Kultur : Freiheit ist anders

ANNA und SUSANNE SCHÄDLICH widmen sich den Kindheiten zwischen Ost und West.

Juliane Oelsner

Die DDR-Erinnerungsliteratur hat Hochkonjunktur. Waren es im vergangenen Herbst Eugen Ruge, Angelika Klüssendorf und einmal mehr Julia Franck, die viel beachtete Familienromane oder Geschichten über das Aufwachsen in der DDR vorgelegt haben, so sind es in diesem Frühjahr Marion Brasch (siehe nächste Seite), André Kubiczek und die Töchter des Schriftstellers Hans-Joachim Schädlich, Anna und Susanne, die die Geschichten ihrer Brüder, Eltern oder eben auch von sich selbst in der DDR erzählen.

Anna und Susanne Schädlich widmen sich in dem von ihnen herausgegebenen Buch „Ein Spaziergang war es nicht“ einem bisher noch unbeachteten Aspekt der deutsch-deutschen Vergangenheit: den Kindheiten zwischen Ost und West. Sie haben Freunde und Leidensgenossen gebeten, ihre Erinnerungen an ihre Kindheit zwischen den beiden Deutschlands aufzuschreiben oder zu erzählen. Es sind wie die Schädlichs fast alles Kinder von Künstlern und Regimegegnern, die Jahre vor der Wende ausgereist sind oder unter Androhung langjähriger Haftstrafen abgeschoben wurden, zum Beispiel die Kinder von Günter Kunert, Klaus Schlesinger, Sarah Kirsch oder Freya Klier.

Der 1976 geborene Sohn von Barbara und Peter Honigmann, Johannes, der 1984 nach Frankreich „mitgegangen worden ist“, spricht von „seiner“ DDR, von dem Kampf darum, seine Erinnerungen zu konservieren oder aufzufrischen durch „Pilgerreisen“ in den Osten seit 1991. Am Ende konstatiert er: „Und doch lastet da eine schwere Hand: das Gefühl, weder gegangen noch geblieben zu sein, weder im körperlichen noch im geistigen Sinne.“ Oder die Franck-Zwillinge Julia und Cornelia, Töchter der Schauspielerin Anna Katharina Franck und des Regisseurs Jürgen Sehmisch. Die eine, Julia, weiß: „Als Kinder waren wir rausgerissen, weil wir noch nicht alt genug waren, Entscheidungen zu treffen.“ Und die andere, Cornelia, sagt: „Hätte man uns damals gefragt, ob wir ausreisen möchten, hätten wir bestimmt abenteuerlustig genickt. Und ein Jahr später dann den Kopf geschüttelt. Von der Freiheit im Westen bekamen wir wenig mit.“

Anna Schädlich fallen, als sie von ihrer Deutschland-Odyssee erzählt, vor allem „Begriffe wie Zerrissenheit, Entwurzelung, Trennungsschmerz“ ein. So wie ihr geht es vielen Beiträgern und Beiträgerinnen dieses Buchs, das einerseits sehr privat wirkt, Einzelschicksale auflistet. Andererseits führt es trefflich vor, wie die damalige gesellschaftliche und politische Zerrissenheit der beiden Deutschlands viele Biografien zu zerrissen-kaputten gemacht hat. Und diese Zerrissenheit wirkt bis in die Gegenwart. Juliane Oelsner

Anna Schädlich, Susanne Schädlich (Hrsg.):Ein Spaziergang war es nicht. Kindheiten zwischen Ost und West. Heyne Verlag, München 2012. 318 Seiten, 19,99 €.

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