Französisches Provinzkino: "Café Olympique" : Wie die Zeit vergeht

Schrullig, gemütlich, französisch: Robert Guédiguian erinnert in seinem Wohlfühlfilm "Cafe Olympique" an ein altes Frankreich - voller Chansons und sprechender Schildkröten.

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Die Protagonistin aus "Café Oympique".
Die Protagonistin aus "Café Oympique".Foto: Schwarzweiß-Filmverleih

Die Wohnsiedlung ist papierweiß, die Bepflanzung dazwischen unnatürlich grün, das Ganze leblos und steril – wie ein Architekturmodell, dem die maßstabgerechten Menschenpüppchen fehlen. Drinnen ist es umso bunter, denn da backt eine eifrig herumwuselnde Frau Torten – mit verschiedenfarbigen Cremes, Früchten und Deko-Materialien. An der Tür werden Blumensträuße abgegeben und auf dem Anrufbeantworter Nachrichten hinterlassen. Die Gäste aber bleiben aus.

Ariane heißt die Frau, dargestellt von Ariane Ascaride, der Lieblingsdarstellerin von Robert Guédiguian („Der Schnee am Kilimandjaro“, 2011). Ihre Figuren sind mütterlich-pragmatisch-energisch, eben fraulich in genau der Weise, wie das etwas angestaubte Adjektiv es impliziert. Sie lässt Kuchen Kuchen sein und verlässt, bewaffnet mit Handtasche und Autoschlüssel, das Haus. Das Abenteuer kann beginnen. Jedenfalls die Art von Abenteuer, die der Regisseur seiner Protagonistin zum 50. Geburtstag gönnt. Er versetzt sie ins „Café Olympique“, in dem eine Schar von Sonderlingen (inklusive sprechender Schildkröte) allerlei skurrilen Beschäftigungen nachgeht, bis sich alle in einem Open-Air-Theaterstück wiederfinden. Jede Figur spielt zwei Rollen – wie sich am Ende zeigt, sogar drei.

Provinzfilm mit schrulliger Gemütlichkeit

Schon bemerkenswert, was einer Frau in mittleren Jahren, über deren Leben der Film nicht mehr preisgibt, als dass sie offenbar an ihrem Geburtstag allein ist, als Erlebnis zugestanden wird. Es geht ums Zupacken, Einfühlen, Helfen – klassische Sozialarbeit, die sie wunderbarerweise auf Sandalen mit hohen Absätzen erledigt, ehrenamtlich, versteht sich. Drumherum gibt es neben Sonne, Meer und schöner Landschaft auch ein pittoresk heruntergekommenes Industriegebiet. Die Regionen Marseille-Provence und Provence-Alpes-Côte-d'Azur haben mitproduziert: Wie häufig bei neueren französischen Produktionen, scheint die finanzielle Förderung touristische Werbeaufnahmen als Gegengabe zu erfordern.

Es versteht sich zudem, dass das gesamte Figurenensemble sich in jener Art von schrulliger Gutmütigkeit gefällt, wie sie so nur im französischen Provinzfilm anzutreffen ist – die Stammdarsteller des Regisseurs wie Jean-Pierre Darroussin oder Gérard Meylan garantieren dafür. In seiner „Phantasie“, wie Guédiguian den Film nennt, scheint es um die Rückbesinnung auf ein Frankreich zu gehen, das schon in den Romanen Georges Simenons nicht mehr existiert, von der Realität zu schweigen. Dazu passen die Chansons aus den Sechzigern von Jean Ferrat (1930-2010), die den Film begleiten – etwa „On ne voit pas le temps passer“. Man sieht nicht, wie die Zeit vergeht? Da scheint Robert Guédiguian etwas falsch verstanden zu haben.

Cinemaxx, Filmkunst 66; OmU in der Kulturbrauerei

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