• Francois-Xaver Roth bei den Berliner Philharmonikern: Selbstgespräch in Sehnsuchtsschleifen

Francois-Xaver Roth bei den Berliner Philharmonikern : Selbstgespräch in Sehnsuchtsschleifen

Seit dem Sommer ist François-Xavier Roth GMD in Köln. Jetzt hat er sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern gegeben - mit Lully, Debussy und Berlioz.

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Anna Caterina Antonacci
Anna Caterina AntonacciFoto: Ben Ealovega

Der Schlagzeuger trommelt einfach weiter, über 260 Jahre hinweg, von Varèses Klangpanorama „Ionisation“ für 13 Schlagzeuger zurück zu Jean-Baptiste Lullys Tanzsuite „Le Bourgeois gentilhomme“. Nahtlos der Übergang von der apart rhythmisierten Metropolen-Musik der 20er Jahre zu den eleganten Punktierten der barocken Ouvertüre. Ja, elegant, nicht auftrumpfend höfisch, so dirigiert es François-Xavier Roth. Der Franzose, seit diesem Sommer Generalmusikdirektor in Köln, bestreitet sein Pultdebüt bei den Berliner Philharmonikern mit einem rein französischen Programm. Eine sichtlich willkommene Abwechslung, nach dem samt Auslandsterminen fünffach absolvierten Beethoven-Zyklus: Die Schlagzeuger freuen sich wie die Kinder, dass sie den von historischer Aufführungspraxis inspirierten duftigen Streichersound mit Tamburinschellen und Synkopen aufmischen dürfen.

Ein ungewöhnliches Programm: Roth verlangt den Philharmonikern Sinn fürs Tänzerische ab, Geschmeidigkeit, Anmut. Nicht immer gelingt der Schmelzklang, so manches bei Debussys erster Orchestersuite, dem 2006 wiederentdeckten, erstaunlichen Frühwerk von 1883, wirkt durchbuchstabiert. Man vermisst bei den Orientalismen den letzten Zauber, das atmosphärisch Flirrende – was die makellosen Bläserchöre im turbulenten Schlusssatz allerdings wettmachen. Berlioz’ Orchesterliedern „Les Nuits d’été“ verleihen die Philharmoniker dank Roth jedoch eine betörende Intensität. Verlorene Liebe, ein sich in Sehnsuchtsschleifen verfangendes Selbstgespräch in Mezzoforte: Die fabelhafte Sopranistin Anna Caterina Antonacci, sonst an den Opernhäusern der Welt zu Hause, interpretiert die romantisch-outrierte Todessehnsucht mit entwaffnender Natürlichkeit. Selbst den Seufzern des vierten Lieds „Absence“, diesem zu Musik geronnenen Schmerz, haftet nichts Gekünsteltes an.

Auch Ravels furiose Tanzgroteske „La Valse“, eine sichere Nummer zum Schluss, nimmt Roth eher tänzerisch. Energie und Ekstase, ja bitte, vor dem Wahnsinn dieses ins Apokalyptische überdrehten Werks schreckt er jedoch zurück. Macht nichts: Die Leichtigkeit à la française tut gut an diesem verregneten Spätherbstabend.

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