Frauke Petry und die No-Go-Areas : Schlimmer als die Polizei erlaubt?

Die Tücken der Provinz: Laut AfD-Chefin Frauke Petry gibt es Ecken in Kamen und Bergkamen, in die sich nicht mal die Polizei traut. Unsinn, sagt einer, der es wissen muss. Unser Autor wuchs dort auf.

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No-go-Area? In Kamen, der ehemaligen Bergbaustadt, geht’s friedlich zu.
No-go-Area? In Kamen, der ehemaligen Bergbaustadt, geht’s friedlich zu.Foto: Stadt Kamen

Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl. Eine Liedzeile von Herbert Grönemeyer. Und was Herbert, wie er in der Region genannt wird, singt, das bewegt die Ruhrgebietsseele. Trotzdem stimmt der Satz nur zum Teil. Auf dem Weg nach Hause merke ich spätestens beim Ortseingangsschild, dass Heimat sehr wohl ein Ort ist: Kamen, Kreis Unna. Gleich „bei Dortmund dranne“, wie sie dort sagen. Menschen mit dem Herz am rechten Fleck, Kumpeltypen, auch wenn die Zechen lange dicht sind.

Werden in Deutschland Regionen besonders mit menschlichen Attributen beworben, bedeutet das oft auch: Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen. Keine blühenden Landschaften. Keine Berge. Kein Meer. Also dominieren Fußgängerzonen, fest in der Hand alteingesessener Rollatoren und Blumenkohlfrisuren. Als würden gleich zwei Generationen fehlen. Verlierer-Insignien des Strukturwandels. Zentrale Themen beim örtlichen Bäcker: Dortmund, Schalke, Tod.

Für einen jungen Menschen ist das nicht tragbar. Heimat, da wollte man weg – und man ist dann ja auch gegangen. Um sich die quälende Vergangenheit später zum Sehnsuchtsort umzudeuten. Aus provinzieller Enge wird Geborgenheit, aus Langeweile das falsche Gefühl, nicht viel gebraucht zu haben, damals. Tatsächlich fehlte es an allem.

Auf der Bundespressekonferenz saßen die Heimatfreunde von der AfD

So weit die eigene Biografie. Aber wehe, da kommt einer – am Ende noch von woanders – und sagt irgendwas Schlechtes über meine Heimat. Dann geht’s direkt in die Offensive. Diese Ambivalenz zur Heimat, so lächerlich sie auch sein mag, letzte Woche war sie plötzlich wieder da.

Da saßen auf der Bundespressekonferenz Menschen, die sich auf Grundlage ambivalenter bis lächerlicher Heimatgefühle eine politische Karriere gebastelt haben. Die Heimatfreunde der AfD, vom Zuschauer gesehen rechts außen: Frauke Petry, wieder einmal ein paar Grad über Betriebstemperatur, Diskokragen, nervöse Flecken am Hals. Die Mittelschicht verarme, so Petry, sozialer Frieden, das war einmal. Und um den wieder herzustellen, brauche es, na klar, die AfD. Oder wie Petry sagt, „die Partei des sozialen Friedens“. Ein Scherz? Man weiß es nicht.

Bitte, Frau Petry, nennen Sie einen Stadtbezirk, wo die Polizei nicht mehr hingeht!

Petry hat auf alles eine Antwort, noch bevor die Frage gestellt wird, beziehungsweise die häufig gar nicht so gestellt wird, wie Frauke Petry sie gern hätte. Dass mit der Lügenpresse hat sie auch nie gesagt, das sei eine Lüge der Presse. Sie weiß auch von einer „Ethnisierung der Gewalt“ und liefert die Bilder gleich mit: „Denken Sie an Clans in Deutschland, denken Sie an Stadtteile, in die die Polizei nicht mehr geht“. Keiner der Anwesenden kennt diese No-go-Areas, wo sollen die denn bitteschön sein? Petry windet sich. Einmal, zweimal. Nur ist das hier die Bundespressekonferenz und kein Interview mit Dunja Hayali, aus dem man sich herauslügen kann, weil man die politische Gesinnung des Gegenübers als nicht rechts genug empfindet. Irgendwann muss Petry antworten. Nennen Sie einen Bezirk in einer deutschen Stadt, wo die Polizei nicht mehr hingeht?

Die AfD-Chefin argumentiert mit der Vergangenheit, sie sei im Ruhrgebiet aufgewachsen, damals in den Neunzigern. In Bergkamen und Kamen habe es Stadtteile gegeben, wo die Polizei nicht mehr hingefahren sei. Da wäre mir vor Schreck fast der trockene Brotkrumen, an dem ich als verarmendes Mittelschichtskind seit Monatsanfang knabbere, auf den unbestrumpften Fuß gefallen. Aber Petry setzt noch einen drauf. Es sei seitdem nicht besser geworden. Eher im Gegenteil.

Friedliche Provinz. Eigenwerbung der Stadt Kamen
Friedliche Provinz. Eigenwerbung der Stadt KamenFoto: Stadt Kamen

Spricht sie tatsächlich von meiner Heimat? Kamen und Bergkamen, Ruhrgebiets-Nachbarstädte, beide knapp unter 50.000 Einwohner. In Kamen bin ich zu Schule gegangen, meine Mutter und ein paar Freunde leben noch heute dort. Mein erstes Praktikum in den Neunzigern machte ich beim „Hellweger Anzeiger“ in Bergkamen. Ich habe mich dort doch nicht zwei Jahrzehnte gelangweilt, damit Frauke Petry meiner Heimat jetzt so etwas Ghettohaftes andichtet – bloß damit die Stadt in ihre Angststrategie passt! Straight outta Kamen? Wenn da was dran wäre, hätte ich ja was Vernünftiges werden können, Rapper vielleicht. Sogar kredibler als Haftbefehl aus Offenbach. Aber selbst Bergkamens Battle-Rapper Perplexx 23 fallen dazu nur läppische Zeilen ein: „Ok, ich soll jetzt hier mal über meine Stadt rappen / Komm nach Bergkamen hier könnt ihr mich antreffen / Hier gibt es Kaufland und noch mal Kaufland ...“ Es hilft nichts, in Sachen Street Credibility sind Kamen und Bergkamen hoffnungslose Fälle.

Petry kam aus Brandenburg nach Kamen - in die Fremde

Auch Heinrich Peuckmann ist da nicht förderlich. Der Schriftsteller und ehemalige Lehrer von Frauke Petry hat sich über deren Aussagen zu Bergkamen geärgert: „Anderen Lügenpresse vorwerfen und selber lügen, wenn es darum geht, sein verschroben undifferenziertes und verachtenswertes Welt- und Menschenbild zu begründen, ist schon schäbig.“ Frontalangriff eines Mannes, der in seiner Freizeit Bücher mit Titeln wie „Die Sandkastenrocker“ und „Der Wal in der Garage“ schreibt. Wie schafft man denn so was?

Aber gut, es geht nicht um Fakten. Es geht um Heimat, es geht um Gefühle. Vielleicht fühlte sich das Mädchen Frauke Petry ja damals verunsichert und bedroht in der Fremde. Schließlich kam sie aus einem anderen Land. Die Geschichte von Petry ist die von so vielen Flüchtlingen: 1989 setzt sich ihr Vater aus einem Dorf bei Brandenburg in den Westen ab. Frau und Tochter kommen Anfang der neunziger Jahre nach Bergkamen.

Ob die junge Petry je einer größeren Schar arbeitsloser westdeutscher Männer gegenüberstand, die ihren Vater zum Minusmenschen erklärten, weil er erst mal alleine rübermachte, ohne Frau und Tochter, ist nicht überliefert. Bekannt ist allerdings, dass Petry gut aufgenommen wurde in der neuen Heimat, dass sie sich Mühe gab, auch in der Schule. Davon schwärmte ihr ehemaliger Chemielehrer Harald Sparringa, der sie Traumschülerin nannte. Dem „Spiegel“ sagte er einmal, dass er bei einer schwierigen Versuchsanordnung gar nicht hätte aufschauen müssen, um zu wissen: Dieses eifrige Fingerschnipsen, das ist Frauke.

Heimat? Ironie kann da manchmal hilfreich sein

Aus eigener Ruhrgebiets-Sozialisation kann ich nur sagen: keine gute Idee. Strebsamkeit galt damals in den Klassenzimmern als uncool, Fingerschnipsen erst recht. Auf meiner Schule in Kamen wurden Schüler, die zu offen gefallsüchtig waren, in die Mülltonne aufs Pult gesetzt. Ich will das nicht gutheißen, nur einen Eindruck vermitteln, warum es Frauke Petry vielleicht doch nicht so leicht hatte in der neuen Umgebung.

Womöglich war es auch nur die unverhohlene Hässlichkeit dieser Städte, das Liegengelassene, Vergessene. Wäre Deutschland ein Bahnhof, Bergkamen und Kamen taugten als Hinterausgänge, dort wo es immer etwas nach Kriminalitätsbiotop aussieht. Wenn Petry es in den Jahren bis zum Abi tatsächlich schwer hatte, ist es kein Wunder, dass sie es nicht schaffte, hinter diese Schmuddelfassade zu schauen und so etwas wie Selbstironie zu entwickeln.

Ironie kann schützen. Wer in der Lage ist, auch die Heimat ironisch zu wenden, der wird eher kein Rassist. So wie Ulrich Schmidt, Immobilienunternehmer aus Bergkamens Nachbarstadt Bönen. Als Liebeserklärung an die Heimat ließ er mehrere Wände in der Bahnhofstraße großformatig plakatieren. Aufdruck: „Bönen, Kreis Unna. Woanders is auch scheiße.“ Mit seiner Werbeaktion hat er sich viele Freunde gemacht, weit über den Landkreis hinaus.

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