Fotogalerie Friedrichshain zeigt Retrospektive : Der Stadt in die Seele blicken

Als die Fotogalerie Friedrichshain 1985 eröffnet wurde, war das eine Pioniertat für die DDR. Ein eigenes Haus für das Genre hatte es bis dahin nicht gegeben. Ausgestellt wurden auch systemkritische Bilder. Jetzt zeigt die Galerie eine Retrospektive zum 30. Geburtstag.

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Berühmte Dreiergruppe. Harald Hauswald fotografierte 1986 DDR-Bürger in einer U-Bahn am Prenzlauer Berg.
Berühmte Dreiergruppe. Harald Hauswald fotografierte 1986 DDR-Bürger in einer U-Bahn am Prenzlauer Berg.Foto: OSTKREUZ - Agentur der Fotografie

Versonnen blickt sie, die schöne Rockträgerin. Das Haar in einen Zopf gebannt, das Kinn in der Hand, den Ellenbogen auf dem übergeschlagen Bein konkurriert sie als Bild in sich versunkener Melancholie mit den hinter ihr aufragenden, von Stoffbahnen umhüllten Skulpturen. „Auf der Museumsinsel“ hat Roger Melis seine elegante, naturalistische Schwarz-Weiß-Studie 1980 genannt. Zu sehen ist die Arbeit des vor sechs Jahren verstorbenen DDR-Fotografen in der Retrospektive „30 Jahre Fotogalerie Friedrichshain“.

Zusammen mit denen anderer bekannter Fotografen: Etwa von Harald Hauswald, dessen 1986 in Prenzlauer Berg aufgenommenes, kurioses Porträt einer starr dreinblickenden Dreiergruppe aus U-Bahnfahrgästen auch beim soundsovielten Anschauen nichts von seiner kompositorischen Kraft verliert. Oder einem Stillleben von Helga Paris, die einer zu Beginn der achtziger Jahre in Halle fotografierten menschenleeren Gasse den Ernst einer Nachkriegsszenerie verleiht.

Ebenso konzentriert, aber deutlich verspielter wirkt da schon eine wunderbar stilisierte, einst für die Zeitschrift „Sibylle“ angefertigte Modefotografie von Ute Mahler. Ein Model in weißer Bluse und schwarzen Hotpants, das in einem See steht, aus dem die Nebel steigen, und sich in gelangweilter Autoaggression am nassen Zopf zieht. Beeindruckend auch die nur wenige Schritte entfernte, lakonische Sozialfotografie, unter anderem von Eberhard Klöppel und Peter Leske, die der DDR-Arbeitswelt der Achtziger Gesichter und Würde geben.

Die Feier wirkt wie Klassentreffen

Beide sind bei der Eröffnung auch gleich selber anwesend. Sie hat ein bisschen was von Klassentreffen, die Atmosphäre im Erdgeschoss des Plattenbaus unweit der Warschauer Brücke. Diverse gut erhaltene ältere Herren, die sich herzlich begrüßen. Auffällig viele Leute, die sich gegenseitig und die Ausstellungsräume fotografieren. Offensichtlich mit der Kamera vertraut und dem Ort heimatlich verbunden. Nicht von ungefähr. Das hier ist die älteste kommunale Fotogalerie der Stadt. Jahrelang waren die 1985 eröffneten Ausstellungsräume nicht irgendein, sondern der Ausstellungsort für Fotografie. Anders als das heute existente Dutzend, gab es in Berlin vor 30 Jahren weder spezielle Fotogalerien, noch ein Fotoforum wie C/O Berlin oder gar ein Museum für Fotografie. Also wurde die ursprünglich als Privatgalerie geplante Neugründung von Ulrich Domröse, heute Chef der Fotografischen Sammlung der Berlinischen Galerie, und des Kunsthistorikers und Fotografen Ralf Herzig in Ost-Berlin rasch zum Zentrum der Zunft. Ralf Herzig, der die Räume und ihre Bespielung haarklein konzipierte, hat sie dann nie geführt, wie er mit noch immer spürbarer Bitterkeit erzählt. Der Ost-Berliner Magistrat übernahm das Projekt, setzte dann aber wegen Herzigs Weigerung, in eine der Blockparteien einzutreten, eine andere Leitung ein.

Zeitungsfotos bejubelten "Ernteschlachten"

Ein Ort der Vernetzung unter Fotografen und des lebendigen Austauschs mit dem Publikum wurde die Galerie trotzdem, wie Eberhard Klöppel erzählt. Der Bildreporter der „Neuen Berliner Illustrierten“ zeigte 1988 hier erstmals sein von 1978 bis 1986 fotografieres Langzeitprojekt „Vom Gaswerk zum Ernst-Thälmann-Park“. Sagenhafte 50 000 Besucher zählte die Galerie im Jahr, jeden Tag kamen 300 Besucher, so groß war das Interesse. Für Ostkreuz-Mitgründer Harald Hauswald, der vergangenes Jahr seine Geburtstagsausstellung „Zum Sechzigsten“ hier zeigte, war die Gründung ein über die reine Örtlichkeit weit hinaus weisendes Zeichen. Die erste Anerkennung der Fotografie als eigenständige Kunstform in der DDR überhaupt. Die Galerie habe dafür den Weg geöffnet, sagt er. „Erstmals fand eine Auseinandersetzung über zeitgenössische Fotografie statt.“ Weit jenseits und in bewusster Abgrenzung zur für propagandistische Zwecke ausgeschlachtete Zeitungsfotografie mit den Abbildungen der jährlichen „Ernteschlacht“.

Nicht, dass nun der Eindruck entsteht, dass sich die inzwischen vom Verein Kulturring getragene Galerie als ein Museum der DDR-Fotografie handelt. Neben diesem Schwerpunkt sind auch Bilder internationaler Fotografen zu sehen, die hier ausstellten: darunter Tina Modotti. Und engagierte, zeitgenössische Arbeiten von Jörg Rubbert, Varda Carmeli, Jürgen Bürgin oder Vitus Olander. Die jüngste Fotografin, der die Galerie eine Einzelausstellung gewidmet hat, ist Dvorah Kern, die Gewinnerin des Deutschen Jugendfotopreises 2012. Sie ist mit einigen intimen Porträts ihrer Schwester in der Jubiläumsschau vertreten. Unverwandt blicken deren Augen in die Kamera. Ein Blick, der Seele und Zukunft hat, schönes Symbol für die Fotogalerie.

Fotogalerie Friedrichshain, Helsingforser Platz 1, 10243 Berlin, bis 11. September, Di, Mi, Fr, Sa 14-18 Uhr, Do 10-18 Uhr.

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