Freitod von Robin Williams : Suizid - das letzte Tabuthema

Über Suizid spricht man nicht. Oder nur kurz, wenn Prominente, wie jetzt Robin Williams, den Tod wählen. Dabei ist das Thema von beängstigender Gegenwärtigkeit - mit dreimal so vielen Todesopfern wie beispielsweise im Straßenverkehr.

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Ein Comedy-Club in Hollywood nimmt Abschied von Schauspieler Robin Williams.
Ein Comedy-Club in Hollywood nimmt Abschied von Schauspieler Robin Williams.Foto: AFP

Es ist ein Schweigethema. Suizid, Selbsttötung – darüber wird nicht gesprochen, darüber wird nicht geschrieben. Nur ganz selten flackert es auf. Dann, wenn sich eine Person von Prominenz das Leben nimmt. Wie vor fünf Jahren, als sich der Fußball-Torwart Robert Enke vor einen Zug warf. Oder jetzt, da der Schauspieler Robin Williams aus dem Leben schied. Dann sind das Entsetzen groß und die Ratlosigkeit, und auf allen Gesichtern steht die Frage geschrieben: Warum? Warum nur?

Es dauert in der Regel nicht lange, dann verstummt die Frage wieder, und das Schweigen wird größer als das Entsetzen. Suizid, darüber spricht man nicht.

Mehr Tote als durch Aids, Katastrophen, Gewalt

Dabei ist das Thema von beängstigender Gegenwärtigkeit. Mehr als 10 000 Menschen nehmen sich in Deutschland jedes Jahr aus eigener Entscheidung das Leben. Das ist beinahe die dreifache Zahl der Todesopfer, die jährlich der Straßenverkehr fordert. Zwar geht die Zahl der Selbsttötungen kontinuierlich zurück – wohl wegen der Fortschritte bei der Depressionsbehandlung –, vor 30 Jahren waren es noch mehr als 18 000. Dennoch spricht die Zahl 10 000 eine dramatische Sprache. Opfer von Gewalttaten, von Katastrophen, Aidstote – alles kein Vergleich mit der Anzahl von Selbsttötungen. Und das in einem Land, in dem kein Hunger herrscht und kein Krieg, in dem das Gesundheitssystem leidlich funktioniert. Aber niemand schreit auf, eine öffentliche Debatte findet nicht statt. Suizid ist das letzte Tabuthema der modernen Gesellschaft.

Zahl der Versuche ist fünfzigmal höher

Dabei haben sehr, sehr viele Menschen in ihrem Umfeld damit zu tun. Denn die Zahl 10 000 ist ja nur die Summe der vollzogenen Suizide. Viel höher ist die der Versuche. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass die Zahl der versuchten Selbsttötungen in den westeuropäischen Industriestaaten mindestens zehnmal so hoch ist wie die der vollendeten. Das wären dann etwa 100 000 pro Jahr in Deutschland. Das amerikanische National Institute of Mental Health kommt zu einem noch erschreckenderen Ergebnis. Es schätzt, dass die Zahl der Versuche sogar 50-mal höher ist als die der gelungenen Suizide. Das wären dann eine halbe Million Fälle.

Ein Zeitungsstand in New York mit der Schlagzeile vom Tod Robin Williams'
Ein Zeitungsstand in New York mit der Schlagzeile vom Tod Robin Williams'Foto: Reuters

Wenn man sich vergegenwärtigt, dass jede dieser Personen Verwandte, Bekannte, Freunde hat, dann summiert sich die Zahl von Menschen, die jedes Jahr mit Selbsttötungen zu tun haben, auf mehrere Millionen. Selbst wenn man annimmt, dass viele der Versuche, das Leben zu beenden, eher Hilferufe sind, bleibt die Zahl immer noch unglaublich. Zumal auch jene Hilferufe Zeichen menschlicher Dramen sind.

Der Freitod gilt weiter als verbrecherisch

Dennoch wird nicht darüber geredet. Als Grund dafür wird oft angegeben, das Sprechen über Suizide ziehe Suizide nach sich, löse Folgetaten aus wie einst das berühmte „Werther-Fieber“ nach Erscheinen von Goethes Roman, als sich Menschen in blau-gelber Werther-Tracht und mit dem Buch in der Hand das Leben nahmen. In der Tat gibt es kollektive Suizid-Hysterien. Aber können solche bizarren Vorkommnisse ein ernsthafter Grund dafür sein, dass Suizid und Suizidprophylaxe ein Unthema sind?

Der eigentliche Grund ist wohl ein anderer. Der Freitod – ein Wort, das Friedrich Nietzsche geprägt hat und das von den Nationalsozialisten verboten wurde – gilt vielen immer noch als etwas Unrechtmäßiges, Sündhaftes, ja Verbrecherisches. Das zeigt schon die allgemein gebräuchliche Verwendung des Wortes „Selbstmord“, das wahrscheinlich auf Martin Luthers „sein selbst morden“ zurückgeht und in sich bereits die Kriminalisierung mit einem Kapitalverbrechen birgt: Mord. Immer wieder in der Vergangenheit galt der „Selbstmörder“ als soziale Randexistenz, als Verbrecher, als Gotteslästerer, der nicht auf dem geweihten Grund des Friedhofs bestattet werden durfte. Nicht von ungefähr endete die Person, die das schlimmste denkbare Verbrechen begangen hatte, Judas Ischariot, der Verräter Gottes, von eigener Hand am Strick.

Man muss die Augen öffnen. Selbsttötungen finden nicht am Rande der Gesellschaft statt. Sondern mitten in ihr.

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