"Frank" mit Michael Fassbender : Kunstkopf hinter Pappmaché

Auftritt der Soronprfbs! „Frank“ erzählt von der Selbstfindung einer kuriosen Avantgarde-Noise-Band, deren Sänger sich in einem merkwürdigen Kostüm versteckt.

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Unter Pappmaché versteckt sind Michael Fassbender.
Unter Pappmaché versteckt sind Michael Fassbender.Foto: Jonathan Hession/Weltkino Filmverleih/dpa

Mummenschanz gehört zum Pop, von Anfang an. Verkleidung verschafft Aufmerksamkeit, wer eine Maske trägt, kann sein Ich verschwinden lassen und in fremde Rollen schlüpfen. Kiss wurden in echsenartigen Kinderschreckkostümen berühmt, Daft Punk haben sich in Roboter verwandelt, die Musiker der Garagenband The Mummies treten als vollkörperbandagierte Mumien auf die Bühne. Die Liste ließe sich fortsetzen bis zu aktuellen Maskenträgern wie Cro oder Sido. Wobei stets gilt: Das Versteckspiel ist Teil der Show. It’s only Rock’n’Roll.

Bei „Frank“, dem Titelhelden von Lenny Abrahamsons gleichnamigem Spielfilm, liegt der Fall anders. Der Frontmann der Avantgarde-Noise-Band Soronprfbs setzt seine Maske nicht erst auf, wenn er auf die Bühne geht. Er trägt sie immer. Es handelt sich um einen kürbisgroßen Pappmachékopf mit staunend aufgerissenen Augen, schlitzförmigem Mund und akkurater Scheitelfrisur. Er duscht mit ihm und schützt ihn dabei mit Kunststofffolien. Nicht einmal für die Mahlzeiten muss er ihn absetzen, denn er trinkt und isst durch Strohhalme. Keiner aus der Band hat Frank jemals ohne diesen Kunstkopf gesehen. Darunter, sagt einer der Musiker, „riecht es nach Wurst“. Keine Frage, Frank ist krank.

Der Pappmachékopf schweigt

„Frank“ beginnt als Initiationsgeschichte. Jon (Domhnall Gleeson), ein schüchterner Twen, der immer noch bei seinen Eltern wohnt, träumt in einem Waliser Seestädtchen vom Rock’n’Roll- Ruhm. Auf seinem Computer schreibt er Songs, von denen sich herausstellt, dass sie – „verdammt!“ – schon mal in der Hitparade waren. Eines Tages beobachtet Jon, wie ein Mann sich im Meer zu ertränken versucht. Es ist der Keyboarder der Soronprfbs, und weil der verhinderte Selbstmörder im Krankenhaus landet, darf Jon sich am Abend als Ersatzkeyboarder versuchen. Es ist ein kurzer Spaß, denn nachdem die kapriziöse und stets schlecht gelaunte Theremin-Spielerin Clara (Maggie Gyllenhaal) lautstark mit ihren Mitmusikern aneinandergerät, wird das Konzert abgebrochen.

Trotzdem sitzt Jon bald darauf im Bandbus, um – junger Mann zum Mitreisen gesucht – mit den Soronprfbs auf Irland-Tour zu gehen. Hier müsste das Road Movie anfangen. Stattdessen landet „Frank“ gleich in der nächsten Sackgasse. Denn die Tour soll erst starten, wenn das neue Album fertig ist.

„Ich will euch in die entlegensten Winkel führen, um die interessanteste Musik zu finden“, verkündet Frank, als die sechsköpfige Band in dem abgelegenen irischen Holzhaus angekommen ist, wo das Meisterwerk entstehen soll. Bis sich herausstellt, dass unter dem Pappmachékopf wirklich Michael Fassbender steckt, der Star aus „Shame“ und „12 Years a Slave“, ist der Film fast schon vorbei. Fassbender kriecht tief hinein ins Kostüm und in die gestörte Seele seiner Figur. Manchmal gibt er Sinnsprüche über das Wesen menschlicher Kreativität von sich. Meist aber schweigt er. Perfekter Minimalismus.

Umweltgeräusche und düstere Lärmmusik

Es sind durchaus einige große Platten in entlegenen Feld-, Wald- und Wiesen-Studios entstanden, etwa „The Basement Tapes“ von Bob Dylan oder „Psychedelic Pill“ von Neil Young. Die Soronprfbs allerdings verstehen sich als Experimentalband, ihnen geht es um totale Befreiung. „Du kannst über alles schreiben, sogar über deine Socken“, sagt Frank zu Jon. Worauf Jon anfängt, einen Song nach dem anderen zu schreiben, über seine Socken, die Liebe und das Leben. Keiner schafft es auf das Album, das sowieso nicht fertig wird.

„Frank“ zeigt, wie mühsam und quälend es sein kann, Kunst herzustellen. Die Band macht Field Recordings mit Umweltgeräuschen, Frank erfindet ein eigenes Notensystem, in endlosen Sessions entsteht eine düstere, nicht einmal schlechte Lärmmusik, die von Claras fiependem Theremin und Franks zerhacktem Gesang dominiert wird und an die Industrial-Gruppe Throbbing Gristle erinnert. So vergehen Wochen und Monate. Die Haare und Bärte der Musiker werden lang und länger. Dann geht das Geld aus. Der Bassist bringt sich um. Alles wird immer schrecklicher. Bis die Band zum South-by-Southwest-Festival in Austin eingeladen wird, weil Jon heimlich ein Video bei YouTube gepostet hat. Nun könnten Ruhm und Glück beginnen. Theoretisch jedenfalls.

Verlierern schaut man im Kino lieber zu als Siegern. Wobei die Soronprfbs gar nicht mal auf ganzer Linie scheitern. Im entscheidenden Moment rauft sich dieser Trupp von Neurotikern, die sich als Musiker getarnt haben, zusammen. Sehr fein hat der irische Regisseur die Komik und die Traurigkeit seiner Geschichte austariert. Inspiriert ist „Frank“ übrigens von der Biografie des Punkmusikers Chris Sievey, der mit einem Comic-Kopf auftrat. Spiegeleiaugen, Seitenscheitel, Schlitzmund: Er sah aus wie Franks älterer Bruder.

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