Fotografie : Vorhölle mit Teppichboden

Naomi Schenck fotografiert Räume, in denen Filme gedreht werden könnten. Ihre Bilder entfalten ein bedrohliches Eigenleben

von
Kulissenhaft. Privatwohnung in Irland.
Kulissenhaft. Privatwohnung in Irland.Foto: Schenck

Sie hatten sich den richtigen Märchenonkel ausgesucht. Der Schauspieler Hanns Zischler sitzt in der überfüllten Galerie am Koppenplatz, ein ruhender Pol, eine einsame Energiequelle im dunklen Raum. Er liest: von einsamen Glatzköpfen in verwahrlosten Wohnungen, von Vorhöllen mit Teppichbelag und Neonlicht, von Verbrechen, Nachtwächtern und Beziehungskrisen. Es sind Texte, die Regisseure, Schriftsteller, Lyriker und Essayisten zu den Bildern von Naomi Schenck geschrieben haben.

So überfüllt die kleine Galerie von Petra Rietz am Koppenplatz am Eröffnungsabend war, so leer sind die Bilder von Schenck. Kaum, dass da einmal ein flüchtiger Schatten im Raum steht, ein Reststreif von menschlicher Existenz, oder ein paar Kleidungsstücke verstreut am Boden liegen. Zumeist sind es Räume in einem seltsamen Schwebezustand zwischen Nutzung und Aufgelassenheit. Schlafzimmer, Wohnzimmer, Büroetagen, aufgeräumt, ausgeräumt, verwohnt und verwahrlost, Bühnen des Lebens, auf denen das Stück längst abgespielt ist oder noch nicht begonnen hat. Zischler nennt es in seinem Text „Nachbilder“, „Konturen eines Raums, aus dem die vertrauten Bezüge gewichen sind“, und spricht von der „Schwellenangst“, mit der die Kamera draußen verharrt. Räume in Möglichkeitsform. Der Rest ist imaginiertes Leben.

Dabei ist der Ausgangspunkt viel banaler. Die Räume, welche die Berliner Szenenbildnerin Naomi Schenck fotografiert, sind mögliche Drehorte für Fernsehkrimis und Filme. Seit 2003 entwirft sie Sets für „Schimanski“ und „Der Fahnder“, für „Nachtschicht“, „Tatort“ und diverse Spielfilme. Die Raumvorschläge, die nicht beim Dreh verwendet werden, landen in ihrem Archiv. Irgendwann hat sie entschieden, die Räume, die nicht zum Einsatz kamen, zur Grundlage einer eigenen Fotoarbeit zu machen, hat sie arrangiert zu Diptychen oder Triptychen, ohne erkennbaren Bezug, aber mit viel fantastischer Möglichkeit dazwischen. Im Herbst 2009 präsentierte sie einige Bilder in der Birthler-Behörde. Aus dem Booklet, schon damals mit einem Text von Hanns Zischler, ist nun in Zusammenarbeit mit dem Literaturkritiker Ulrich Rüdenauer eines der ungewöhnlichsten und anregendsten Foto-Bücher der letzten Jahre geworden, in dem sich Autoren wie Wim Wenders, Marcel Beyer, Feridun Zaimoglu, Wilhelm Genazino, Kathrin Röggla oder Heinz Emigholz von Schencks Bildern zu Textfantasien haben anstiften lassen.

Fasziniert von Räumen war Naomi Schenck schon immer, erzählt sie beim Treffen in ihrer Wohnung. In was für Hotels steigen die Großeltern ab, wie leben die Eltern, wie richten sich die Geschwister ein, wie sie selbst? Das sind Fragen, die sie schon als Kind beschäftigt haben, die sie nicht mehr losließen, auch nicht im Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf. Wie sehen Interieurs auf Renaissancegemälden aus, was für ein Film könnte dort spielen? Naomi Schenck erfindet Geschichten zu Räumen, gleichgültig, ob sie Filme ausstattet, Fotos zusammenstellt oder sich zu Erzählungen, Theaterstücken, Hörspielen inspirieren lässt. „Hawai“, ein Hörspiel mit Ulrich Noethen über „22 protokollierte Versuchsanordnungen mit dem Ziel, Liebe künstlich herzustellen“, lief im letzten Sommer. Auch da ging es um Möglichkeitsformen des Lebens. Aktuell sitzt sie an Videokurzfilmen mit dem Arbeitstitel „Das Leben aus Sicht der Häuser“. Immer blicken wir auf Räume – wie blicken die Räume zurück?

Wer wohnt, zeigt seinen Charakter, indem er sein Umfeld gestaltet. Jeder Besucher sucht danach, tritt neugierig ans Bücherregal oder in die Küche. Auch in Schencks Schöneberger Wohnung läuft als Erstes der heimliche Check: Was verrät der abgewetzte Esstisch im Erker über die Bewohnerin? Welcher Film wird hier gespielt? Doch die eigentliche Frage ist: Wie gelingt es einer Szenenbildnerin, Wohnräume so sehr zu entpersonalisieren, dass ihr Potenzial als Drehort deutlich wird?

Die Räume, die Schenck fotografiert, zeigen kaum Spuren ihrer Bewohner, schwer vorstellbar, was für eine Art Leben dort normalerweise abläuft. Dabei ist es das Besondere, das sie festhält: das Abba-Plakat an der Wand, der Wäscheständer vor dem Gobelin, die zwei verlassenen Stühle in der ausgeräumten Büroetage. Elemente, die auch die Fantasie der Autoren herausgefordert haben. Die zwei einsamen Stühle bekamen im Buch herzzerreißende Würdigungen. Und plötzlich sind es nicht mehr „loser-räume“, „räume zweiten grades“, wie Kathrin Röggla Schencks „Archiv verworfener Möglichkeiten“ nennt, sondern Bühnen künftigen Lebens.

In Los Angeles hat Naomi Schenck einmal in einem Haus des Architekten R. M. Schindler gewohnt, das prägt. Über Schindler hat Heinz Emigholz einen Essayfilm gedreht. Der Berliner Regisseur schrieb nun auch Texte über Schencks Bilder, kongeniale Kurztexte, in denen er Ablehnungsschreiben von Filmfirmen imaginiert.

Da soll ein Remake von Michael Snows Experimentalfilm-Kultschocker „Wavelength“ gedreht werden oder eine Daily Sitcom „Die Brauns in Braunschweig“, manchmal wird die Handlung ins ausgehende 19. Jahrhundert nach Binz auf Rügen verlegt oder die Hauptdarstellerin entwickelt eine Allergie gegen Rigipsplatten. Und ein Zimmer mit einem „Hollywood“-Plakat an der Wand denkt Emigholz sich als Modellwohnung „Young Living“ für eine Wanderausstellung BE STYLE des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport. „Besonders gelungen: die skulpturale Umsetzung von ,Generation X’ im Schambereich der Wohnung“.

Auch unsere Wohnung hat Naomi Schenck einmal fotografiert, als möglichen Filmdrehort. Sie ist im Archiv gelandet, eine nicht verwirklichte Option. Wer hätte bei uns drehen sollen? Angela Winkler? Nina Hoss? Ulrich Tukur oder Hanns Zischler? Verworfene Möglichkeiten. Und eine Einladung, sich den eigenen Film vorzustellen.

Naomi Schenck – Archiv verworfener Möglichkeiten. Hg. von Ulrich Rüdenauer. Belleville Verlag, München 2010, 24 €. Die Fotos von Naomi Schenck sind bis 22. Januar zu sehen in der Galerie Petra Rietz, Koppenplatz 11a, Mi–Sa 15 bis 18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben