Kultur : Friede den Hütten, Verteidigung der Paläste

Weg mit der Hälfte aller Theater, Opern und Museen, fordern Experten. Was für ein Unsinn!

Peter Laudenbach

Ein Buch, das Sprengstoff birgt? Vier außerhalb der Fachöffentlichkeit kaum bekannte Professoren und Kulturbetriebsfunktionäre fordern in „Der Kulturinfarkt“, die Zahl der subventionierten Museen und Theater in Deutschland zu halbieren. Die steile These von Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz: Ein seit den 70er Jahren explodiertes Überangebot an Subventionskultur stoße auf immer weniger Interesse und blockiere zudem die Entwicklung einer vitalen Kulturindustrie.

Der „Spiegel“ druckte Auszüge, das Buch (288 S., Knaus Verlag) erscheint am 20. März. Schon vorab bekunden Kulturpolitiker und -verbände Befremden und Protest, von Monika Grütters, der Vorsitzenden des Bundestagskulturausschusses, über den Deutschen Bühnenverein, den Musikrat und den Museumsverbund bis zum Deutschen Kulturrat. Auch wenn der Vorstoß der Kulturmarktliberalen sachliche Fehler und eine erstaunliche Ahnungslosigkeit aufweist, versorgt ihr Buch Hochkulturverächter mit Munition. Die konfliktfreudigen Autoren sprechen neuralgische Punkte an. So trifft ihre Diagnose der „Bedeutungserosion“ zweifellos auf das Theater zu. Aber festzustellen, dass Popkultur diskursprägender als die Hochkulturtempel ist, ist banal.

Auch um zu erfahren, dass subventionsgeschützte Selbstreferenz, gekoppelt mit robustem Erwerbsstreben, der Kunst nicht immer guttut und jede Menge Leerlauf produziert, muss man kein Buch lesen. Der Besuch der letzten, schwer verunglückten Castorf-Premiere oder einer Peymann-Inszenierung genügt völlig. Aber diese Dekadenzphänomene sind ein Auslaufmodell. Schon aus ökonomischen Gründen bauen sich die Theater seit Jahren selbst um und bemühen sich mit großer Energie um neue Zielgruppen. Die Öffnung für Migranten und die Popkultur ist genau so eine Selbstverständlichkeit wie die Versuche, Hartz IV-Empfängern den Theaterbesuch zu ermöglichen. Die elitären Tage sind längst vorbei. Statt diesen Prozess zur Kenntnis zu nehmen, basteln sich die Buchautoren lieber ein Feindbild, das mit der Realität wenig zu tun hat.

Es fängt bei den Zahlen an. Die Autoren behaupten, die Eigeneinnahmen der Hochkulturinstitutionen lägen bei „15 Prozent oder weniger“. Das ist Unsinn. Das Deutsche Theater etwa erwirtschaftet 25 Prozent seines Etats selbst. Die Behauptung, Kultureinrichtungen seien „dem Druck des Publikums enthoben“, dürfte Intendanten amüsieren, deren Vertragsverlängerung von einer zufriedenstellenden Platzauslastung abhängt. Auch dass die Gesamthöhe der deutschen Kultursubventionen im „Spiegel“-Artikel mit 9,6 Milliarden Euro jährlich, im Buch aber mit 9 Milliarden veranschlagt wird, lässt auf eine gewisse Lässigkeit im Umgang mit dem Datenmaterial schließen.

So oder so handelt es sich um viel Geld – rund 120 Euro jährlich pro Bundesbürger. Das ist gut dreimal so viel, wie die Deutschen im Lauf eines Jahre für Heimtierfutter ausgeben. Mit den Milliarden werden nicht nur Opern, Theater und Museen finanziert, sondern auch die Denkmalpflege, Bibliotheken, die Filmförderung, Jugendmusik- und Volkshochschulen – also jene Einrichtungen der „Laienkultur“, die die Buchautoren gegen die angeblich elitäre Hochkultur ausspielen wollen.

Vor allem die Generalthese, das Hochkulturangebot sei dank üppiger Subventionen stärker gewachsen als die Nachfrage, steht auf wackligen Füßen. Allein die Warteschlange vor der Gerhard-Richter-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie beweist das Gegenteil. Die Nachfrage übersteigt das Angebot – wie bei vielen großen Kunstausstellungen der letzten Jahre. Der Trend ist eindeutig: Zählten die Museen 1990 noch 97 Millionen Besuche, waren es 20 Jahre später 109 Millionen.

In anderen Bereichen hat der von den vier Kritikern geforderte Schrumpfungsprozess längst begonnen. Das beschleunigte Kulturwachstum, von dem die Autoren aufgeregt wie Klimaschützer angesichts steigender Emissionsdaten berichten, gehört der Vergangenheit an. Kein Wunder, dass sie am liebsten mit Zahlenmaterial aus den 70er und 80er Jahren operieren. Längst sparen Kommunen in Finanznöten bei ihren Bibliotheken, Theatern, Museen. Die schrille Forderung, die Hälfte der Theater und Museen zu schließen, ist in Teilen also erfüllt. Attraktiver macht das die Städte nicht.

Die Autoren beklagen, die Subventionskultur produziere „Konformität“ und „überall das Gleiche. Ein Blick in das Veranstaltungsprogramm eines einzigen Berliner Wochenendes genügt, um sich zu fragen, in welchem Land die Autoren eigentlich leben. „Die Möwe“ am DT, She She Pop im HAU, „Faust“ als Puppentheater in der Schaubude, das Kammerensemble Neue Musik im Automobil-Forum, das trashige „Helmi“ im Ballhaus Ost, „Tristan und Isolde“ in der Staatsoper, Anne Tismer in den Sophiensälen, dazu höchst unterschiedliche Ausstellungen und Lesungen – alles subventionierte Kultur, alles in wenigen Tagen. Eintönig?

„Natürlich gibt es noch große Kunst. Doch wer findet sie in der gleichwertigen, ja gleichgültigen Masse gut gemeinter und gut geförderter Halbfabrikate“, stöhnt das vom Angebot offenbar überforderte Quartett. Dabei ist es ganz einfach. Ein paar Freunde und Zeitungslektüre genügen.

Die unerschrockenen Kritiker konstruieren ein geschlossenes System, das sich gegenüber dem Rest der Welt autoritär, bevormundend und herablassend verhält, ein „System, das den Einzelnen bestenfalls als kulturell schadhaftes, mithin zu reparierendes Individuum betrachtet“. Bei allem, was man gegen den statusgenährten Dünkel mancher Intendanten sagen kann: Würden sie mit solcher Verachtung über ihr Publikum denken, wären sie wohl schon im ersten Berufsjahr gegen die Wand gefahren. Dem Buch zufolge definiert das selbstgenügsame System eigenmächtig und ohne Rücksicht auf das Publikum einen gewissen Trendzwang: „Seit den 70er Jahren verfügte über Qualität, was sich als gesellschaftskritisch gebärdete.“ Der anhaltende Erfolg von bekennenden Kulturkonservativen wie Andrea Breth, Peter Stein oder Christian Thielemann beweist das Gegenteil.

Die Autoren unterstellen den Hochkultur-Institutionen eine „Abnabelung“ gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen, eine „Wagenburgmentalität“. Auch dieser Vorwurf zeugt von Ahnungslosigkeit – was die ökonomischen Strukturen wie die Inhalte angeht. Zahlreiche Theater überleben nur, weil sie mit Haustarifverträgen das Einkommensniveau an die finanziellen Möglichkeiten ihrer Träger angepasst haben. Besonders kenntnisfrei ist die Behauptung, die subventionserschlaffte Hochkultur ignoriere die Globalisierung. Alles, was sie über „türkische Kunst, amerikanische Kulturindustrie oder chinesischen Nationalismus“ erfahren, klagen die Herren, „stammt höchstens aus der ,Tagesschau’“. Ein Besuch im Haus der Kulturen der Welt oder im HAU, in der großartigen „The Global Contemporary“-Ausstellung im Karlsruher ZKM oder der aktuellen US-Avantgarde-Schau im Gropius-Bau (siehe nebenstehenden Text) könnte das Defizit leicht beheben.

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