Fotografie : Friedrich Seidenstücker: Der fröhliche Blick

Menschen, Tiere, kleine Sensationen: Die Ausstellung "Von Nilpferden und anderen Menschen" in der Berlinischen Galerie entdeckt Friedrich Seidenstückers Stadtfotografien neu.

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Tiere sehen dich an. Friedrich Seidenstücker war ein Zoo-Fotograf. Hier ein (unbetiteltes) Porträt des See-Elefanten Roland, um 1933. Der Fotograf war eben …Weitere Bilder anzeigen
Foto: © Stiftung Stadtmuseum Berlin
29.09.2011 16:46Tiere sehen dich an. Friedrich Seidenstücker war ein Zoo-Fotograf. Hier ein (unbetiteltes) Porträt des See-Elefanten Roland, um...

Stehen zwei Nashörner auf einem Sandplatz, ihnen gegenüber ein Nilpferd, in der Mitte ein Graben, ein Geländer – „Was für ein scheußliches Tier!“ betitelt Friedrich Seidenstücker seine 1958 entstandene Fotografie aus dem Berliner Zoo, wo er seit 1905 regelmäßig Bilder schoss. Diese Bilder erzählen „Von Nilpferden und anderen Menschen“ – wie die heute eröffnende Ausstellung mit Seidenstücker-Fotos heißt –, immer reflektieren sie den Akt des Sehens mit, den Zoo als Bühne, auf der nicht nur die Tiere, sondern auch die sie betrachtenden Menschen die Sensation darstellen: Wer beobachtet hier eigentlich wen? Und immer, nicht nur bei den Aufnahmen, die fotografierende Zoobesucher bei den blödesten Verrenkungen zeigen, blitzt dabei der Schalk des Friedrich Seidenstücker auf, sein fröhlicher, freundlicher, hintergründiger Blick.

Der Zoo, das war für den 1882 in Unna geborenen und 1904 nach Berlin gekommenen Seidenstücker ein Heimatort. Ab 1923 hat er eine offizielle Fotografiererlaubnis, zu jener Zeit arbeitet der ausgebildete Maschinenbauer noch als Bildhauer, Fotos machte er lange nur als Studien für seine Skulpturen. Bis er merkte, dass sich in der florierenden Presselandschaft der Weimarer Republik, zumal in Berlin, Fotos von Tieren gut verkaufen ließen – genau wie Akte und Bilder junger Sportlerinnen, die Seidenstücker ebenfalls bald nicht mehr nur zu Studienzwecke fotografierte. In den Jahren 1932 bis 1934 war seine Hochphase, damals erschienen Seidenstückers Bilder allein im Ullstein Verlag in bis zu 70 verschiedenen Publikationen jährlich – einige Zeitschriften werden in der Ausstellung gezeigt.

Nie ohne Kamera aus dem Haus

Rund 15 000 Aufnahmen sind von Friedrich Seidenstücker erhalten, der 1966 starb. Rund 230 von ihnen hat Kurator Ulrich Domröse für die Schau in der Berlinischen Galerie ausgewählt, fast alle sind Vintage Prints auf 13 x 18 Zentimeter. Die Mehrheit dieser Bilder ist damals nicht gedruckt worden, der Zeitschriftenmarkt zu Seidenstückers Zeit wünschte eher platte Ware.

Dabei muss der kauzige Autodidakt und Flaneur durchaus als bedeutsamer Chronist des Alltagslebens seiner Zeit gesehen werden. Die Ausstellung ist nicht chronologisch organisiert, sondern gliedert sich in fünf Themenbereiche: Tier- und Zoofotos, die Stadt, Akte, Landschaft sowie Berlin nach 1945. Die gezeigten Aufnahmen aus dem Berlin der 20er und 30er Jahre zeugen ebenso von Sensibilität für soziale Fragen wie von seinem begeistert-erotischen Blick auf Frauen und, immer wieder, von seinem Sinn fürs Skurrile. Nie verließ Seidenstücker ohne Kamera seine Wohnung am heutigen Bundesplatz, in der er fast sechs Jahrzehnte lang lebte. Leiten ließ er sich vom Lustprinzip. Er war ein besessener Fotograf – ein professioneller Bildreporter war er nie. Über sich selbst sagte der Künstler, er sei „immer Momentknipser gewesen“ – eine etwas kokette Aussage, wie man heute weiß: Unter den vielen scheinbar spontan entstandenen Aufnahmen sind einige, die Seidenstücker sorgfältig inszeniert hat.

Kontakt zu gut gebauten jungen Frauen

Hausfrauen im Gespräch am Lebensmittelladen, Kohlenträger, Bettler und Krüppel, spielende Kinder und Luftballonverkäufer vor Werheim – auf den Fotografien wirkt ein vergangenes Berlin ungemein lebendig. Einige der Bilder sind denn auch längst zu Ikonen geworden. Wie etwa die „Pfützenspringerinnen“, aufgenommen um 1925. Junge Frauen in – für damalige Zeiten – kurzen Röcken, die den Typus der modernen „Neuen Frau“ repräsentieren, selbstbewusst, unabhängig und dynamisch, buchstäblich auf dem Sprung. Dass hierbei obendrein das Kleid nach oben flatterte – Seidenstücker störte es nicht. „Vorwiegend suchte er Kontakt zu ,gut gebauten’ jungen Frauen“, zitiert der Ausstellungskatalog eine seiner Freundinnen und Musen: „Er hatte seine ästhetische Freude an schlanken Mädchenbeinen.“

In der veränderten Welt nach dem Ersten Weltkrieg profitierte Seidenstücker von der gestiegenen Aufmerksamkeit für Alltagsszenen, „weg von der Allee, hin zur Straße“, wie Kurator Domröse es formuliert. Mit dem Aufstieg der Nazis allerdings ging auch eine stärkere Reglementierung des öffentlichen Raums einher, das Flanieren mit Kamera war nicht mehr so einfach, das Straßenbild voll mit Propaganda und Uniformen – und Seidenstücker verweigerte sich. Das Foto eines kleinen Mädchens, das, unschuldig in die Kamera blickend, ein Hakenkreuz-Fähnchen hält, ist eine Ausnahme, und auch deshalb so eindrücklich.

Während des Krieges zog der Freigeist Seidenstücker sich ins Private zurück, überlebte irgendwie – und inszenierte in seiner Wohnung Aktaufnahmen vorm Kachelofen. Verspielte Bilder sind das, sie zeigen Seidenstückers Musen auf dem Besen reitend oder im transparenten Regenmantel – diese Bilder sind die einzigen farbigen der Ausstellung, aufwendig neu reproduziert. Ein Zwischenspiel, so lassen sich diese Bilder lesen.

Nach der Bombennacht: "Elefantenhaus. 15 Verluste."

Krieg und Nachkrieg bringen eine weitere Facette in Friedrich Seidenstückers Werk hervor. Im November 1943 besucht er einmal mehr den Zoologischen Garten, aber es ist nicht mehr der alte. Von Bomben getroffen, ist er ein Trümmerfeld, das Aquarium geborsten, die Elefanten in ihren Käfigen verbrannt. „Elefantenhaus. 15 Verluste“ nennt Seidenstücker seine Aufnahme, ein dunkles Bild, rußig, unheimlich, aus einem aufgeplatzten Bauch quillt das Gedärm.

Seidenstücker fotografiert Trümmer und Zerstörung, auch im „Berlin nach 1945“. In einer Serie lässt er einen Mann und zwei Frauen durch die zerbombte Reichskanzlei spazieren, gut angezogene Katastrophentouristen im Nymphensaal und auf dem „Führerbalkon“ – endlich wieder Flanieren! Im Zentrum der Nazimacht! Es muss dem Künstler eine große Genugtuung gewesen sein.

Er schafft noch mehr, und das ist sein Verdienst, das ist das „Seidenstücker’sche“ (Domröse): die Bejahung des Lebens. Der Krieg ist vorbei, die Stadt ist Schutt, und trotzdem ranken zwischen den zerborstenen Pflastersteinen die Pflanzen in die Höhe, trotzdem liegen die Menschen in der Sonne (und lassen sich dabei von Seidenstücker unter den Rock linsen), trotzdem lassen sie sich zwischen Ruinen die Schuhe neu besohlen. Es geht immer weiter – das sagt uns Friedrich Seidenstücker mit seinen Bildern, die bei allem Dokumentarismus einen geradezu leichtfüßigen Optimismus ausstrahlen.

„Von Nilpferden und anderen Menschen“, Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg. Bis 6.2.2012, Eröffnung Fr, 30.9., 19 Uhr. Mi-Mo, 10–18 Uhr. Katalog bei Hatje Cantz,328 S., 39,80 €

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