Kultur : Freispruch für den Kunstmarkt

Zu den Urteilen im Kölner Fälscherprozess

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Die Herren und Damen Betrüger dürfen aufatmen. Das Kölner Landgericht hat gestern sein Urteil im größten Fälscherskandal seit 1945 gesprochen und Strafen verhängt, die niemanden überraschen. Der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi muss für sechs Jahre ins Gefängnis, seine Ehefrau Helene kommt mit vier Jahren davon. Was genau die 53-Jährige von den anmaßenden Rollenwechseln ihres Mannes wusste, der mal in Gestalt von Max Pechstein, mal als Fernand Léger oder Max Ernst echte Falsifikate malte, bleibt ungeklärt. Wie so vieles in jenem vor knapp zwei Monaten begonnenen Prozess, dessen Beteiligte sich rasch verständigten: Das Gericht stellte den Angeklagten für umfassende Geständnisse Strafen deutlich unter der Obergrenze von zehn Jahren in Aussicht. Und Beltracchi, der selbstverliebte Zampano, verstand sofort: Je mehr er zugab, desto mehr blieb den anderen erspart.

Damit sind die Komplizen gemeint, allen voran Otto Schulte-Kellinghaus, der die vermeintlichen Meisterwerke auf den Kunstmarkt gebracht und damit diverse Sammler um rund 16 Millionen Euro betrogen hat, was dem 68-Jährigen fünf Jahre Haft einbrachte. Oder die 54-jährige Schwester von Helene Beltracchi: Jeanette Spurzem hatte drei der Gemälde von Südfrankreich, dem Wohnsitz der Beltracchis, nach Paris transportiert und für diesen einfachen Auftrag 100 000 Euro kassiert. Die Strafe dafür lautet ein Jahr und neun Monate auf Bewährung. Gespart hat sich das Gericht mit dieser Abkürzung des Prozesses, der einmal bis März 2012 terminiert war, unter anderem die (teure) Ladung von bis zu 160 Zeugen und zehn Gutachtern.

Das allerdings hätte geklärt, an welchen Stellen der internationale Kunsthandel all die Jahre des fröhlichen Betrugs versagte – und es hätte einige der Beteiligten in schwere Erklärungsnot gebracht. Von der kriminellen Energie des Quartetts einmal abgesehen, verblüfften zahlreiche Details, die der Vorsitzende Richter immer mal wieder einstreute. Zum Beispiel, ob niemandem aufgefallen sei, dass Helenes Großvater Werner Jägers, der die vermeintlichen Meisterwerke in seiner Sammlung zusammengetragen haben soll, im Alter von 17 Jahren nicht nur ein großes Interesse an Avantgardekunst hätte haben müssen, sondern ein ebenso dickes Portemonnaie.

Antworten darauf gibt es nun keine. Stattdessen wird Beltracchi im Gerichtssaal wie einer gefeiert, der die Gier des Kunstbetriebs bloßgestellt hat. Hier der sympathische Eulenspiegel, dort die vermögenden Sammler, die endlich auch ein Bild von musealem Rang besitzen wollten und dem Fälscher auf den Leim gingen. Vergessen wird, dass die Angeklagten nicht nur mit großer krimineller Energie vorgingen, sondern sich mit den ergaunerten Millionen auch jenen großspurigen Lebensstil erlaubten, den sie wohl bei den Betrogenen vermuteten. Die Gier nach Geld war immer die Triebfeder.

Umso mehr täte Aufklärung not, um den Kunsthandel wenigstens partiell zu rehabilitieren. Von 55 Falsifikaten ist die Rede, ein großer Teil davon ging durch Expertenhände, wurde in den Auktionshäusern auf Provenienz und Echtheit geprüft, ohne dass ihre nebulöse Herkunft, die Echtheit der Etiketten oder die für Künstler wie Léger unüblichen Formate auffielen. Es wäre gut gewesen, die Zeugen hätten sich dazu geäußert. Das Gericht hätte Schwachstellen aufzeigen können – bei jenen, die an den Verkäufen mitverdienten, ebenso wie am System Kunsthandel. Doch auch das hat man sich mit der Abkürzung des Prozesses gespart. Zurück bleibt mehr als ein beschädigter Ruf. Der Kunstmarkt wird noch lange darunter leiden. Christiane Meixner

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