Franz Kafka : Herrlicher Teufelsdienst

Neue Bücher über Franz Kafka: Saul Friedländer erforscht die sexuellen Phantasien des Autors, Astrid Dehe und Achim Engstler seinen Humor.

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„Unersättlicher Flirter“. Franz Kafka mit seiner Verlobten Felice Bauer 1917.
„Unersättlicher Flirter“. Franz Kafka mit seiner Verlobten Felice Bauer 1917.Foto: akg-images

Wer wagt sich noch in die Labyrinthe der Kafka-Philologie? Saul Friedländer, der vielgerühmte Holocaust-Historiker, hat nun überraschend ein Buch über das Jahrhundertgenie vorgelegt, ausgestattet gewissermaßen mit einem Empfehlungsschreiben: Auch Friedländer, fünfzig Jahre später geboren, entstammt ja der untergegangenen Welt des Prager Judentums, seine Familie war sogar entfernt bekannt mit den Kafkas. Er setzt zunächst die alten Schlachten gegen Kafkas Freund und Nachlassverwalter Max Brod fort. Der habe Kafka zum „heiligen“ Franz stilisiert, der sich vor allem mit metaphysischen Fragen beschäftigte. Dem setzt Friedländer die These entgegen, dass „die Probleme, die Kafka während des größten Teils seines Lebens peinigten, sexueller Natur waren“. Genauer: Kafkas Schuldgefühle gründeten in „vorgestellten sexuellen Möglichkeiten“.

Friedländer bietet Passagen aus den Werken, Briefen und Tagebüchern auf, um die heftigen Gelüste und Fantasien Kafkas einzukreisen. Es beginnt mit „stark bekämpften homoerotischen Strebungen“. Dass der Abscheu und „Schmutz“, von dem Heterosexualität bei Kafka oft gekennzeichnet ist, in den gelegentlichen Beschreibungen mann-männlichen Begehrens fehlt, kann allerdings auch damit zusammenhängen, dass es für Kafka schlicht keine praktikable Form der Sexualität war. Zwar nistet sich in die Beschreibungen der Beamtenwelten in „Proceß“ und „Schloß“ eine verquere, oft komische Sprache des Begehrens ein. Als Belege für unterdrückte homoerotische Begierden erscheinen diese Darstellungen jedoch überinterpretiert.

Auch der Anfangsverdacht pädophiler Neigungen läuft ins Leere. Belegstellen sind knapp und werden tendenziös ausgelegt. „Die Gesellschaft kleiner Mädchen war anscheinend ebenso willkommen wie die kleiner Jungen“, schreibt Friedländer, als wäre Kafka ein routinierter Bonbononkel gewesen. Dass er beim Schützenfest in Stapelburg mit sechs kleinen Mädchen Karussell fährt, klingt bei Lektüre seines Reisetagebuchs allerdings viel harmloser als in Friedländers stark verkürzter Darstellung.

Beunruhigender, allerdings auch bekannter sind Kafkas sadomasochistische Fantasien. Groteske Folterszenen kennzeichnen nicht nur Werke wie „Process“ und „Strafkolonie“, sondern auch die Tagebücher: das Zerfetzen, Zerschneiden, Zu-Tode-Schleifen des Kafka-Körpers. „Ja, das Foltern ist mir äußerst wichtig, ich beschäftige mich mit nichts anderem als Gefoltert-Werden und Foltern“, schrieb er an Milena Jesenská.

Kafka spickte seine Erzähltexte auch deshalb mit Sexualsymbolik, weil er die Modetheorie seiner Epoche, die in Prager Intellektuellenkreisen lebhaft diskutierte Psychoanalyse, zur Kenntnis genommen hatte – „natürlich“ habe er beim Abfassen der Durchbruchserzählung „Das Urteil“ an Freud gedacht, schrieb er im Tagebuch. Das macht solche Texte (Ähnliches gilt für Thomas Manns vor Phallussymbolen wimmelnden „Zauberberg“) zu tautologischen Fallen für psychoanalytische Interpretationen. Man kann nicht so tun, als würde das Unbewusste durch die Texte sprechen und letzte Wahrheiten über die Triebwünsche des Autors offenbaren.

Wie aber erklärt sich Kafkas Beziehungsunfähigkeit? Er war ja durchaus interessiert an Frauen, als „unersättlichen“ Flirter bezeichnete er sich einmal, und er ging öfter ins Bordell. Friedländer sieht das entscheidende Dilemma: Für Kafka waren seine Art des Schreibens und ein „normales Leben“ nicht vereinbar. Für diesen herrlichen Teufelsdienst brauchte er Einsamkeit, und die nächtlichen Ekstasen am Schreibtisch waren ihm letztlich wichtiger als das halbherzig angestrebte Eheleben: Da galt ihm die Frau als gefährliche Kraft der „Normalisierung“, die er meiden musste.

Ein souveränes Kapitel ist dem ambivalenten Verhältnis zum Judentum gewidmet. „Was habe ich mit Juden gemeinsam? Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam“, meinte Kafka einmal. Aber die Kreise, in denen er verkehrte, waren fast ausschließlich jüdisch. Auch den wachsenden Antisemitismus hat er noch genau wahrgenommen. Die Ermordung des jüdischen Politikers Walther Rathenau 1922 kommentierte er mit schwärzester Ironie: „Unbegreiflich, dass man ihn so lange leben ließ.“ Die langen Gesprächsszenen der Romane versteht Friedländer als Parodien talmudischer Debatten. Aber in Kafkas Werk sei die Tradition erkrankt und Weisheit nur als Zerfallsprodukt zu haben, als letztes Gerücht von den wahren Dingen.

Dieses Buch hat mehr zu bieten als ein paar Zerfallsprodukte der Forschung und Gerüchte von den sexuellen Dingen. Es ist ein kleines, sehr gut geschriebenes Kafka-Kompendium, das in zentrale Motive und Konflikte einführt, darunter die ewige Sohnschaft und das produktive Vater-Problem. Es geht um die Freunde und die Frauen, um den Einfluss Kierkegaards und die Details der Erzählung „Ein Landarzt“, die Friedländer als Komprimat von Kafkas perfider Albtraumwelt mit ihren unauflösbaren Ambivalenzen liest.

„Nichts als Dunkelheit“, resümiert Friedländer am Ende der „Landarzt“-Interpretation. Für Kafkas Komik ist indes ein anderes Buch zuständig, eines der schönsten, das in den letzten Jahren über ihn erschienen ist: „Kafkas komische Seiten“ von Astrid Dehe und Achim Engstler. Jedem Kapitel ist hier eine komische Seite aus Kafkas Schriften, Briefen oder Aufzeichnungen vorangestellt. Wunderbare Entdeckungen abseits der Hauptwerke sind da möglich, etwa die vierseitige Beschreibung des peinlichen, nicht enden wollenden Lachanfalls, den Kafka bei einer Unterredung mit seinem Chef erlitt, dem Präsidenten der Arbeiterunfallversicherung. Aber es geht hier nicht nur um literarische Komik, sondern auch um die komischen Seiten des Menschen Kafka, seine Turnübungen und Ernährungsgewohnheiten, seine Liebesunordnung und seine Wut über die Ärzte – die einzigen Menschen, die ihn seine Höflichkeit vergessen lassen konnten.

Saul Friedländer: Franz Kafka. Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer. C.H. Beck, München 2012. 256 S., 19,95 €.

Astrid Dehe, Achim Engstler: Kafkas komische Seiten. Steidl, Göttingen 2011.324 Seiten, 29,80 €.

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