Kultur : Friede, Freude, Spinatkuchen

Christiane Peitz über die Modefarbe Grün

Beim Barte des Propheten: Grün war Mohammeds Lieblingsfarbe, grün sein Gewand, grün ist seitdem der Islam. Grün sind die Stirnbänder der Dschihadisten, grün ist das Grüne Buch von Gaddafi – und nur Grünschnäbel haben noch nicht kapiert, dass dessen dritter Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus ein mörderischer Holzweg war. Grün ist aber auch die Farbe der iranischen Opposition; wer dem Regime die Stirn bietet, trägt grünen Schal oder Kopftuch.

Man könnte glatt grün werden vor Neid. Die Farbe, die schlaue Pädagogen einst für die Schultafel wählten, auf dass sie krawallige Kids besänftigen möge, die Farbe der Harmonie und der Hoffnung, sie hat es in sich in diesen Tagen. Grün kommt von „ghro“, das bedeutet Wachsen und Gedeihen, grün war die Skimode im Winter, grün ist natürlich der Frühling. Umweltaktivisten, AKW-Gegner, Greenpeace – seit der Katastrophe in Japan sind sie grüner denn je, von der am Wahlsonntag wohl grünen Welle für die Grünen zu schweigen. Lasst grüne Wolken ziehen, mischt Blau und Gelb und die Welt ist in Ordnung? Kein verstrahlter Himmel, nur noch Friede, Freude, Spinatkuchen?

Apropos Japan. Nagisa Oshima drehte dort anno 1960 seinen ersten Farbfilm, „Nackte Jugend“, ohne jedes Fitzelchen Grün. Den Grund verriet er in dem Aufsatz „Verbannt das Grün“. Die Farbe versüßt die Gefühle, schrieb er. Schon ein Schimmer davon reiche aus, um bei Konflikten die Spannung zu unterbrechen und einen faden Geschmack zu erzeugen. Als Wahlkämpfer für die Grünen würde auch Wassily Kandinsky nichts taugen: Der Maler, der mit Paul Klee und Co. „Die Blaue Vier“ gründete, hasste die Farbe von Herzen. Grün sei „wie eine dicke, sehr gesunde, unbeweglich liegende Kuh, die, nur zum Wiederkäuen fähig, mit blöden, stumpfen Augen die Welt betrachtet“.

Und was ist mit dem grünen Blitz, der an sehr klaren Tagen auf den letzten Strahl der untergehenden Sonne am Meereshorizont folgt – ein seltenes Naturphänomen? Wer es zu Gesicht bekommt, so Eric Rohmer in seinem zauberhaften Film „Das grüne Leuchten“, der wird sich verlieben. Ist auch die Liebe nur eine Fata Morgana, ein frommer Wunsch, so unerreichbar wie die Männchen vom Mars?

Auch Farben müssen sich ehrlich machen. Die grünen Menschen im Land hinter dem Fluss, die der Liedermacher Knut Kiesewetter besang, wollen wie die anderen sein und färben sich um, bis sie merken: Es ist doch immer das Gleiche inGrün. „Sie sind grün und sie haben rausgekriegt / Es ist wirklich nicht gut, wenn man sich nur selbst belügt.“ Die Verse holpern, aber egal. Wenigstens ist Schluss mit der Schönfärberei.

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