Frauen und Männer : Die Methode Fassbender

Er ist der neue Star in Hollywood, und alle fragen sich: Bekommt er den Oscar? Denn 2011 ist das Jahr von Michael Fassbender. Eine Begegnung.

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Bekommt er den Oscar? 2011 ist das Jahr von Michael Fassbender.
Bekommt er den Oscar? 2011 ist das Jahr von Michael Fassbender.Foto: Cinetext/Allstar/Film4

Er ist nackt vor der Kamera, er onaniert, er hat Sex, es ist trostlos. In „Shame“, der zweiten Kinoarbeit des Videokünstlers Steve McQueen, spielt Michael Fassbender einen sexsüchtigen New Yorker, der unter seinem Trieb leidet wie ein Tier, der ständig die Frauen verführt, durch die Stadt rennt, um die Sucht loszuwerden, aber vergeblich. Ein hochgewachsener, drahtiger Mann, er könnte modeln mit seiner Figur, aber sein Körper ist ja sein Fluch. Einmal hat er Sex mit zwei Frauen, und nicht die Erregung lässt seine Gesichtszüge verkrampfen, sondern die zum Zerreißen angespannte Halsschlagader. Michael Fassbender kann mit der Halsschlagader schauspielern, mit Haut und Haar, mit jeder Faser seines Körpers.

Michael Fassbender, 34, irische Mutter, deutscher Vater, geboren in Heidelberg, aufgewachsen in Killarney im Südwesten Irlands, die Eltern hatten ein Restaurant. Er war ein Weltkriegssoldat in „Band of Brothers“, ein Spartaner im Historienschinken „300“, ein Agent in Tarantinos „Inglourious Basterds“. Ein Krieger in Uniform, ein durchtrainierter Nebendarsteller. In diesem Jahr kommt er auf fünf große Filme, Hauptrollen zumeist, es wurde auch Zeit. 2011 ist Michael Fassbenders Jahr. Auch weil er einen neuen Typus Star verkörpert: den virilen Methodiker. Einer, der ganz Mann ist – und sich nicht ums Männliche schert.

Die Liebe zum Kino hat er von der Mutter Adele. Sie schwärmte für New Hollywood, den amerikanischen Film der 70er Jahre, mit ihr sah er sie alle, Robert de Niro, Al Pacino, Christopher Walken. Seine ersten Vorbilder. Method Acting, so fing es an.

„Ich bin kein Method Actor mehr, ich habe meine eigene Methode“, sagt er heute. Er liest Drehbücher wieder und wieder, bereitet sich akribisch vor – um sich dann in die Rolle wie in ein Extremabenteuer zu stürzen. Und er kann sie am Ende des Drehtags ablegen, um sie sich am nächsten Morgen wieder frisch überzustreifen, ein klassischer Method Actor geht mit der Rolle ins Bett. „Ich fühle mich wohl in meiner Haut“, erklärt Fassbender. „Deshalb macht es mir nichts aus, beim Sex in ,Shame' hässlich auszusehen. Es ist nie angenehm, solche Szenen zu drehen. Nackt vor der Kamera muss ich noch fokussierter sein, damit es ehrlich wird, real. Hässlichkeit gehört dazu.“

Hässlich, also bitte. Das sagt ein Mann, den die Filmmagazine schon als nächsten James Bond handeln, was keine schlechte Idee ist, denn er besitzt die Muskeln, aber auch den Mut zur Blöße. Fassbender betritt das Bibliothekszimmer des Hotels Adlon, schwarze Lederjacke, Flanellhemd, Jeans. Er staunt über die Bücherregale und das Deckengemälde, aber noch schneller registriert er die Akustik des Raums. Eine Kapellenakustik, die seiner sonoren Stimme mehr Resonanz verleiht. Er schreibt eine SMS zu Ende, flucht leise – daheim in London gibt es Probleme mit dem Hausbesitzer – und redet erstmal über das Gegenteil von Nacktheit und Kurznachrichten. Darüber, wie Kleider Leute machen und wie wichtig der weitschweifige akademische Diskurs in der bürgerlichen Gesellschaft vor 100 Jahren war. „Heute fassen wir uns kurz, die Fähigkeit zum Elaborieren haben wir verloren.“

In David Cronenbergs Film „Eine dunkle Begierde“, der nächste Woche ins Kino kommt („Shame“ startet erst 2012), spielt Fassbender den Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung, der sich mit Sigmund Freud Fehden über die wahre Psychoanalyse lieferte und sich in seine Patientin Sabina Spielrein verliebte. „Wenn ich Gehrock und Stehkragen trage, ist alles da“, sagt Fassbender, „die Etikette, das hyperzivilisierte Europa des frühen 20. Jahrhunderts.“ Ein Schweizer hat eine andere Physis als ein Ire oder ein Österreicher wie Freud, fügt er hinzu. „Die Körpersprache ist mein wichtigstes Werkzeug. Mit ihr kann ich den Gemütszustand eines Menschen besser zum Ausdruck bringen als mit einer Dialogzeile.“ Kein Wunder, dass sein als Nazi getarnter britischer Spion in „Inglourious Basterds“ wegen einer Geste auffliegt: Briten zeigen die Zahl Drei anders mit den Fingern als Deutsche.

Michael Fassbender ist der ungewöhnliche Fall eines Mannes, der schnelle Autos liebt, in seiner Freizeit den Geschwindigkeitskick mit Kart oder Motorrad sucht und darüber ziemlich klug spricht, mit einer kräftigen Portion Selbstironie. „Es ist wie Meditation. Man konzentriert sich vollständig darauf, in der nächsten Kurve nicht die Kontrolle zu verlieren, das macht den Kopf frei. Bloß vollständig einstellen darf man das Denken nicht, denn dann landet man im Graben.“

Er ist ein Kamera-Tier, das intellektuelles Gerede auf dem Set verabscheut. Und zugleich einer, der sich vor dem Dreh in das Filmskript wie in einen Forschungsgegenstand vertieft. Instinkt und Analyse. „Die Kamera ist mein Freund, ich flirte mit ihr.“ Schon der Winkel sei entscheidend – was er seinem Gegenüber gleich veranschaulicht. „Sie sind jetzt die Kamera, ich sitze halb schräg mit einer gewissen Distanz vor Ihnen, und jetzt“ – er schnipst mit den Fingern und beugt sich vor – „bin ich ganz nah, frontal im Bild, das ist eine völlig andere Stimmung, eine andere Geistesverfassung, ein anderer Film“.

So geht es die ganze Zeit. Fassbender redet über die Kindheit auf dem Land, über Bäumeklettern und Geländeläufe, darüber, wie er in „X-Men: First Class“ – noch einer seiner Filme 2011 – als Magneto mit bloßer Willenskraft U-Boote aus dem Meer hebt, und ist gleich wieder beim Method Acting von Stanislawski oder der Bewegungstheorie des Tanzpioniers Rudolf von Laban. Bei seiner Schwester Catherine, einer Neuropsychologin, mit der er über Sexsucht oder Jungs Thesen diskutiert. Und bei den Gemeinsamkeiten von Steve McQueen, Tarantino und Cronenberg. Alle drei lieben es, mit dem „Kompass der Moral“ zu spielen. Fassbender dreht Blockbuster, Kostümfilme und Arthouse-Experimente, er sagt: „Theater ist Marathon, Kino ist Sprint.“ Er weiß, wovon er spricht. Denn er hat, nach HeavyMetal-Band und Amateurbühne, am Londoner Drama Center gelernt und brach die Ausbildung kurzerhand ab, um mit der Oxford Stage Company und Tschechows „Drei Schwestern“ auf Tour zu gehen.

Fassbender redet schnell, auf Fragen reagiert er, bevor sie gestellt sind. 2011 ist ohnehin sein schnellstes Jahr. Nach der „X-Men“-Premiere drehte er „Prometheus“ mit Ridley Scott, im September feierten „Shame“ und „Eine dunkle Begierde“ auf dem Filmfest Venedig Premiere, Fassbender erhielt den Darstellerpreis, vielleicht kommt bald der Oscar dazu. Und am 1. Dezember startet die BronteVerfilmung „Jane Eyre“, mit Fassbender als Mr. Rochester. Hoch zu Ross kommt er da im finsteren Wald angejagt, das Pferd bäumt sich auf und wirft ihn ab, so begegnet er Jane: wild, animalisch, direkt. Typisch Fassbender. Ein grüblerischer, zugleich ungestümer, romantischer Charakter, der sagt, was er denkt, genau wie Jane. Zwei Seelenverwandte – Freigeister im Gefängnis von Anstand und Sitte.

Sein bislang extremstes Abenteuer erlebte Fassbender jedoch mit Steve McQueen, in dessen Kinodebüt „Hunger“ von 2008. Er ist Bobby Sands, der IRA-Aktivist, der sich im Gefängnis zu Tode hungerstreikte – der eigene Körper als letzte Waffe im Freiheitskampf. Er wird geschlagen, gefoltert, geschunden, kauert nackt in seinen Exkrementen, liegt als Knochengestell auf weißen Leinen, übersät von schwärenden Wunden. Fassbender nahm fast 20 Kilo ab, zehn Wochen lang ernährte er sich von Nüssen, Beeren und Dosensardinen. Einmal sieht man den Sterbenden, wie er seine sich fast aus der Haut bohrenden Rippen berührt, behutsam, unendlich befremdet.

Es war eine irre Erfahrung, sagt Fassbender im Adlon. „Nicht nur, weil ich begriff, wie verwöhnt wir sind, weil wir uns jederzeit satt essen können. Sondern weil das Hungern für Klarheit sorgt, für ungewöhnliche Konzentration. Aber die schwerste Szene haben wir vor dem Abnehmen gedreht, den langen, ungeschnittenen Dialog mit dem Priester in der Mitte des Films.“ 17 Minuten Disput über Tatkraft und Märtyrertum Michael Fassbender sitzt mit nacktem Oberkörper da, raucht Kette, ein Energiebündel, hager, ungeduldig, nervös. Ein Sprint, der eine Ewigkeit dauert: Die 17 Minuten wurden sein Durchbruch, sie machten Regisseure und Studios auf Fassbender aufmerksam. Seitdem muss er nicht mehr von Fernsehjob zu Nebenrolle tingeln, sondern ist ein gefragter Mann.

Und wie erlebt er die Debatte über den Mann in der Krise? „Fish Tank“ von Andrea Arnold (2009) fällt einem ein, da ist er der Kerl, der aus dem Schlafzimmer kommt: wieder der nackte, muskulöse Oberkörper, die Jeans hängt tief, ein Objekt der Begierde für die 15-jährige Tochter der Geliebten. Aber selbst derart sexy verkörpert Fassbender einen zutiefst zwiespältigen, überforderten Menschen, wie sich im Film herausstellen wird. Fassbender lacht: „Das mit der Krise liegt wohl am Bedeutungsverlust. Das männliche Chromosom ist im Lauf der Evolution erheblich geschrumpft, das der Frauen ist viel größer. Wir sind eine aussterbende Gattung, die ums Überleben kämpft. Männer kaufen immer mehr Schönheitsprodukte, es herrscht eine große Verwirrung.“

Michael Fassbender bringt die Verwirrung auf die Leinwand, die irritierte Männlichkeit, die ihre Ambivalenz auslebt. Es kommt nicht darauf an, gut auszusehen, sondern die eigene Wahrheit mit Fleisch und Blut zu verkörpern. Und sei sie noch so unzulänglich.

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