Frauen im Exil : Ich zweifle, also bin ich

Yasmine Merei aus Homs und Deborah Feldman aus New York lebten in orthodoxen Communities. Bis sie sich selbst befreiten. Ein Doppelporträt.

Amloud Alamir
Deborah Feldman lebte als Chassidin in New York, bis sie ihr Kopftuch ablegte und nach Berlin kam. Ihr Buch "Unorthodox" wurde ein Bestseller.
Deborah Feldman lebte als Chassidin in New York, bis sie ihr Kopftuch ablegte und nach Berlin kam. Ihr Buch "Unorthodox" wurde ein...Foto: dpa/picture alliance

Zu den Gesellschaften, die am meisten Aufsehen erregen, gehören jene, die auf religiösem Fanatismus beruhen. In solchen Gemeinschaften wird jeder, der einer anderen Meinung oder Überzeugung anhängt, ausgegrenzt und denunziert, denn sie glauben, selber im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Nicht selten sind Frauen die ersten Opfer von solchem Absolutheitsanspruch, erst recht, wenn sie gegen die Abschottung nach außen rebellieren und die Begegnung mit anderen suchen.
So war es bei Yasmine Merei aus Syrien und bei Deborah Feldman aus den USA. Beide sehnten sich nach Freiheit, nach persönlicher Freiheit, beide lebten ein Leben wie im Gefängnis. Die Journalistin, Linguistin und Menschenrechtsaktivistin Yasmine Merei, 1984 im syrischen Homs geboren, floh 2012 vor Assads Regime und vor einem Alltag, den sie nicht länger ertrug. Sie erhielt ein Stipendium der Villa Aurora in Los Angeles, wo sie die Choreografin Sasha Waltz traf – seit April arbeitet sie unter anderem für deren Compagnie Sasha Waltz & Friends. Vor allem ist sie mittlerweile Chefredakteurin des Magazins „Saiedet Souria“ (Lady of Syria), das 2014 als erste syrische Frauenzeitschrift gegründet wurde, um einer neuen Generation von syrischen Frauen eine Stimme und eine Plattform zu geben. Die Exilredaktion sitzt weitgehend in der Türkei, auch Autorinnen aus Syrien steuern Texte bei, eine gefährliche Arbeit. Auch das Regionalbüro dort muss im Geheimen arbeiten.


Deborah Feldmans Buch "Unorthodox" wurde ein Bestseller

Deborah Feldman, 1986 in New York geboren, floh wiederum aus den Zwängen einer chassidischen Gemeinschaft in New York nach Berlin, sie lebt heute in Neukölln. Ihr Debütroman, den sie auf der Flucht schrieb, erschien 2012, „Unorthodox“ verkaufte sich millionenfach. Inzwischen ist das Buch auch auf Deutsch erschienen, im Züricher Secession-Verlag.

Yasmine Merei ist Chefredakteurin der syrischen Frauenzeitschrift "Saiedet Souria" und lebt in Berlin.
Yasmine Merei ist Chefredakteurin der syrischen Frauenzeitschrift "Saiedet Souria" und lebt in Berlin.Foto: privat

Was in Syrien geschah, sagt Yasmine Merei, als wir uns in Berlin treffen, brachte sie dazu, sich mit Fragen auseinanderzusetzen, die sie sich zuvor in ihrem konservativen Umfeld gar nicht erst stellen konnte. Sie ist eine viel beschäftigte, hoch aktive Frau, die zunächst die Distanz wahrt, bevor sie Vertrauen fasst. Ihr Kopftuch habe sie abgelegt, weil sie von Gott enttäuscht war, erzählt sie. Jedes Mal, wenn sie Videos sieht, in denen Kinder getötet und Frauen vergewaltigt werden, Videos, in denen die Menschen im Bombenhagel sterben und dabei noch immer auf ein Wunder von Gott hoffen, fragt sie sich: „Gibt es Gott wirklich? Wie kann der Mensch in Beziehung zu jemandem treten, von dem er gar nicht weiß, wer das eigentlich ist?“ Hätte sie früher solche Zweifel gehegt, wäre sie als Ungläubige gebrandmarkt worden. Doch von ihrer Furcht vor Moralpredigern hat sie sich inzwischen befreit. Heute kann sie ihre Weiblichkeit leben. Und dazu gehört auch, dass sie spürt, wie der Wind durch ihr Haar weht.
Auch Deborah Feldman trug als chassidische Jüdin ein Kopftuch, ihr Haar musste sie nach der Hochzeit abschneiden. Als Quasi-Eigentum ihres Mannes hatte sie kein Recht darauf, Einwände oder überhaupt ihr Wort zu erheben. Aber ihr Freigeist regte sich zunehmend, wenigstens für ihr Kind wünschte sie sich ein Leben ohne die Komplikationen, die mit den rigiden Regeln der Orthodoxie und einer rückständigen Tradition einhergehen. Sie würde an einen Ort ziehen, an dem sie niemanden kannte, würde ihre Freunde und Familie verlieren, das wusste sie. Aber sie erfuhr auch, wie andere junge chassidische Frauen beim Versuch der Befreiung gescheitert waren und sich das Leben nahmen.


Yasmine Merei ist jetzt Chefredakteurin der syrischen Frauenzeitschrift "Saiedet Souria" - aus dem Exil

Im Gespräch meint die Autorin: „Ich habe viele Briefe erhalten, in denen ich aufgefordert werde, mich umzubringen. Viele Chassiden wünschen sich, dass ich restlos verzweifle, sodass sie ihren Kindern sagen können: Das passiert, wenn man aus der Gemeinschaft flüchtet.“ Aber Deborah Feldman verzweifelte nicht. Sie geht den Dingen gern auf den Grund. Eine Wahrheitssucherin, die sich ihren Humor nicht nehmen lässt.
Yasmine Merei hat es ihrerseits geschafft, sich zur Chefredakteurin der Frauenzeitschrift „Saiedet Souria“ hochzuarbeiten. Das Blatt wird unter anderem von der internationalen Organisation Hivos finanziert und thematisiert die Herausforderungen und Probleme der syrischen Frauen: Kopftuchzwang, Kinderheirat, Zwangsehe, Ehrenmorde, das Leben als Alleinerziehende, das Überleben in Flüchtlingscamps und vieles mehr.


Zwei entwurzelte Frauen, die in Berlin neu Fuß fassen

Und warum ging Deborah Feldman nicht nach Israel, etwa ins moderne Tel Aviv? Nein, es sei der Säkularismus, der zu einer freien und pazifistischen Gesellschaft führt, sagt sie. „In Israel bist du ständig auf die eine oder andere Weise der Herrschaft der Religion unterworfen. Ich würde in Israel niemals frei sein.“ Als Feldman begann, über die Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen in der jüdischen Gemeinschaft generell zu sprechen, bat man sie zu schweigen oder warf ihr Antisemitismus vor. In den Augen von Feldman wirken solche Menschen aktiv daran mit, das Leid der Frauen zu verlängern.
Zwei entwurzelte Frauen, zwei Frauen, die Fuß fassen im Exil. Deborah Feldman schreibt an einem neuen Buch, in dem sie über ihr Leben in Freiheit spricht. Yasmine Merei möchte jetzt eine Initiative zur Integration geflüchteter Frauen ins Leben rufen: Frauen, die zuvor nicht berufstätig waren, sollen motiviert werden, ihre Fähigkeiten in die Gesellschaft einzubringen, hier in Berlin.

Amloud Alamir, 1976 in Syrien geboren, arbeitete im Korrespondentenbüro von AP und dpa und absolvierte unter anderem eine Fortbildung bei Al
Jazeera. Anfang 2014 kam sie nach Berlin und arbeitet jetzt für die rbb-Fernsehsendung „stilbruch“ sowie als Autorin für Deutschlandradio Kultur. Ihr Text erscheint im Rahmen der Tagesspiegel-Ausgabe vom 15. Oktober 2016, die von geflüchteten Journalisten gestaltet worden ist.  
- Aus dem Arabischen von Melanie Rebasso

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