Kultur : Frieden ist teuer

Daniel Barenboim Salzburger Rede

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Drei Tage brauchte man 1952, um von Buenos Aires nach Salzburg zu gelangen: Für den neunjährigen Daniel ist es die erste Reise aus seiner Heimatstadt hinaus in die Welt, erst mit dem Propellerflugzeug über den Atlantik, dann weiter mit der Bahn. Als Familie Barenboim schließlich mit ihrem Wunderkind in Österreich eintrifft, wo dieser ein Bach-Klavierkonzert spielen soll, sind alle erschöpft. Dennoch fällt ihnen ein Plakat auf, das Mozarts „Zauberflöte“ ankündigt. Angestachelt von der Mutter schleicht sich der Knabe heimlich ins Festspielhaus, findet eine leere Loge – und schläft bei den ersten Takten der Ouvertüre sofort ein. Als er wieder zu sich kommt, erschrickt er so sehr, dass er zu weinen beginnt – und damit einen Logenschließer auf sich aufmerksam macht, der ihn prompt auf die Straße hinausbefördert.

Oft war Daniel Barenboim seitdem Gast im sommerlichen Salzburg, als Pianist wie auch als Dirigent. Heuer wird er wieder die Wiener Philharmoniker leiten, vor allem aber wurde er eingeladen, beim Eröffnungsstaatsakt am Montag die Festrede zu halten. Im vergangenen Jahr sorgte der Schriftsteller Daniel Kehlmann an dieser Stelle für Aufregung, als er das Regietheater deutscher Prägung frontal angriff, es zur „letzten verbliebenen Schrumpfform linker Ideologie“ erklärte. Eine Rede, die, aller Polemik zum Trotz, die Kulturszene zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstverständnis zwang – und damit zum Glücksfall für die Festspiele wurde. Schließlich will Salzburg ja nicht nur durch die teuersten Preise und die höchste Stardichte glänzen, sondern eben auch Diskussionen anzetteln.

Von Daniel Barenboim war Ähnliches nicht zu erwarten. Dafür aber klare Worte zum Nahostkonflikt, jenem Problemkomplex, der sein Herz neben der Musik am meisten berührt. Nach dem launigen, anekdotischen Einstieg schwenkte er ebenso schnell wie rhetorisch geschickt zum eigentlichen Thema über: Als er 1954 nämlich zum zweiten Mal in Salzburg war, ließ ihn Wilhelm Furtwängler erst bei seinem „Don Giovanni“ im Orchestergaben zuhören – und bot ihm dann an, bei den Berliner Philharmonikern zu debütieren. Ein Angebot, das Barenboims Vater ablehnte: Weil für einen Juden die Zeit noch nicht reif sei, in Deutschland aufzutreten. Was es für einen Unterschied mache, ob er ein Konzert in Österreich gebe oder in Deutschland, fragte der Sohn – bekam aber keine zufriedenstellende Antwort. „Salzburg vermittelte mir also nicht nur musikalische Entdeckungen“, resümierte er, „sondern war auch der Ort, an dem mein Bewusstsein für die Geschichte des jüdischen Volks in Europa erwachte.“

Seitdem ist der Künstler nicht müde geworden, für eine Lösung der scheinbar unlösbaren israelisch-palästinensischen Konfrontation einzutreten. Längst vergleicht er sein Bemühen mit einem „endlosen Rondo“, also jener Musikform, bei der das Hauptthema von unterschiedlichen Episoden unterbrochen wird, um immer wieder in unveränderter Form zurückzukehren. Diesmal wählte Barenboim ein Zitat Richard von Weizsäckers als Leitmotiv: „Es hilft unendlich viel zum Frieden, nicht auf den anderen zu warten, bis er kommt, sondern auf ihn zuzugehen.“ Damit meint er vor allem Israel, das er auffordert, mit Blick auf die Zukunft besetzte Gebiete zu räumen und Siedlungen abzureißen. „Frieden ist teuer. Doch keinen Frieden zu haben, kommt noch teurer – weil der Preis des Krieges in einer Währung gezahlt wird, die inakzeptabel ist: in Menschenleben.“ Frederik Hanssen

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