Jahren in Großbritannien eingeführt wurde, ursprünglich um vor minderwertigen Produkten aus Deutschland zu warnen. Der Titel spielt also augenzwinkernd auf das Label guter deutscher Wertarbeit an. Und doch stößt diese Vereinnahmung von Künstlern jeglicher Herkunft, solange nur der Wohnsitz passt, für einen kruden Nationalstolz unangenehm auf. Ja, die ganze Art der Verkaufe ist unangenehm. In der Kunst wird nun mal kein Sieger gekürt, auch wenn Deutschland mit Gerhard Richter den teuersten lebenden Maler hat.

So bleibt nach allem Trommelwirbel die Ausstellung selbst: Sie versammelt 44 Künstler, die um die 30 Jahre alt sind. Neun Kuratoren reisten zwei Jahre lang durchs Land – und wurden meistenteils in Berlin fündig. Doch während bei der ersten Ausgabe von „Made in Germany“ vor fünf Jahren, mehr noch beim Vorgängermodell „German Open“ 1999 im Kunstmuseum Wolfsburg, noch etwas vom gemeinsamen Aufbruch in der Kunst zu spüren war, von einer ganz eigenen Stimmung, haben sich die Szenen seit den „Roaring Nineties“ von Berlin längst multipliziert. Statt der nun ausgewählten Kandidaten könnten es genauso gut 44 andere sein. Trennschärfe, auch in den sehr allgemeinen Kapiteln wie „Vernetzungen“, „Räume“ oder „Medium als Material“ gehört nicht zu den Stärken der Schau.

Fast beginnt man die zuvor unglücklich gestartete Berlin-Biennale dafür zu schätzen, dass sie wenigstens ein starkes Statement abgibt, auch wenn ihr Kurator Artur Zmijewski die Kunst für agitatorische Zwecke vereinnahmt. In Hannover dagegen fällt das Stichwort Politik kein einziges Mal. Das interessiere die Künstler nicht mehr, lautet die erstaunliche Begründung. Zwischen diesen beiden Polen – der Polit-Biennale in Berlin und dem ästhetischen Kaleidoskop von Hannover – könnte die Documenta in Kassel doch noch spannend werden, die in drei Wochen beginnt und von der bisher so gut wie nichts nach außen gedrungen ist.

Für das Dilemma der Kuratoren von Großausstellungen, die einerseits eine griffige These umzusetzen haben, andererseits einen weiten Bogen spannen müssen, hat die in Berlin lebende Künstlerin Alicja Kwade im Kunstverein die passende Metapher gefunden. „Durchbruch durch Schwäche“ nennt sie ihre Installation, bei der Uhrengewichte der letzten vier Jahrhunderte – gegossene Tannenzapfen, metallene Zylinder – an Ketten unterschiedlich tief von der Decke hängen und zugleich durch den Boden hindurchzudringen scheinen, als befänden sie sich im Fluss der Zeit. Stillstand, Bewegung, Gegenwart, Vergangenheit paaren sich in dem begehbaren Bild – von allem ist etwas dabei. Schön anzusehen ist das schon.

Überhaupt gelingen dem Kunstverein die stärksten Momente der Schau. Er bietet Räume, in denen sich die Künstler entfalten können und nicht wie im Sprengel-Museum nach Farben und Formen geordnet werden. Auch hier findet sich eine Spiegelung der Kuratoren-Situation in einer künstlerischen Arbeit, diesmal absichtsvoll. Michael Riedel nahm die Vorbereitungsgespräche der Ausstellungsmacher auf Band auf, transkribierte sie und gestaltete den Text als Wandornament. Um Lesbarkeit geht es ihm dabei nicht. Das Wort wird hier zum sinnentleerten Schauobjekt und gewinnt Warenwert für den Markt. Doch diese Virulenz wird gleich wieder abgeschwächt durch die Nähe von Olaf Holzapfels Heubildern, die aus in sich gedrehten Halmen bestehen.

Passend dazu hat er eine Fachwerkkonstruktion aus klassisch verzapftem Gebälk mitten in den Raum gestellt. Riedels scharfe Diskursattacke landet plötzlich auf dem Land bei Heu und Holz, auch wenn der benachbarte Künstler mit seinem Beitrag nicht die bäuerliche Idylle meint, sondern auf Formen des Konstruktivismus anspielt.

So sind Großausstellungen immer auch eine Aneinanderreihung von mal mehr, mal weniger geglückten Kombinationen. Viele Künstler wehren sich dagegen, indem sie einen Kokon um sich bilden, der aus gefüllten Räumen, Requisiten, Filmen, ganzen Erzählungen besteht. Simon Fujiwara ist darin ein Meister, wie er schon vergangenes Jahr bei „Based in Berlin“ bewies, als er einen exklusiven Platz in der Berlinischen Galerie erhielt. Diesmal erzählt er die Geschichte einer rätselhaften Bibliothek, die er angeblich auf dem Flohmarkt fand und deren Eigentümer er nun sucht. Die bizarre Konstellation der Bilder, Bände, bis hin zu einer Schlangenhaut hinter Glas in den rekonstruierten Schrankwänden könnten sowohl von einem Amazonas-Forscher wie einem Sexualwissenschaftler stammen.

Am Ende werden es diese Kulissenschieber sein, die am eindrücklichsten von „Made in Germany“ in Erinnerung bleiben, darunter Reynold Reynolds, der die Geschichte eines Vampirfilms aus den dreißiger Jahren rekonstruiert und in Teilen sogar vor Publikum nachdreht; oder Dirk Dietrich Hennig, der eine fiktive psychiatrische Klinik nachbaut, in der sein alter ego Jean Guillaume Ferrée einst lebte. Es ist eine Flucht nach Innen, in den Wahn und die Vergangenheit, um dem Aktualitätsdruck, dem Kunstzirkus zu entgehen. Die Erfolgsgeschichte der Kunst aus deutschen Ateliers lässt sich doch nicht ganz so einfach erzählen. Dafür sorgen schon die Künstler selbst durch die Brüchigkeit ihrer Werke. So ist Hannover dann doch der richtige Ort in seiner Normalität und Gewöhnlichkeit.

Sprengel-Museum, Kestner-Gesellschaft, Kunstverein Hannover, bis 19. 8. Katalog (Verlag für moderne Kunst) 28 € bzw. 35 €. www.madeingermanyzwei.de

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