Fotogalerie Friedrichshain : Strich und Straße

Eine Ausstellung in der Fotogalerie Friedrichshain versammelt Räume und Menschen Berlins.

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Sinfonie in Sepia. David Kregenows Bild „Terrain Vague“ zeigt eine Baustelle in der Stralauer Allee.
Sinfonie in Sepia. David Kregenows Bild „Terrain Vague“ zeigt eine Baustelle in der Stralauer Allee.Foto: David Kregenow, Fotogalerie Friedrichshain

Es ist seine erste Veröffentlichung überhaupt. Ein turtelndes Touristenpaar, von unten, gegen den Himmel, auf der Galerie des Fernsehturms am Alexanderplatz fotografiert. Mann und Frau eingefasst in Beton, in ein strenges Korsett aus grafischen Linien, die aus dem Nichts zu kommen und im Nichts zu enden scheinen. Wie ein Zeuge aus altvorderer Zeit ragt dahinter der neugotische Turm der Marienkirche auf. Und schon auf diesem ersten Bild ist die Gabe der Komposition spürbar, die Harald Hauswald, den 1954 in Radebeul geborenen Mitgründer der Fotoagentur Ostkreuz, zu einem bemerkenswerten Stadt- und vor allem Berlin-Fotografen macht.

Die Alltagsszene ist 30 Jahre her. Sie stammt aus dem Jahr 1987. Hauswalds Foto lieferte das Plakatmotiv zu der Ausstellung „Ein Tag in Berlin“, die anlässlich der 750-Jahr-Feier der Stadt in der Fotogalerie Friedrichshain zu sehen war. Gerade mal zwei Jahre vorher waren die Ausstellungsräume als erste kommunale Fotogalerie der Mauerstadt eingerichtet worden. Eine Galeriegründung, die die Anerkennung der Fotografie als eigenständiger Kunstform in der DDR markierte. Die Schau versammelte Arbeiten von 17 Fotografinnen und Fotografen, darunter Sibylle Bergemann, Eberhard Klöppel und eben Harald Hauswald. Zu sagen, dass sie in Ost-Berlin Interesse gefunden hat, wäre eine ziemliche Untertreibung. Die Leute standen Schlange bis zur Warschauer Brücke, um die Dokumente des Alltags in ihrer Stadthälfte zu sehen. Das erzählt Felix Hawran, der Chef der Fotogalerie, beim Rundgang durch die Gruppenausstellung „Ein Tag in Berlin – 30 Jahre danach“, mit der 50 Fotografinnen und Fotografen von heute der legendären Schau von damals gewissermaßen ihre Reverenz erweisen.

Der Wind der Veränderung war schon zu spüren

Die eigenartige, zwischen dem Aufbruch von Perestroika und Glasnost und der Restauration in der DDR changierende Stimmung im Sommer 1987 hatte weiland auch den heutigen Staatssekretär für Kultur Torsten Wöhlert erfasst. Er entpuppt sich im Katalog zur Nachfolgeausstellung als einer der Schlangesteher von damals. Auch Harald Hauswald, der genauso wie Eberhard Klöppel diesmal wieder mit einer Fotografie vertretenen ist, hat den Wind der Veränderung gespürt, wie er sich bei der Ausstellungseröffnung erinnert. „Nicht, dass wir den Mauerfall schon geahnt hätten, aber irgendwas lag in der Luft.“

Flockentanz. Schneesturm am Alex, fotografiert von Ina Gatzmaga.
Flockentanz. Schneesturm am Alex, fotografiert von Ina Gatzmaga.Foto: Ina Gatzmaga, Fotogalerie Friedrichshain

Das tut es auch jetzt, wo Berlin wieder eine seiner ewigen Metamorphosen durchläuft. Wo die Stadt wächst, das Publikum internationaler wird, die sozialen Kontraste schärfer und Lebensentwürfe so unterschiedlich sind wie die Physiognomien der Bürger. Oder, wie Harald Hauswald das mit Blick auf die von ihm eingefangene Trias eines schlafenden, eines lachenden und eines dösenden Gesichts in der Kreuzberger Hochbahn ausdrückt: „An Berlin reizt mich das Spannungsverhältnis zwischen den Menschen und wie sie in die Räume gesetzt sind.“

Dem lässt sich in der aus 2000 Fotos ausgewählten Schau in beklemmenden Stillleben vom Straßenstrich Kurfürstenstraße, in warmherzigen Kreuzberger Kneipenszenen oder in lakonischen Aufnahmen kurioser Dienstleistungen („Ich höre zu“, „Gib mir drei Wörter und drei Euro, ich gebe dir ein Gedicht“) im Mauerpark nachspüren. Die Stilistiken unterscheiden sich dabei ebenso sehr wie die Motive. Da finden sich Holmsohns sozialdokumentarische Schwarz-Weiß-Fotografien des Häuserkampfs Rigaer Straße genauso wie David Kregenows monochrome Brachenbilder, die eine Sinfonie in Sepia malen. Die Szenen verorten zu können, ist ein Impuls der Stadtfotografie, der hier ausdrücklich erwünscht ist. Und doch gibt es immer wieder Fotos – beispielsweise die der winterlich vereisten Rummelsburger Bucht –, da sieht Berlin fremd aus und ist doch ganz bei sich.

Fotogalerie Friedrichshain, Helsingforser Platz 1, Friedrichshain, bis 22. 9, Di, Mi, Fr, Sa 14–18 Uhr, Do 10–20 Uhr

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