Kultur : Frau Diktator

Ein neuer Pollesch an der Berliner Volksbühne

Christine Wahl

„Ich will raus aus der Kreativitätsfalle“, tremoliert Sophie Rois und weiß auch schon, wie: „Ich sag jetzt mal nein!“ Derartige Probleme kennt ihr Kollege Volker Spengler nicht. Der wirkt in seiner hellblauen, schwer Komödienstadl-Fundus-verdächtigen Uniform so beneidenswert mit sich selbst identisch, dass er garantiert immer und überall ja sagen würde. Leider aber ist es mal wieder „nur `ne kleine Rolle“ geworden. „Du spielst Elena Ceausescu“, grantelt Spengler im treffsicheren Trotzköpfchenton Richtung Rois, „und ich ihre Reitlehrerin!“

Apropos Ceausescu: Davon, dass René Polleschs neuer Abend in der Volksbühne „Diktatorengattinnen I“ heißt und Rois wiederholt behauptet, Elena zu sein, sollte man sich nicht weiter irritieren lassen. Zwar hat Bert Neumann einen wunderbaren Billigprotzsalon auf die Bühne gebaut, der vom pompös misslungenen Sofa bis zum buchstäblich erschlagenden Kronleuchter tatsächlich alle Repräsentationsinsignien versammelt, mit denen sich der gemeine Diktator – nebst Gattin – so zu umgeben pflegt.

Aber eigentlich geht es natürlich, wie immer bei Pollesch, ums abhanden gekommene Ich, den lustig zur Schau gestellten Generalverdacht gegenüber sämtlichen Repräsentationspraktiken und damit eben auch das ewige Dilemma des Schauspielers.

In diesem Sinne sind Frau Ceausescus hysterische Vorherrschaftskämpfe gegen ihre Doppelgängerinnen (Mira Partecke und Christine Groß) durchaus amüsant anzuschauen. Und auch aus der Tatsache, dass der schwergewichtige Spengler zusätzlich zu seinem Hauptrollen-Tick als kollektive Tochter Olive firmiert, holt Pollesch lustigen Slapstick und die eine oder andere erfrischend familienfeindliche Pointe heraus.

Allein: Die Textgrundlage dieses Abends, der sich ästhetisch an Polleschs gelungener Boulevardkomödiensubversion „L’Affaire Martin“ orientiert, ist dünn. Die „Diktatorengattinnen“ vertändeln sich in beliebiger wirkenden Erheiterungsstatements und schaffen es zwischen technisch versiertem Kronleuchter-Auf-und-Ab und unschöner Kopulationsakrobatik nicht, einem zu vermitteln, wo sie eigentlich hinwollen. Wenn sich der 75-minütige Abend dennoch lohnt, dann einzig und allein wegen Sophie Rois: Die ist tatsächlich imstande, noch die schmalste Textstelle zu adeln, indem sie ihr mindestens einen fünffachen Boden unterschiebt. Christine Wahl

Wieder heute sowie am 27.10., 19 Uhr

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