Flüchtlinge auf Tour : Floß der Hoffnung

Lieder gegen Lager: Die Band Strom & Wasser tourt sechs Wochen lang mit Flüchtlingsfrauen durchs Land. Mit zwei Flößen fahren sie zu den Auftrittsorten.

Thomas Winkler
Strom und Wasser auf der Bühne
Strom und Wasser auf der BühneFoto: Sabine Lange

Zwei Tote forderte das Hochwasser Anfang August, Tausende von Kellern waren geflutet, Häuser unbewohnbar. Bei der Auszahlung von Soforthilfe kam es vor dem Sozialamt zu Tumulten. Auf den Straßen türmte sich der Sperrmüll, die Aufräumarbeiten werden lange dauern. Als ein paar Tage später die Gruppe weiblicher Flüchtlinge auf ihren Flößen nach Münster kam, sah es in dem sonst so gemütlichen Städtchen immer noch ein wenig so aus wie in einem jener Länder, aus denen die Frauen einst geflohen waren.

Das, darf man annehmen, ist genau die Art von Symbolik, die Heinz Ratz vorschwebte, als er die Idee zur „Sommer- Floßtour“ hatte. Der Sänger, Musiker und Politaktivist ist gerade wieder unterwegs mit seiner Band Strom & Wasser. Nicht zum ersten Mal hat Ratz Flüchtlinge mitgenommen, um mit ihnen zu musizieren und zugleich auf ihre Lebensumstände und die Zustände in den Lagern aufmerksam zu machen. Zum ersten Mal aber sind es ausschließlich Frauen, die mit Strom & Wasser auf Tour gehen. Und ebenfalls zum ersten Mal ist man nicht nur auf Straßen mit Bussen und Lkws unterwegs, sondern auch auf Flüssen und Kanälen.

Jeden Morgen starten zwei Flöße. Auf ihnen reist nicht der ganze, bis zu 60 Menschen starke Tross, sondern vor allem die musizierenden Frauen aus den Flüchtlingslagern zu den Auftrittsorten. Los ging’s in Nürnberg, dann weiter über Main und Neckar zum Rhein. Über den Mittellandkanal gelangten die Flöße nach Potsdam, wo die Band gestern im Waschhaus spielte, und Berlin, wo sie am heutigen Mittwoch im SO 36 auftreten. Danach soll es dann noch bis nach Bremen gehen.

Strom & Wasser spielen eine Mischung aus Ska, Punk-Rock und Balkan-Folk, sind aber vor allem Begleitband für die Flüchtlingsfrauen, die Lieder aus ihren Heimatländern singen. Sie stammen unter anderem aus Kenia, Somalia, dem Sudan und Iran. Ratz, der sich schon seit Jahren engagiert in der Flüchtlingsarbeit, will mit der Tournee ausdrücklich auf die Situation von Frauen aufmerksam machen. Die sind besonders gefährdet, oft mit ihren Kindern geflohen, traumatisiert durch Erfahrungen zu Hause und Erlebnisse auf der Flucht. In den Heimen sind sie oft sexuellen Übergriffen ausgesetzt und finden dort meist keine Ansprechpartner.

Entsprechend schwierig war es, Kontakte aufzunehmen zu den Frauen. „Ich als Mann habe da eh keine Chance“, sagt Ratz, gerade irgendwo zwischen Dortmund und Bochum, übers Telefon. Für die Tournee arbeiten Strom & Wasser deshalb mit der Hilfsorganisation Women in Exile zusammen, die die mitreisenden Musikerinnen gefunden haben. Sie wiederum nutzen die Tournee, um die örtlichen Flüchtlingsheime zu besuchen. Jeden Nachmittag gibt es ein Kinderprogramm mit Clowns und Artisten und Gespräche mit den dort lebenden Frauen. „Dieser Teil ist eigentlich sogar noch wichtiger als die Konzerte“, sagt Ratz.

Die Tour ist nicht nur eine logistische Leistung, sondern auch ein bürokratisches Lehrstück. „Kurz bevor wir losfahren wollten, hieß es plötzlich, die Flöße brauchen eine fest installierte Funkanlage“, erzählt Ratz. „Wir geben uns Mühe, dass nach Möglichkeit immer alles legal abläuft. Denn am Ende bekomme nicht ich den Ärger, sondern die Flüchtlinge, die vielleicht abgeschoben werden. Ich will nicht dafür verantwortlich sein, dass jemand zu Hause ermordet wird oder in den Knast kommt.“

Die Flöße sind fragil wie die Boote, die Kurs auf Lampedusa nehmen

Für die Flüchtlinge gilt Residenzpflicht. Je nachdem, in welchem Heim sie leben, dürfen sie den Landkreis oder das Bundesland nicht verlassen. Vor allem zu Beginn der Reise, in Bayern und Baden-Württemberg, gab es, wie Ratz es nennt, „Schwierigkeiten behördlicher Natur“. Eine Roma-Bauchtänzerin aus Serbien trat die Reise aus Angst gar nicht an, andere verließen die Tour nach einigen Tagen, um ihren Status nicht zu gefährden. Die Gruppe der 28 Flüchtlinge, die zum Start in Nürnberg dabei waren, war zwischenzeitlich auf nur noch drei Frauen geschrumpft. „Mittlerweile sind es um die 20 Frauen“, sagt Ratz, „es läuft alles wieder rund.“

Sechs Wochen dauert die Tour, am Ende wird die Band 50 Konzerte in Clubs am Rande der Strecke gespielt haben. Vor allem aber wird viel Aufmerksamkeit erzeugt worden sein für die Situation der Flüchtlinge, die überall in Deutschland prekär ist. Vor allem die beiden motorisierten Flöße, an denen Transparente mit Slogans wie „Stoppt Abschiebungen jetzt“ befestigt sind, erzeugen diese Aufmerksamkeit. Denn es sind ähnlich fragile Fahrzeuge wie jene, die mit flüchtenden Menschen vor Lampedusa Schiffbruch erleiden. Dass sie nun über deutsche Flüsse und Kanäle schippern, vorbei an Wassersportlern und Freizeitkapitänen, ist auch eine Provokation. Ratz berichtet von gelegentlichen Beschimpfungen und einem Angriff: Ein Boot nahm Fahrt auf und versuchte mit einer kräftigen Bugwelle die Flüchtlingsflöße zum Kentern zu bringen.

Eines der Flöße, mit dem die Band und die Frauen unterwegs sind.
Eines der Flöße, mit dem die Band und die Frauen unterwegs sind.Foto: Sabine Lange

Meist werden die Aktivisten freundlich empfangen. Natürlich von Flüchtlingsaktivisten, mitunter sogar von den örtlichen Politikern. In Essen kamen 500, darunter auch der Bundestagsabgeordnete Dirk Heidenblut. Die Lokalzeitung meldete, der Politiker habe bei der Gelegenheit gefordert, „dass Essen ein klares Zeichen für die Aufnahme von Flüchtlingen setzen sollte“. Ratz kann sich nicht einmal an den SPD-Mann erinnern. „Das passiert immer wieder mal, dass Oberbürgermeister oder Sozialreferenten auftauchen. Die loben dann ihre lokale Politik, und sind schnell wieder weg.“ Ratz kennt solche Vereinnahmungsversuche. Die Floßtour ist nicht das erste Mal, dass er Musik und politische Aktion verbindet. Der 46-Jährige, der als Kind einer peruanischen Indianerin und eines deutschen Arztes eine Odyssee mit 16 Schulwechseln in Ländern wie Saudi-Arabien, Schottland, der Schweiz und Argentinien erlebte und nun in Kiel wohnt, hat nicht nur unzählige sozialkritische und politische Songs geschrieben, Ratz ist auch schon für den Artenschutz durch Flüsse geschwommen und für Obdachlose mehr als 1000 Kilometer gerannt. „Natürlich wird immer wieder versucht, unsere Aktionen zu instrumentalisieren, aber mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass ich dabei nicht mitmache.“

Zuletzt tourten Strom & Wasser 2012 mit Musikern, die in Flüchtlingsheimen lebten. Der Dokumentarfilm „Can’t be silent“ machte die Aktion bekannt. Ratz ist stolz, dass alle Musiker dieser Tour mittlerweile eine Aufenthaltsgenehmigung haben. Er sagt: „Man kann ja nur informieren, wie es aussieht in den Heimen, unter welchen menschenunwürdigen Bedingungen Flüchtlinge hierzulande leben. Das haben wir geschafft. Ob das sinnvoll ist? Die Frage stelle ich mir nicht. Ich habe es versucht, und allein das ist schon sinnvoll.“

Konzert: 27.8., 20 Uhr, SO 36

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