Fotografie : Luigi Ghirri: Aus dem Augenwinkel

Eine Entdeckung: Die neue Galerie Reception stellt das fotografische Werk von Luigi Ghirri vor.

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In Deutschland war das Interesse an dem bedeutenden italienischen Fotografen Luigi Ghirri (1943-1992) bislang nicht sonderlich groß. 25 Jahre sind seit der letzten Einzelausstellung vergangen, bis die neu gegründete Galerie Reception es nun unternahm, die zuvor in Zürich präsentierte umfangreiche Werkauswahl nach Berlin zu holen. Den Anstoß zur Wiederentdeckung des früh Verstorbenen könnte kein Geringerer als der Amerikaner William Eggleston gegeben haben, der sich erst 2008 begeistert über Ghirri geäußert hatte, allerdings mit einer gewissen Einschränkung: „Sein Werk ist bemerkenswert disparat.“

Ghirri, der aus der Reggio Emilia stammt, begann erst 1970, mit 27 Jahren, zu fotografieren. Aus diesem ersten Jahrzehnt hat die Galerie eine Vielzahl von Arbeiten ausgewählt. Wegen des überwiegend kleinen Formats könnte man fast von Miniaturen sprechen, alle sorgfältig komponiert, um nicht zu sagen koloriert, wenngleich Ghirri jede Manipulation im Labor vermied. Ein Flaneur scheint durch die Landschaft gewandert zu sein, über stille Straßen und freies Feld, durch die kleinen Ortschaften seiner Heimat und große Weltstädte wie Paris, um skurrile Augenblicke festzuhalten: hier eine einsame Tankstelle, dort zwei Menschen am Fenster oder plaudernde Leute hinter der Gardine eines Cafés.

Nie will er etwas genau dokumentieren oder den Blick für Kontraste schärfen. Auch die Menschen interessieren ihn, ganz anders als Eggleston, nur beiläufig, zum Beispiel jene Frau auf einer Parkbank in Paris (die Bilder tragen lediglich eine allgemeine Ortsbezeichnung), die er von hinten beobachtete, auf den Augenblick wartend, wo der Rauch der Zigarette ihr Gesicht vollständig verdeckte. Die Lehne der Bank und der steinernen Balustrade davor bilden den schrägen geometrischen Rahmen zu einer Szene, die für Ghirri wieder einmal eine „Hieroglyphe der Welt“ gewesen sein könnte, die es zu entziffern galt, ein Symbol der von „Gedanken, Erinnerungen, Imagination“ erfüllten Realität.

Hinter den sichtbaren Dingen suchte der Italiener das Unsichtbare. 1975 nahm er an jedem der 365 Tage des Jahres den Himmel auf, ein serielles Prinzip, das Schule machen sollte. Alle in der Ausstellung präsentierten Bilder, oft sind es von ihm selbst gefertigte Einzelstücke (Preis: 9 000 bis 12 000 Euro), können als Anhaltspunkte einer fortwährenden inneren Suche nach dem Unsichtbaren jenseits der realen Existenz verstanden werden. Nicht immer freilich liegt diese Absicht so vordergründig auf der Hand wie beim Bild von zwei auf dem Rasen ausgebreiteten roten Handtüchern, deren Besitzer gerade abwesend sind. Aber geht es denn um sie oder um die Begriffsleiter Natur, Zeit, Licht, auf der man, wenn man nur gründlich grübelt, irgendwann im Jenseits und im ganz Ungefähren ankommt?

Reception, Kurfürstenstr. 5/5a; bis 20. Februar, Mi-Sa 11-18 Uhr.

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