Flüchtlingsdoku „Les Sauteurs“ : Ich filme, ich lebe

Eine andere Perspektive: In der beeindruckenden Dokumentation „Les Sauteurs“ filmt ein Flüchtling selbst seinen Versuch, nach Europa zu gelangen.

Carolin Haentjes
Melilla ist Ziel der Flüchtlinge
Melilla, die spanische Exklave auf afrikanischem Boden, ist das Ziel der Flüchtlinge.Foto: Arsenal-Berlin

Wie eine Verheißung liegt sie da: Melilla. Die spanische Stadt an der marokkanischen Küste. Ein Stück Europa auf afrikanischem Boden. Für die Männer auf dem Berg Gurugú scheint ihr Ziel zum Greifen nah und das letzte Hindernis überwindbar. Aber die Grenze ist mit drei sieben Meter hohen Zäunen gesichert. Nato-Stacheldraht erschwert das Klettern, außerdem wird das Grenzgebiet mit Wärmebildkameras überwacht. Deswegen trifft die Polizei fast jedes Mal bereits am Zaun ein, bevor die Flüchtlinge es herübergeschafft haben. Aber manchmal klappt es doch. Und auf diese eine Chance hoffen die Männer, die da oben stehen. Auf den einen Sprung, mit dem sie in Europa landen.

Abou Bakar Sidibé lebte bereits seit vierzehn Monaten auf dem Berg hinter der spanischen Exklave, als ihm zwei fremde Filmemacher eine Kamera in die Hand drückten. Sie gaben ihm ein paar Tipps, trafen ihn alle paar Wochen, sonst ließen sie den jungen Malier einfach machen. Die Dokumentarfilmer Moritz Siebert und Estephan Wagner waren beeindruckt von der Vehemenz der Menschen, die am Zaun immer wieder ihr Leben riskieren. Den Bildern in den Medien und den Überwachungsvideos wollten sie eine andere Perspektive entgegensetzen.

Auf der Berlinale Preis der ökumenischen Jury

So konnte Sidibé selber darüber berichten, wie die Menschen in dem Camp überleben, wie sie sich organisieren, wie sie warten und sich vorbereiten auf den nächsten Sprung. Sie wissen, dass hinter dem Zaun nicht das Paradies anfängt, sagt er. Aber sie müssen es sich vorstellen. Wie sonst gegen die Angst ankommen? Die Angst vor der Polizei, die Angst, dass es nicht klappt und auch die Angst davor, was kommt, wenn es klappt. Also schauen sie auf Melilla und berauschen sich an Fantastereien über Europa, über Seifen, die auch die Hautpigmentierung abwaschen, über neue Freundinnen, die sie nie wieder schlafen lassen.

Kaum eine Dokumentation zum Thema Flucht hat bisher so radikal gewagt, die Deutungshoheit den betroffenen Menschen zurückzugeben wie „Les Sauteurs – Those who jump“. In dem Film, der auf der Berlinale den Preis der ökumenischen Jury erhielt, stellt Sidibé sein Schicksal und das seiner Genossen selbst dar, komponiert die Bilder, lenkt den Blick auf die Morgendämmerung hinter Kakteengebüsch, den kleinen Esel, der durch das Lager läuft, den aufgehenden Mond. Der Gewinn an dokumentarischer Tiefenschärfe sucht seinesgleichen.

Umso merkwürdiger, dass Siebert und Wagner ihren Protagonisten, Kameramann und Co-Regisseur nicht auch als Filmemacher an erster Stelle nennen. Zumal der Film beispielhaft ist in seiner Selbstreflexivität und nebenbei schildert, wie jemand die Macht der bewegten Bilder entdeckt. „Ich weiß, dass ich existiere, weil ich filme“ sagt Sidibé einmal. Ein kleiner Satz, groß genug für die Kinogeschichte.

fsk am Oranienplatz

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