Kultur : Forschen, bilden, sichtbar werden

Die Klassik Stiftung Weimar steht in der Kritik. Ein Gespräch mit Präsident Hellmut Seemann

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Wiedergewählt. Hellmut Seemann, Jg. 1953, Stiftungspräsident seit 2001. Foto: p-a/dpa
Wiedergewählt. Hellmut Seemann, Jg. 1953, Stiftungspräsident seit 2001. Foto: p-a/dpaFoto: picture alliance / dpa

Weimar ist kein ICE-Halt mehr. Der schnittige Zug von Frankfurt nach Dresden fährt vorbei, auch die künftige Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Erfurt, Thüringens Landeshauptstadt, und Leipzig wird die Stadt an der Ilm erst recht links liegen lassen. Zwar hatte es gegen die vorzeitige Aufgabe der ICE-Anbindung im vergangenen Dezember Proteste gegeben. Die sind jedoch erfolglos verhallt.

„Weimar“, sagt Hellmut Seemann trocken, „ist für Thüringen ein bisschen zu groß. Der Präsident der Klassik Stiftung Weimar hat da so seine Erfahrungen. Auf Betreiben des thüringischen Kulturministers Christoph Matschie (SPD) war Seemann aus dem Amt gedrängt worden; Matschie verlangte von Weimar „mehr Strahlkraft“. Doch dann wurde Seemann unter Mithilfe von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) im April erneut ins Präsidentenamt gewählt: Neumann vertritt den bei weitem größten Geldgeber der Stiftung, den Bund.

So ist es nun erneut Seemann, der sich mit der Evaluierung seiner Einrichtung durch den Wissenschaftsrat zu befassen hat. Nach 2004 ist es bereits das zweite Mal, dass der Rat die Stiftung begutachtet hat. In dem 92-seitigen Papier, das seit Ende Mai vorliegt, mahnte das Beratungsgremium der Bundesregierung in Wissenschaftsfragen gleichfalls ein Mehr an, allerdings ein Mehr an wissenschaftlichen Leistungen. Und setzte einen kühnen Vorschlag drauf: Weimar solle mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel unter ein Dach kommen, um national und international „hohe Sichtbarkeit“ zu erzeugen.

Dieser Gedanke dürfte inspiriert sein von der gemeinsam herausgegebenen „Zeitschrift für Ideengeschichte“, die Marbachs bestens vernetzter Direktor Ulrich Raulff 2007 ins Leben gerufen hatte. Die aktuelle Ausgabe vereint unter dem Titel „Abgrund“ Beiträge zu Nietzsche, Hollywood und Czeslaw Milosz, aber auch einen Essay des scheidenden „Merkur“-Herausgebers Karl Heinz Bohrer zu Baudelaire.

Das Problem: Was der Wissenschaftsrat und was thüringische Landespolitiker erwarten, ist gewiss nicht das Gleiche. Seemann, der trotz aller Stürme, die er in seiner zehnjährigen Amtszeit erlebt hat, erstaunlich gelassen wirkt, erklärt den Unterschied. „Was der Kulturminister meint, ist folgendes: Dem Seemann ist es noch nie gelungen, hier eine richtig erfolgreiche Ausstellung zu machen, so richtig viele Besucher anzulocken.“ Die Übernachtungszahlen der städtischen Hotellerie seien der Maßstab. Hingegen sähe der Wissenschaftsrat auf die geisteswissenschaftliche Forschungslandschaft und überlegt, „wie unsere diesbezüglichen Leistungen verbessert werden können“.

Weder das eine noch das andere wird der Klassik Stiftung gerecht. Sie umfasst seit der Fusion der Archive, Bibliotheken und Museen im Jahr 2004 neben dem Goethe- und Schiller-Archiv sowie der Herzogin Anna Amalia Bibliothek mit ihren knapp eine Million Büchern nicht weniger als 21 Schlösser, Museen, Gedenkstätten und sechs Parkanlagen in Weimar und Umgebung. Eine dreiviertel Million Besucher zählen die Einrichtungen pro Jahr, davon sind laut Seemann „vielleicht fünf Prozent Wissenschaftler“.

Überfüllt wirkt der Komplex der Anna Amalia Bibliothek nicht gerade , der seit 2005 auf der gegenüberliegenden Straßenseite um einen wunderschönen Neubau erweitert ist. „Unsere Strahlkraft“, sagt der Stiftungspräsident, „beruht darauf, den ,Kosmos Weimar‘ als einzigartige Verdichtung deutscher Kultur zugänglich zu machen.“ Ein gewinnendes Motto: Nur fragt man sich, warum es das vom Wissenschaftsrat angemahnte Gesamtkonzept nicht gibt, das die Forschungs-, Bildungs-, Sammlungs- und Öffentlichkeitsarbeit integriert. Nun soll so ein Grundsatzpapier geschrieben werden, und man ahnt den Aufwand, den es brauchen wird, um „den auf die Stiftung gerichteten Erwartungen zu entsprechen“ und zugleich „niemanden vor den Kopf zu stoßen“, wie Seemann es nennt.

Der Wissenschaftsrat ist auf Forschungsleistungen erpicht; Seemann insistiert dagegen auf der Servicefunktion für Wissenschaftler, die mit den Beständen arbeiten. Die eigenen Mitarbeiter vermöchten allenfalls ein Viertel ihrer Arbeitskraft auf Forschungen zu richten, „mehr Zeit haben die gar nicht – und da wundern sich die Gutachter, dass wir kein Forschungsbetrieb sind“. Immerhin, so das Lob des Wissenschaftsrats-Vorsitzenden Wolfgang Marquardt, habe sich die Stiftung seit 2004 „deutlich positiv weiterentwickelt“, vor allem hinsichtlich von Bibliothek und Archiv.

Der heimliche Wunsch der Politik sei es wiederum, vermutet Seemann, „aus Weimar wie im Kulturstadtjahr 1999 einen Ort zu machen, an dem sich Kulturleute aus ganz Europa ein Stelldichein geben“. Doch dafür ist die Infrastruktur Weimars nicht gerüstet, die Stadt ist keine Eventcity. Der Strom der Bus-Touristen ergießt sich vom Verkehrsknotenpunkt Goetheplatz zu den Dichterhäusern, zum Markt und allenfalls noch zum Schloss und dem benachbarten Ilmpark. Das Schloss, in dessen prachtvollen Räumen auch die Verwaltung der Stiftung residiert, mit dem Präsidenten im schönsten Eckzimmer, wird nach dem Masterplan „Kosmos Weimar“ ausgebaut. „Wir müssen die einzigartigen Orte ertüchtigen, um an authentischer Stelle die kulturgeschichtlichen Themen zu vermitteln“, beschreibt Seemann das Ziel. Es geht um ein vollständiges Bild der Weimarer Kulturepochen, des „Goldenen“ wie des „Silbernen Zeitalters“, der Zeit Goethes wie der von Nietzsche und Liszt. Und um die im städtischen Bürgertum bis heute wenig geliebte Moderne: die Gründung des Bauhauses 1919.

Das Weimarer Bauhaus ist in einem besseren Schuppen am Theaterplatz untergebracht. Bereits 2004 hatte der Wissenschaftsrat ungnädig über die Präsentation geurteilt; mittlerweile ist der Neubau eines Bauhaus-Museums beschlossene Sache. 45 Millionen Euro stehen bereit. Die Ausschreibung für den Architektenwettbewerb soll in diesen Tagen erfolgen. Wie kompliziert Entscheidungsprozesse in der von Bund, Land Thüringen und Stadt Weimar getragenen Stiftung ablaufen, illustriert schon die Auswahl des Standorts für den Neubau: Nach zahllosen Besprechungen, Abstimmungen, Entwürfen gelangte man zu genau jenem Grundstück am Rande der Innenstadt, das vom Stiftungsrat anfangs verworfen, vom Stadtrat jedoch hartnäckig befürwortet wurde. Abseits der touristischen Fußgängerrouten habe die wenig attraktive Lage zunächst nicht überzeugt, wie das Jahrbuch der Stiftung lakonisch vermerkt.

Das Museum wird also dort gebaut, wo kaum ein Besucher Weimars hinfinden will. Am 14 . Juli beschloss der Stiftungsrat die Auslobung des Architektenwettbewerbs für das auf 22 Millionen Euro veranschlagte Gebäude. Ratsvorsitzender Matschie bezeichnete die Weimarer Bauhaus-Sammlung anschließend als „ein Pfund, mit dem wir wuchern wollen.“

Wenn Weimar für Thüringen „ein bisschen zu groß“ ist, dann ist die Stiftung womöglich zu groß für die Kommune. Aber vielleicht ist die Bedeutung des lieu de mémoire, des Erinnerungsorts Weimar überhaupt vor allem eine gedankliche. Man geht durch das renovierte Obergeschoss des Liszt-Hauses am Ilmpark und ist erstaunt, die Zimmer viel kleiner vorzufinden, als sie auf dem berühmten Gemälde von Hans W. Schmidt, „Ein Sonntagskonzert im Hause Liszts im Jahre 1882“ wirken. So klein, dass der riesige Konzertflügel ins Nachbarzimmer hinüberragt – der im Übrigen erst nach Liszts Tod ins Haus kam. Weimar ist eine Idee, eine Überlieferung, in ihrem Kern vielleicht die deutscheste aller Traditionen: größer zu sein im Geiste als in der Wirklichkeit.

Lektürehinweise: Übertönte Geschichten. Musikkultur in Weimar. Jahrbuch der Klassik Stiftung Weimar 2011. Göttingen, Wallstein Verlag, 372. S., 25 €. – Zeitschrift für Ideengeschichte. Vierteljährlich bei C.H. Beck, München, je 12,90 €. Heft 5, Sommer 2011, zum Thema „Abgrund“.

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