Kultur : Freier Fall

Nicht ohne meine Tochter: Jodie Foster in Robert Schwentkes Flugzeug-Thriller „Flightplan“

Jan Schulz-Ojala

Man muss sich das vorstellen: Robert Schwentkes letzter Film war „Eierdiebe“, eine Groteske über Hodenkrebs. In dem mit Julia Hummer und Leander Haußmann prominent besetzten Werk verarbeitet der Regisseur die eigene, zehn Jahre zuvor überstandene Krankheit. Ein (Film-)Student in Amerika wehrt sich gegen eine Hoden-Totalamputation und rettet seine Fruchtbarkeit durch Chemotherapie. Ein Kinostoff? 3000 Zuschauer sahen den Film. Seine größte Festivaltrophäe? Der Publikumspreis in Biberach.

Und nun das. Mit „Flightplan“, seinem dritten Film, erobert ein 37-jähriger Nobody Amerika. Robert Schwentkes klaustrophobischer Flugzeug-Thriller mit Jodie Foster hat binnen drei Wochen seine Produktionskosten von 60 Millionen Dollar locker eingespielt, und die weltweite Auswertung geht erst dieser Tage los. Schwentke gesellt sich damit zu Wolfgang Petersen und Roland Emmerich, dem seit vielen Jahren unangefochtenen deutschen HitTandem in Hollywood. Auch „Flightplan“ dürfte kein One-Hit-Wonder bleiben. Soeben hat die Fox Schwentke für „Runaway Train“ verpflichtet, einen klassischen Actionfilm.

„Flightplan“ will mehr sein als das übliche Big-Budget-Bumm-Bumm-Spektakel mit Gut gegen Böse und finaler Explosion. Mehr als ein „Panic Room“ in 12000 Metern Höhe über dem Atlantik.Tatsächlich war David Finchers HochsicherheitsThriller von 2002, in dem sich Jodie Foster in einer Manhattaner Geistervilla gegen drei Einbrecher zur Wehr setzte, zwar großartig inszeniert, aber im Kern eines jener menschenseelenleeren Reiz-Reaktions-Experimente, mit denen Hollywood zuletzt immer mehr Zuschauer vergraulte. „Flightplan“ dagegen will Spannungskino und zugleich Psychodrama sein. Und hat am Ende doch mit dem Dilemma so genannter High-Concept-Thriller zu kämpfen, deren Handlung auf eine Streichholzschachtel passen soll.

Einen Augenblick lang mag die Überwältigung regieren, doch sofort stellen sich Plausibilitätsfragen ein.Dabei macht „Flightplan“ sein größtes Paradox scheinbar geschickt zum Plot: Wie kann ein Kind in einem Flugzeug spurlos verloren gehen – in einem geschlossenen Raum? Gewiss, die gewaltige zweistöckige E-474 der Aalto Air, in der die Witwe Kyle Pratt mit ihrer sechsjährigen Tochter von Berlin nach New York fliegt, den Sarg ihres Mannes im Frachtraum, wirkt wie ein Super-Jumbo der nahen Zukunft. Die Passagierkabine aber, ein überschaubares Zeugen-Areal, ist fast voll besetzt, und eine Reihe weiter vorn sitzen zwei lärmende Kinder mit Papa, die sich dauernd umdrehen. Da soll, während die Mutter drei Stunden schläft, niemand die Anwesenheit oder Verschleppung eines kleinen Mädchens bemerken?

Der Film, im Flugzeug-Setting um präzise Realitätsinszenierung bemüht, behauptet das gegen jede Lebenserfahrung – und konstruiert seinen Suspense gegen diese Unglaubwürdigkeit. Gewiss, die Filmgeschichte wär arm ohne die Herausforderung, das Unglaubwürdige glaubhaft zu machen; aber die „Flightplan“-Prämisse lastet auf dem gesamten Projekt. Schließlich soll das Publikum – mit dem Kapitän, der Crew, den Mitpassagieren – hin und her gerissen sein zwischen dem Verdacht auf ein Verbrechen und der Vermutung, die allein reisende Mutter habe sich, nach dem Tod des Mannes am Ende ihrer Kräfte, die Nähe ihrer Tochter nur herbeihalluziniert. Der Film suggeriert Letzteres. Will man ihm aber darin folgen, steht einem die eigene Ratio im Wege. Bleiben die Urheber des Schurkenstücks: Kaum sind sie enthüllt, verliert das Geschehen ganz seinen Reiz.

Millionen von Amerikanern haben sich daran nicht gestört. Was im Land mit dem dichtesten Flugverkehr der Welt sicher auch daran liegt, dass „Flightplan“ unaufdringlich das 9/11-Trauma mobilisiert und die gröbsten Genre-Effekte zugunsten eines durchdringenderen Unbehagens herunterdimmt. Vor allem aber ist dies ein Verdienst von Jodie Foster: Mit schonungsloser Selbstentäußerungslust und fernab ihrer mitunter bloß metallischen Perfektion stürzt sie sich in die Rolle des aufgelösten Muttertiers, das mitten in plötzlicher Todesbangigkeit klaren Kopf bewahren und kämpfen muss.

So bleiben von diesem Film zuallererst Fosters rotgeränderte Augen, ihr schreckensblasses Gesicht, ihre Haut, vibrierend wie eine zum Zerreißen gespannte Seelenmembran. Da mögen Sean Bean als väterlicher Flugkapitän, Peter Sarsgaard als dezent wirkungsvoller Air Marshal und Kate Beahan und Erika Christensen als genervte Stewardessen noch so korrekt besetzt sein: nicht auszudenken, in welche B-Picture-Tiefen „Flightplan“ ohne Jodie Foster gestürzt wäre.

Aus deutscher Sicht mag es – neben dem Respekt für den Durchbruch Schwentkes in diesem äußerst schwer zu erobernden Marktsegment – zwei, drei weitere Gründe geben, „Flightplan“ anzuschauen. Einige Berliner Hinterhof- und Altbau-Fassadenszenen aus den ersten Minuten etwa, Ergebnis der örtlichen Dreharbeiten im vergangenen Winter – und der Set des „Berlin International Airport“, für den ausgerechnet der Flughafen Leipzig Modell stand. Schließlich Kameramann Florian Ballhaus: Mit dem beklemmenden Ambiente des Flugzeug-Interieurs kommt er vorzüglich zurecht, und auch bei mancherlei virtuoser Verfolgungs- und Kreisfahrt hat der langjährige Assistent von Vater Michael sich einiges abgeguckt. Das – schlechte – Drehbuch ist übrigens lupenrein amerikanisch.

Ab Donnerstag in 21 Berliner Kinos. OV im Cinemaxx Potsdamer Platz und CineStar Sony-Center.

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