Freude am Fahren : Um die Jahrhundertwende mit dem Auto nach Italien

Otto Julius Bierbaum schrieb das erste Autoreisebuch der deutschen Literatur. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Begeisterung über den "Laufwagen" groß. Eine Leseprobe.

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Wohlan denn, meine Pferde. Otto Julius Bierbaum, seine Frau Gemma und Chauffeur Louis Riegel 1902 im Adler-Phaeton, kurz vor dem Sankt Gotthard Hospiz.
Wohlan denn, meine Pferde. Otto Julius Bierbaum, seine Frau Gemma und Chauffeur Louis Riegel 1902 im Adler-Phaeton, kurz vor dem...Foto: R/D, akg-images

Das wichtigste Statussymbol der Deutschen hat vier Räder und viele PS. Doch die Menschen verlieren allmählich ihre Nähe zum Auto. Mehr als 130 Jahre nachdem Carl Benz das erste praxistaugliche Modell entwickelte, neigt sich das Zeitalter des homo automobilis hierzulande seinem Ende entgegen. Die jüngsten Diesel-Skandale sind nur der Höhepunkt eines ökologischen Unbehagens, das die westlichen Gesellschaften seit Jahrzehnten umtreibt. Wie euphorisch ging es dagegen Anfang des 20. Jahrhunderts zu. Als erstes schriftstellerisches Dokument dieses Enthusiasmus, der sich bei maximal 40 Stundenkilometern entfalte, gilt Otto Julius Bierbaums Werk „Eine empfindsame Reise im Automobil – Von Berlin nach Sorrent und zurück an den Rhein“ (1903). Bierbaum war ein Alleskönner: Journalist, Schriftsteller, Librettist und Herausgeber der Zeitschriften „Pan“ und „Die Insel“. Sein Bericht in Briefen schildert eine Reise des Ehepaars Bierbaum in einem vom Berliner Verlag August Scherl gestellten roten Adler-Phaeton. Wir dokumentieren Auszüge aus Bierbaums „Empfindsamer Reise“, mit der er sowohl Laurence Sternes Roman „Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien“ (1768) wie auch Johann Gottfried Seumes „Spaziergang nach Syrakus“ (1803) beerbte.

Ich hoffe, dass dieses Buch meine Leser davon überzeugen wird, dass wir jetzt im Automobil das Mittel an der Hand haben, die Kunst des Reisens aufs neue zu pflegen und noch weiter zu führen, als es ihr in der Zeit der Reisekutschen beschieden gewesen ist, denen unsre Vorfahren Genüssen zu verdanken gehabt haben, wie sie der Eisenbahnreisende nicht einmal ahnt.

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Mich juckte es zu sehr, einmal die Probe auf das Exempel meiner Fabuliersamkeit zu machen, und so habe ich nicht geruht, bis ein Automobil vor meiner Tür stand. Louis Riegel, der Fahrer, erklärt, jeden beliebigen Berg damit „nehmen“ zu wollen. Acht Pferdekräfte, sagt er, sei eine ganze Menge. Und das finde ich auch, da ich bisher höchstens mit zwei Pferden gefahren bin. Wenn eine gute deutsche Firma, wie die Frankfurter Adlerfahrradwerke, von denen der Wagen stammt, mir garantiert, dass er eine Reise von Berlin nach Sorrent und zurück zu machen fähig ist, so wird es wohl auch so sein. Hat sie sich vergarantiert, so ist ausgemacht, daß ich das insuffiziente Fahrzeug auf Kosten und Gefahr des Empfängers mit der Bahn zurückschicke, und ich habe die ernstliche Drohung hinzugefügt, dass ich dieses blamable Ende einer Adlerwagen-Reise in Vers und Prosa vor die Öffentlichkeit bringen werde.

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Spüren Sie den Hauch meiner erhobenen Stimmung? Reiselaune, lieber Freund! Sollte ich noch einmal in diesem Briefe Ausrufe von zweifelhafter Hergehörigkeit riskieren, so denken Sie daran, dass ich im Begriffe bin, mich drei Monate lang durch fortgesetzte Benzinexplosionen vorwärts bewegen zu lassen.

Doch es wird nun Zeit, Ihnen den Wagen selbst zu schildern. – Stellen Sie sich mit mir dorthin, wie die Pferde stehen würden, wenn es ein gemeiner Zieh- und kein Laufwagen wäre (auf dieses Wort habe ich den Markenschutz genommen), so werden Sie finden, dass das Dach sich sehr hübsch nach hinten aufbaut, in Form eines Keiles gewissermaßen. Die Spitze des Keiles bildet der Klappdeckel des Motors, dann kommt der Bock mit dem Lenkrad und den Einrichtungen zum Einstellen der drei Geschwindigkeiten und zum Bremsen, und schließlich, in gleicher Höhe mit dem Bock, aber die Lehne mit dem Verdeck etwas erhöht, der Doppelsitz für meine Frau und mich.

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Entspannt sitzt, wer als Herr dastehen will. Undatiertes Porträt von Otto Julius Bierbaum (koloriert).
Entspannt sitzt, wer als Herr dastehen will. Undatiertes Porträt von Otto Julius Bierbaum (koloriert).Foto: akg-images

Wir sind um 11 Uhr in Berlin abgefahren, durchs Tempelhofer Feld hinaus über Zossen, Baruth, Luckau, Elsterwerda hierher, wo wir gegen ½ 7 Uhr angekommen sind. Bald langsam, bald schnell, fast immer mit Gegenwind kämpfend und sehr oft behindert durch die Notwendigkeit, auf unruhige Pferde Rücksicht zu nehmen, die instinktiv eine Antipathie gegen den Laufwagen haben, der bestimmt ist, sie im Amte der Beförderung von Menschen und Lasten abzulösen. Man muss alles lernen, auch die Kunst, an Pferden vorbeizukommen, ohne dass sie scheuen. Unser Hauptinteresse bei dieser ersten Fahrt galt dem Wagen. Wir sind erstaunt, auf was für schlechten Wegen er sicher zu fahren imstande ist. Bei glatter, freier Bahn ist es wie ein Fliegen, und man begreift, dass der Sportsautomobilist schließlich nur das eine Interesse hat: die Schnelligkeit zu steigern.

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Wir werden uns kaum dazu verlocken lassen, andauernd ein Gewalttempo einzuhalten, wenngleich wir streckenweise recht gern den Reiz genießen wollen, den es hat, im offenen Wagen auf schnurgerader, glatter Chaussee hast du nicht gesehen dahinzurollen. Es ist ein ganz eigenartiges Gefühl, das fast etwas Berauschendes hat, nur dass auf diesen Rausch kein Katzenjammer, sondern eine gesteigerte Lebensfrische folgt.

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Die Fahrt von heute hatten wir ein paar Tage vorher bereits mit der Eisenbahn gemacht, und so können wir nun einmal genau abmessen, wie verschieden stark die Eindrücke derselben Landschaft sind, wenn man sie im Eisenbahnwagen und wenn man sie im Automobil genießt. Der Unterschied ist sehr groß, so groß etwa wie der Unterschied einer flüchtigen und einer intimen Bekanntschaft. Im Eisenbahnwagen fährt man eigentlich nur an einer Landschaft vorbei, im Laufwagen bewegt man sich mitten in ihr. Sagt man im Eisenbahnwagen zu den Schönheiten eines Landes „Guten Tag!“ und „Lebewohl!“ in einem Atemzuge, so gewährt der Laufwagen die Möglichkeit, sich mit ihr gemütlich zu unterhalten.

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Wie liebenswürdig naiv das italienische Landvolk ist. Diese Leute denken gar nicht daran, wenn sie unsern roten Adlerwagen sehen, sich zu sagen: ach, wenn wir doch auch so dahinfahren könnten, sondern sie rufen laut und freudig aus: Wie schön ist das! Ah! Wie schön! Und die Signora! Seht nur den Hut und Schleier! Und da ist dann der Evviva! Evviva! kein Ende. Evviva la benzina (so nennen sie das Automobil)! Evviva gli signori! Und wie wissbegierig sie sind. Regelmäßig, wenn wir abends wo eingestellt haben, versammelt sich der halbe Ort um Riegel und wünscht durchaus in den Mechanismus eingeweiht zu werden.

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In unserm Adlerwagen haben wir die Schönheit einer sommerlichen Reise durch Italien genossen, ohne die Hitze eines italienischen Sommers zu spüren. Das ist unter den vielen Vorteilen des Laufwagenreisens nicht die letzte. Das Land liegt in unbeschreiblicher Schöne im Sommersegen unter einem wolkenlosen Himmel; die Cicaden rühren die Flügelgeigen zum Lobe des großen Pan; man sieht und hört: Sommer, Sommer, Sommer. Aber die Kräfte des Motors tragen einen so geschwind dahin, dass man unausgesetzt von frischem Wind befächelt wird.

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Steht man vor Resten der antiken Kultur, die eine ästhetische Kultur ist, so mag man leicht Anwandlungen spüren, unsre Zeit zu schelten, die neben dieser mächtigen Vergangenheit an Schönheitswerten bettelarm ist, aber, sitzt man im Automobil, wunderbar dahin getragen von einer aufs sinnreichste verwandten Kraft, so bittet man dieser Zeit gerne alles ab, was man gegen sie glaubte vorbringen zu müssen, und sagt sich: sie hat ihr Teil auf anderem Gebiete nicht minder voll geleistet, sodass ihr nicht weniger Bewunderung ziemt.

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Der Gotthard war uns als der einzige schweizer Gebirgspass bezeichnet worden, dessen Überschreitung mit Motorwagen gestattet sei, und in Bellinzona bestätigte man uns dies mit dem Hinzufügen, dieses Erlaubnis sei allerjüngsten Datums, übrigens aber nicht viel wert, weil es sich von selber verbiete. Hier aber ereilte uns unser Geschick. Es hatte die Gestalt eines überlebensgroßen Polizisten, der sich wie ein Turm breitbeinig vor uns aufpflanzte, indem er abwechselnd äußerst laut und mächtig rief: Anhalte! Usschtiege! Die Polizei von Andermatt hat hierher telegraphiert: „Automobil hier durchgefahren; unmöglich es aufzuhalten“ (Aha, dachte ich mir, die Andermatter haben keinen Riesen!) „Stellt es und verfügt nach dem Gesetze.“ – Wieso? fragte ich; ist es nicht erlaubt, über den Gotthard zu fahren? – Doch, antwortete der Gewaltige, das ist erlaubt, und es ist auch erlaubt, im Kanton Uri zu fahren. – Na also! – Ja, aber es ist nicht erlaubt, von Andermatt nach Göschenen zu fahren. – Jetzt fängt der Riese an, Witze zu machen, dachte ich mir, denn das sah doch nicht anders, als wie ein Witz aus: Man darf zwar über den Gotthard fahren, muss aber in Andermatt wieder umkehren. Und ich entwickelte diesen Gedankengang ebenso logisch wie bescheiden. Aber weder meine Logik noch meine Bescheidenheit rührte den Mann des bewaffneten Gesetzes. Er sprach, und der Sinn seiner Rede war dies: Das mögen Sie mit dem Kanton Tessin ausmachen, der es erlaubt hat, über den Gotthard zu fahren. Wir in Uri erlauben eben bloß, von Göschenen weiter zu fahren. – Demnach hätte ich, fuhr ich unter andauernder Logik und Bescheidenheit fort, von Andermatt aus, da ja dort keine Eisenbahn ist, ein Ochsengespann mieten und meinen Wagen bis hierher durch die Tiere befördern lassen müssen, deren Kopf das Wappen dieses Freistaates ist? – Das hätten Sie allerdings müssen, antwortete der Turm, der mich selbst sitzend weit überragte, wenn Sie den Gesetzen hätten gehorsam sein wollen.

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Wenn Sie Ihre erste größere Automobilreise unternehmen, rate ich Ihnen, es zu tun wie wir, und Italien zum Ziel zu wählen. Auch sollten Sie dann, gleich uns, im Sommer reisen, wo man die herrlichen Straßen ganz für sich allein hat und sicher ist, keinem andern Automobil zu begegnen. Wegen des Staubes ist das ein recht angenehmer Umstand, wie denn, glaub ich, in künftiger Zeit, wenn das Reisen im Automobil die Regel sein wird, diese Art des Reisens nicht mehr ganz so schön sein dürfte. Viele Automobile hintereinander, – ich danke!

Wer die Wollust dieses Dahinrollens kennt, ersehnt sich nicht mehr die Kunst des Fliegens. Fest auf der Erde, aber wie im Sturme dahin. Jede Falte des Geländes benützend, Hügel hurtig hinauf und brausend hinab, jetzt zwischen Wiesen und junger Saat, nun durch Wälder, Flüssen entlang, über Brücken hin, Felsentore hindurch, hinter davontrabenden Herden her, in das Gassenwinklicht einer alten Stadt hinein, über Märkte weg voll Buden und Gewimmel, Schlössern, Burgen, Parks vorüber – immer den Bergen zu und plötzlich vor ihnen, da man sie doch vor wenigen Stunden grau und verschwommen, wie in einer Ferne sah.

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