• Franco Berardi über Amokläufe und Finanzkapitalismus: „Sie sehen sich als Helden eines nihilistischen Zeitalters“

Franco Berardi über Amokläufe und Finanzkapitalismus : „Sie sehen sich als Helden eines nihilistischen Zeitalters“

Selbstmord als Triumph im neoliberalen Wettbewerbszwang: Der italienische Philosoph Franco Berardi macht in einer Studie den Finanzkapitalismus für amoklaufende Massenmörder verantwortlich.

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Diagnose Nihilismus. Franco „Bifo“ Berardi.
Diagnose Nihilismus. Franco „Bifo“ Berardi.Foto: YouTube/Simon Fraser University

Auch davon hatte der norwegische Massenmörder Anders Breivik geträumt: Nachahmer zu finden. Der Attentäter im Münchner Olympiazentrum hat ihm diesen Gefallen nun getan. In den medialen Aufmerksamkeits- und Sensationsspiralen fantasieren viele davon, wenigstens einen Moment lang ein Held zu sein. Als Lachnummer bei Dieter Bohlen, als Stuntnummer bei Thomas Gottschalk – oder eben als Massenmörder, mit vorfabriziertem Manifest, Pressemappe und Videos im Internet für die Ewigkeit.

„Helden“ nennt der marxistische Philosoph Franco „Bifo“ Berardi seine Studie über „Massenmord und Suizid“. Den Titel meint er weder ironisch noch zynisch, sondern bitter und ernst. Der 66-jährige Italiener, ein Vordenker der autonomen Linken, spricht von „Helden eines nihilistischen Zeitalters“ und dessen „Pathologie“. Er interessiert sich für Menschen, die leiden und aufgrund ihres eigenen Leidens zu Verbrechern werden.

Berardi unterzieht unsere Gesellschaft einer Radikalkritik. Der „Drang zum Selbstmord“ entspreche dem „Triumph des neoliberalen Wettbewerbszwangs“, behauptet er. Der „Finanzkapitalismus“ begründe ein nihilistisches Zeitalter, der Profit um jeden Preis vernichte jeden Wert. Die Werbung dröhnt aus allen Kanälen und suggeriert quietschende Fröhlichkeit. „Täuschung, Betrug und Gewalt zählen zu den Erfolgsgarantien im „kapitalistischen Absolutismus“. Es wird auf den Niedergang ganzer Staaten gewettet, über Rohstoffpreise auf Hunger und Elend in Afrika.

Profitgier und Depression

Die Gier nach Geld ist zur Ersatzwährung für verloren gegangene Werte geworden. „Wenn das Finanzspiel auf der Prämisse gründet, dass der investierte Geldwert steigt, je mehr zerstört wird“, schreibt Berardi, „so gründet diese Form des finanziellen Profitstrebens im Grunde auf einer Wette auf die Verschlechterung der Welt.“ Verlierer haben in dieser Welt nichts zu suchen. Es gewinnt immer derjenige, der andere Leben zerstört. Und die digitale Einsamkeit steigt vor „den Käfigen unserer Bildschirme“. Die Folge sind Depressionen und Krankheiten.

In seiner düsteren Bestandsaufnahme sieht er mittlerweile alle sozialen Errungenschaften „den religiösen Dogmen des Markt-Gottes geopfert“ Die Fähigkeit zu Solidarität, Empathie und Autonomie, klagt er, sei im schwarzen Loch eines „Nichts in Geldform“ verschwunden. Politisches Bewusstsein und politische Strategie sind in seinen Augen verdrängt. Die Verbrechen der „neoliberalen Theologie“ liegen für ihn auf der Hand: „Ich weiß wirklich nicht, ob es jenseits dieses schwarzen Lochs noch Hoffnung gibt; ob es jenseits der uns unmittelbar bevorstehenden Zukunft noch eine Zukunft gibt.“ Freundschaften im Privaten und Verweigerung im großen Zusammenhang sind für ihn die letzten Posten der Freiheit.

Aus dieser Sicht entwickelt Berardi Analysen der Massenmorde von Amokläufern und der Selbstmordwellen in Korea oder Japan. Er analysiert Ereignisse wie das Schulmassaker in Columbine, das Kino-Massaker in Aurora, Nine-Eleven, Breivik in Norwegen. Massenselbstmorde bei France Télécom; Massenselbstmorde indischer Bauern; Massenselbstmorde in Taiwan. Die Ursachen für Letztere erkennt er in den mörderischen Hierarchien und Renditeerwartungen von Finanzinstituten und Konzernen.

Ohne Wandel wird es weitere Katastrophen geben

Amokläufer und Selbstmörder, behauptetet er, nehmen Rache an einer Gesellschaft, in der nur noch das Gesetz des Stärkeren gelten soll. Berardi zeigt, wie mit der Regierung Thatcher ein sozialer Darwinismus aufgekommen sei: Es überleben jene, die andere aus dem Weg räumen. Die ethische Grundlage der modernen Gesellschaft – „das Verantwortungsbewusstsein der bürgerlichen Klasse und die Solidarität unter den Arbeitern“ – hat sich aufgelöst. Demokratie, Arbeitssicherheit und Gesetzestreue sind immer weniger wert. Die Verlierer aber, die Gemobbten, die Unterdrückten, die Gedemütigten, die Seelen ohne Empathie, werden zu mörderischen Helden eines nihilistischen Zeitalters.

Franco Berardi hat ein provozierend finsteres Buch verfasst, dessen Hoffnungslosigkeit vielleicht gerade die Hoffnung ist, die er vermitteln will: Ohne einen grundlegenden Wandel unseres Zusammenlebens, ohne einen „ethischen Rückzug aus der Barbarei unserer Zeit“ werden wir weiter von Katastrophe zu Katastrophe taumeln.

Franco „Bifo“ Berardi: Helden. Über Massenmord und Suizid. Aus dem Englischen von Kevin Vennemann. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2016. 288 Seiten, 22,90 €.

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