Flüchtlinge auf dem Weg nach Mitteleuropa : Die Balkanroute ist der Weg der Hoffnung

Alles kann man den Menschen auf der Flucht nehmen – nur nicht die Hoffnung. Der serbische Schriftsteller Vladimir Arsenijevik über Europas Drama.

Nachtwanderung. Flüchtlinge sind auf dem Weg, die Grenze zwischen Ungarn und Serbien zu überqueren, eine Station der Balkanroute.
Nachtwanderung. Flüchtlinge sind auf dem Weg, die Grenze zwischen Ungarn und Serbien zu überqueren, eine Station der Balkanroute.Foto: Balazs Mohai/dpa

Seit 2015 wird die Balkanroute nach Europa ohne Pause von abertausenden Flüchtenden in der Hoffnung genutzt, dass sie am Ende finden, was jeder Mensch ohne Zweifel verdient: ein kleines bisschen privates Glück.

Ungeachtet der enormen medialen Aufmerksamkeit scheint es jedoch sehr einfach, diese dramatische Flüchtlingsroute im Land selbst schlicht zu übersehen. Die Reise kann in gnadenvoller Kenntnislosigkeit vergehen, wenn man andere Wege und Straßen nimmt. Ebenen, Hügel und Berge ziehen am Betrachter vorbei. Tankstellen großer globaler Konzerne, Restaurants und verdreckte Mautstationen wechseln sich in regelmäßigem Rhythmus beiderseits der Straße ab. Buchstäblich nichts weist darauf hin – auch nicht für einen einzigen, flüchtigen Augenblick –, dass sich gleich um die Ecke das Dramatischste abspielt, was Europa je erleben durfte, nämlich eine der größten Fluchtgeschichten der Menschheit.

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Der Straße zum privaten Glück verbindet die Türkei, Griechenland, Mazedonien und Serbien, bindet sie wieder an Ungarn und Kroatien an und führt unweigerlich immer weiter bis zu ersehnten Zufluchtsorten wie Deutschland, den Niederlanden, Belgien, dem Vereinigten Königreich und Schweden. Wenn es den Flüchtenden also gelingt, auf ihren winzigen Booten und Flößen vom türkischen Izmir die nordwestliche Ägäis bis zu den nahen griechischen Inseln Lesbos und Kos zu erreichen, dann finden sie gewiss auch eine Möglichkeit, per Fähre nach Piräus überzusetzen, dem Hafen von Athen. Danach gelangen sie per Bus weiter zur griechischen Nordgrenze zu Mazedonien und dem Flüchtlingslager am Rande der Grenzstadt Eidomeni.

Von dort ziehen sie unter den wachsamen Augen der griechischen und mazedonischen Grenzschützer weiter nach Gevgelija auf der anderen Seite und dann mit dem Zug ins winzige Dorf Tabanovce gleich an der serbischen Grenze. Nicht weit entfernt liegt das Dorf Miratovac, wo man ein provisorisches Flüchtlingslager eingerichtet hat, und wenige Kilometer auf der unbefestigten Straße bringen sie zum sogenannten „One-Stop-Zentrum“ nahe der Stadt Preševo. Wer hier auf wundersame Weise immer noch etwas Geld in der Tasche hat, kommt bis zur serbischen Hauptstadt Belgrad oder direkt zur Grenzstadt Šid und von dort nach Kroatien, also erneut hinein in die EU und den Schengenraum. Von hier aus sind es bloß noch ein paar Schritte bis zum Endpunkt der langen Reise, die die Flüchtenden, angetrieben vom Glauben an ein besseres Leben, den der legendäre Wohlstand der Sozialstaaten in West- und Nordeuropa nährt, auf sich genommen haben.

„Ich weiß, Vertriebene nähren sich mit solcher Hoffnung gern!“, sagt Aigisthos, Sohn des Thyestes, Liebhaber der Klytemnestra und Mörder des Königs von Mykene in der Tragödie „Agamemnon“, dem ersten Teil von Aischylos’ berühmter Trilogie „Die Orestie“. Die Tragödien des Aischylos stammen aus dem fünften Jahrhundert vor Christus, und das Flüchtlingsmotiv darin ist recht bekannt.

Selbstverständlich gibt es das Flüchtlingsdrama seit Anbeginn unserer unvollkommenen Zivilisation aufgrund von Zerwürfnissen, Kriegen, Versklavung und natürlich Vertreibung. In den frühesten überlieferten Schriften begegnen uns verstörende Verse und Sätze über die Härten der Apostasie, der Wurzellosigkeit und des Exils. Schmerz, Furcht und Ohnmacht reisen im Gepäck von Millionen Flüchtenden, die seit undenklichen Zeiten über den Globus ziehen. Und auch die blinde Hoffnung, welche der Titan Prometheus der Menschheit zugleich mit dem Geschenk des Feuers vermachte. Dieses ganz spezielle Gut ist den Flüchtenden weder zu nehmen noch zu rauben. Es ist schlichtweg unveräußerlich. Sie können es lediglich irgendwo auf dem Weg verlieren, und daher sind sie auf seinen Schutz mehr bedacht als auf alles, was sie besitzen.

Der serbische Schriftsteller, Journalist und Verleger Vladimir Arsenijevik, 1965 im kroatischen Pula geboren, lebt seit seiner Jugend in Belgrad. Er gilt als eine der bedeutendsten literarischen Stimmen seines Landes. Sein Romandebüt „Cloaca Maxima – Eine Seifenoper“ erschien 1996 bei Rowohlt Berlin auf Deutsch. Den folgenden Text schrieb er für die Veranstaltung „Odyssee nach Europa“ des Literarischen Colloqiums Berlin und der Allianz Kulturstiftung. Übersetzung aus dem Englischen von Henning Bochert.

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