Kultur : Fotografien von Hans Bellmer in der Berliner Galerie Berinson

Vanessa Müller

Anagrammatisch hat Hans Bellmer den Körper der von ihm gebastelten Mädchenpuppen genannt. Das Anagramm ist ein semantische Gefüge, dessen Einzelteile neu zusammengesetzt neuen Sinn produzieren: Der Körper als Alphabet, dessen Buchstaben nichts, deren Verkettung jedoch alles bedeuten kann. So dekliniert sich der Topos des ewig Weiblichen, der die Surrealisten dauerhaft beschäftigt hat, in immer neuer Variation. In der Galerie Berinson ist jetzt eine Auswahl von insgesamt 42 Fotografien und Zeichnungen aus den dreißiger Jahren zu sehen (Preise auf Anfrage), in deren Zentrum Bellmers Puppe und ihre zahlreichen Metamorphosen stehen. Die überwiegend aus dem Nachlass stammenden Arbeiten reichen von Schwarzweiß-Bildern in surrealistischer Manier über handkolorierte Aufnahmen aus der 1949 erschienenen Publikation "Les Jeux des la Poupée" bis zu Zeichnungen "normaler" Kinderpuppen, denen das eine oder andere Körperteil fehlt. Diese Amputation, die noch als natürlicher Verschleiss in Folge obsessiven Spieltriebs durchgeht, wird bei der selbstentworfenen Gliederpuppe zur Leitfigur; die Prothese wird Programm.

Seine erste Puppe hat Bellmer 1933 gebaut, seine zweite 1935 entwickelt. Die erste bestand noch aus einem Skelett aus Holz und Metall sowie Gliedmaßen mit einfachen Gelenken. Die zweite Puppe hingegen bricht aus dem ganzheitlichen Körperschema völlig aus. Glieder sind drehbar, Arme und Beine können abgeschraubt und sämtliche Körperteile konträr zu den Gesetzen der Anatomie arrangiert werden. Doch nicht die Puppe selbst ist das Objekt des künstlerischen Begehrens, sondern das Inszenieren und Fotografieren dieses Gegen-Ichs zu seinem Konstrukteur. Bellmers Puppe ist Weiblichkeit als Konzentrat und multivariabler Blickfang für erotomane Fantasien. Die Szenarien, in denen Bellmer seine Puppe zeigt, erinnern an Schauplätze von Verbrechen. Tatort Fotostudio: die Puppe im Wald liegend, halb die Treppe hinuntergestürzt, leblos im Heu. In einer Aufnahme sind einzelne Beine neben süßem Konfekt über den Teppich verstreut, in einem anderen ruht ein Torso auf einer Landschaft aus Kissen.

Verstörender noch als diese klischeebelasteten Orte ist die Puppe an sich, die ein Körperbild transportiert, das jede Biologie negiert. Die Körpermitte ist ein Kugelgelenk, an das sich variable Körperteile anschließen - zwei Paar Beine, eines oben, eines unten, oder aber eine Vielzahl von Kugelformen wie ein seltsames Geschwür. Körperteile scheinen sich in ständiger Mutation selbst zu generieren. Die Mitte jedoch bleibt leer, ein flexibles Drehmoment, mehr nicht. Das Mädchensurrogat nach dem Baukastenprinzip adressiert nur eins: den Blick, der über die Oberfläche gleitet und Haut imaginiert, wo Plastik ist.

Bellmer selbst hat seine Puppenfotografien als "Poesie-Erreger" bezeichnet, als Auslöser vielfältiger erotischer Phantasmen. Goldene Locken, eine Schleife, eine Hand, ein Bein und ein Stück spitzenbesetzter Unterrock - es ist weniger der Lolita-Charme mit pädophilem Touch, der diese Fotografien auszeichnet, als das spekulative Moment, das Bellmer mit wenigen Accessoires ins Bild setzt. Hier ist nichts "natürlich", sondern alles kalkuliert. Der Körper als Konstrukt wandelt sich analog zu dem Begehren seines Besitzers, und doch prallt dieses an der leblosen Materie immer wieder ab. Aus den Zwängen der Anatomie befreit, wird das Moment der unendlichen Reproduktion vielmehr zum Ausdruck des Fotografischen selbst. Denn auch dieses ist letztlich ein wunschgesteuerter Weltentwurf, der nur vorgibt, exakte Abbildung der Realität zu sein.Galerie Berinson, Auguststraße 22, bis 6. Mai; Dienstag bis Sonnabend 15-19 Uhr.

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