Foto-Ausstellung : Die Schönheit im Banalen

Stephen Shore hat die Fotografie alltäglicher Motive so konsequent betrieben wie kein Zweiter. Das C/O Berlin zeigt nun in einer fulminanten Ausstellungen die Serie "Uncommon Places", in der der Starfotograf die amerikanische Provinz ablichtete.

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Unterwegs. Für seine Serie „Uncommon Places“ fotografierte Stephen Shore Eindrücke einer Reise: wie dieses Billboard...
Unterwegs. Für seine Serie „Uncommon Places“ fotografierte Stephen Shore Eindrücke einer Reise: wie dieses Billboard...Stephen Shore, C/O Berlin

Die Kreuzung des Beverly Boulevard mit der La Brea Avenue irgendwo in jenem Siedlungsbrei namens Los Angeles muss einmal eine bedeutsame Stelle gewesen sein: Alle vier Ecken waren von Tankstellen besetzt, jedenfalls im Juni 1975, als Stephen Shore sie in zwei unspektakulären Fotografien festhielt. Ohne die Bildunterschriften wüsste man nicht, dass die Bilder zusammengehören, man wüsste nicht, welchen Ort sie abbilden, man hätte ohne diese Fotografien den Ort nicht einmal wahrgenommen.

Genau das kennzeichnet das fotografische Werk von Stephen Shore oder zumindest dessen größten und bekanntesten Teil. „Uncommon Places“, ungewöhnliche Orte, unter diesem Titel fasst er seine Fotografien zwischen 1973 und 1981 zusammen. Im Grunde kann das als Oberbegriff über dem ganzen Oeuvre des 1947 geborenen Shore stehen. Er hat die Ablichtung gewöhnlicher Motive in die Fotografie zwar nicht eingeführt, aber so konsequent betrieben wie kein Zweiter.

Und doch sind das keine Knipsbilder. Kein Amateur schaut auf die Wirklichkeit wie Shore – mit diesem kalkulierten, in Szene gesetzten Desinteresse an „bildwürdigen“ Motiven. Shore geht der Frage nach, wie wir sehen, was wir sehen, wie die mediale Vermittlung des Gesehenen beschaffen ist. Selten tritt dieser Ansatz so deutlich zutage wie in der Aufnahme einer großen Werbetafel mit See vor schneebedecktem Gipfel, die ihrerseits in einer Allerweltslandschaft herumsteht und diese quasi konterkariert. Oder in der Aufnahme aus einem Billig-Motel, das die Füße des Fotografen auf der Bettkante zeigt und hoch an der Wand den obligatorischen Fernseher.

Stephen Shore ist mit seinen Farbfotografien berühmt geworden zu einer Zeit, da Farbe in der professionellen Fotografie noch verpönt war. In den USA wurde sie nicht zuletzt mit den heute so anachronistisch anmutenden, immer irgendwie blassen Polaroids verbreitet. Neben Shore zählt William Eggleston zu den Pionieren der künstlerischen Farbfotografie.

Eine Ausstellung, die neue Standards setzt

...oder sein Frühstück.
...oder sein Frühstück.Stephen Shore, C/O Berlin

Für die Wanderausstellung, die nach Madrid nun bei C/O Berlin Station macht, sind von vielen Aufnahmen neue Abzüge in atemberaubender Intensität erstellt worden. Fotos altern, bleichen aus, diese Erfahrung müssen selbst Museen mit ihrer Beherrschung von Licht und Temperatur machen. Wie bei C/O gewohnt, ist die Ausstellung mit rund 300 Fotografien makellos sortiert und gehängt, dezent beschriftet, von Wandtexten knapp und präzise begleitet. Da ist ein Standard gesetzt, den kein Museum mehr unterschreiten darf.

Paul Strand, ein großer Fotograf des 20. Jahrhunderts, habe ihm gesagt – berichtet Shore –, „dass große Gefühle nicht in Farbe vermittelt werden könnten“. Von Walker Evans, dessen Bilder bereits auf den Schuljungen Shore Eindruck gemacht hatten, weiß man, dass er Farbe für vulgär hielt, und in der Tat fällt es schwer, sich Evans’ Dokumentarfotos in Farbe vorzustellen.

Shore hat diese Vorurteile durchbrochen, gerade weil er sich des Unbeachteten, des hoffnungslos Banalen annimmt. Immer wieder Straßen, Häuser, Autos, in Orten, in denen man nie gewesen sein wollte, und Innenräume, in die man keinen Schritt setzen würde. Das alltägliche Amerika findet sich in der Provinz, das hatten Walker Evans und die Dokumentaristen der „Farm Security Administration“ Jahrzehnte zuvor erkannt und festgehalten. Doch Shores Farbigkeit fügt eine weitere Dimension hinzu: die der nie abzuschüttelnden Künstlichkeit, trotz der scheinbar natürlichen Töne der Dinge und auch der Landschaften, die doch allesamt nach Talmi aussehen. Landschaften zu fotografieren, hat Shore sich erst im reifen Alter zugetraut, meist ist sie bei ihm schon von Menschenhand versehrt. Da stehen Autos herum, oder in einen Postkartenblick über See und Hügel hinweg ragt im Vordergrund ein Felsen hinein, den Touristen beschmiert haben. Oder aber Shore wählt Ausschnitte ohne Himmel, die sich dadurch gerade nicht zu einem Bild der Landschaft vollenden.

Ins Bild gebannte Augenblicke

Mitte der sechziger Jahre hat der gebürtige New Yorker in Andy Warhols „Factory“ mitgemischt. Auch aus dieser Zeit sind Fotografien in der Ausstellung zu sehen, in Schwarz-Weiß, die der Nicht-Ästhetik des Warhol’schen Kosmos folgen. Bald entwickelte Shore eigene Arbeiten im Sinne der Konzeptkunst, stellt beispielsweise eigene Postkarten banaler Örtlichkeiten her oder führt ein Reisetagebuch mit allen Dokumenten, die von der Fortbewegung Zeugnis ablegen. Das Riesenprojekt der „Ungewöhnlichen Orte“ ist insofern eine konzeptuelle Arbeit, jedoch ohne definierten Anfang und Ende, vielmehr eine Sammlung von ins Bild gebannten Augenblicken, denen dieselbe Sichtweise zugrunde liegt.

...auch mal seine Füße vorm Fernseher.
...auch mal seine Füße vorm Fernseher.Stephen Shore, C/O Berlin

Ganz am Anfang hat Shore mit der Kleinbildkamera gearbeitet, sein Hauptwerk indessen mit der Plattenkamera geschaffen; daher die fast schmerzliche Schärfe der Abbildungen. Erst in jüngster Zeit benutzt Shore eine Digitalkamera. Zwischendurch hat er in den Jahren 2000 bis 2002 in New York Schnappschüsse mit einer Panoramakamera aufgenommen, die Passanten auf der Sixth Avenue in Breitwand zeigen. Es sind nicht unbedingt seine stärksten Arbeiten, aber als ein weiteres Ausloten fotografischer Möglichkeiten doch kennzeichnend für den unablässig experimentierenden Künstler.

Man wird Stephen Shore wohl immer mit den „Uncommon Places“ in Verbindung bringen, die – gleichförmig auf 50,8 mal 61 Zentimeter vergrößert – als Einzelblatt, als Serie, als wandfüllendes Arrangement davon zeugen, dass das Banale banal nur ist, solange wir es nicht wahrnehmen. In Shores Fotografien wird das Alltägliche zum jeweils Besonderen, in dem – wie er sie nennt – die „kulturellen Kräften“ ihrer Zeit zusammenstoßen und sich bündeln.

C/O Berlin, Hardenbergstr. 22–24, bis 22. Mai, tägl. 11 – 20 Uhr. Katalog (Kehrer Verlag) 49,90 €. www.co-berlin.org

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