Friedenspreis an Navid Kermani : Glaube, Liebe, Schrecken

Das Wünschen allein hilft nicht mehr: Navid Kermanis aufrüttelnde Rede zum Friedenspreis.

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Navid Kermani beim stillen Gebet in der Paulskirche, nach seiner Rede.
Navid Kermani beim stillen Gebet in der Paulskirche, nach seiner Rede.Foto: dpa

Ja, doch, dieser Moment ist wirklich bewegend in Navid Kermanis Dankesrede für den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Und nein, es ist nicht der Moment, in dem er zum Abschluss seiner Rede das Auditorium in der Frankfurter Paulskirche dazu auffordert, statt zu applaudieren sich erst einmal zu einem kurzen gemeinsamen Gebet zu erheben, um den „Snuffvideos der Terroristen ein Bild unserer Brüderlichkeit entgegenzuhalten“.

Sondern es ist der Moment, als Kermani erzählt, selbst ganz ergriffen von diesem von ihm so inständig beschworenen Hoffnungsschimmer, dass jener christliche, ein Kloster in einer kleinen syrischen Gemeinde leitende Pater Jacques Mourad, der Protagonist seiner Rede, der im Mai dieses Jahres vom Islamischen Staat entführt wurde, dass dieser Pater vor Kurzem befreit worden sei, von zahlreichen Muslimen offenbar, „und jeder Einzelne von ihnen hat sein Leben für einen christlichen Priester riskiert“.

Tatsächlich hatte man während der Rede gedacht, gerade als Kermani nach diversen Ausführungen wieder auf seine entführte Hauptfigur zurückkam, der 48-jährige Schriftsteller und Orientalist würde nun ein weiteres Kapitel seines Großromans „Dein Name“ aufschlagen; eines Romans, den Navid Kermani darin selbst als „im Kern ein Totenbuch“ bezeichnet und der unter anderem eine Reihe von Nachrufen enthält. Der Berliner Literatur- und Kunstwissenschaftler Norbert Miller weist auf diese Stelle von „Dein Name“ in seiner schön instruktiven, Kermanis Werk in den Blick nehmenden Laudatio hin, unter anderem feststellend, dass Kermani sein Schreiben als Lebensprogramm wider die Endlichkeit begreife. Und Miller zitiert noch einmal aus dem Roman: „Das Totenbuch, da es die Vollständigkeit versuchen muss, endet erst mit dem eigenen Tod.“

Kermani spricht von Grenzüberwindern, Christen, die sich dem Islam verschrieben haben

Pater Jacques Mourad aber, den Kermani 2012 auf einer Reportagereise durch das damals schon krisengeplagte Syrien kennenlernte, lebt. Und so spricht Kermani an diesem Vormittag viel von Hoffnung, von einer Hoffnung „bis zum letzten Atemzug“, wie es auch das zentrale Motiv eines anderen, inzwischen spurlos verschwundenen Paters ist, dem Kermani in Syrien begegnet ist. Kermani spricht hie und da auch von Liebe, die ein Motiv vieler seiner Schriften ist. Und vor allem aber spricht er vom Glauben, von den großen Glaubenslehren, dem Christentum und dem Islam, die sich vermeintlich so erbittert gegenüberstehen. Die sich aber ebenfalls immer wieder begegnet sind und inspiriert und durchdrungen haben, wovon nicht zuletzt der in Siegen als Sohn zweier iranischer Einwanderer geborene Kermani kündet – als Muslim, der sich intensiv mit dem Christentum auseinandersetzt in Büchern wie „Der Schrecken Gottes“ oder jüngst in „Ungläubiges Staunen“.

Glaube, Liebe, Hoffnung also – was bei Kermani aber, so war es in den Tagen vor dieser Friedenspreisverleihung auch erwartet worden, in einer politischen Rede mündet, in einer letztlich weniger bewegenden, sondern vielmehr aufrüttelnden Rede mit Appellcharakter, die um 12 Uhr unüberhörbar von dem Glockengeläut Frankfurter Kirchen begleitet wird.

Pater Jacques Mourad ist für Kermani die reale Figur, die über Grenzen geht, die sich als Christ „der Begegnung mit dem Islam und der Liebe zu den Muslimen verschrieben hat“. Den anderen Geistesbruder hat Kermani schon in seinem Buch „Ungläubiges Staunen“ porträtiert, jenen italienischen Jesuiten namens Paolo Dall’Oglio, der ebenfalls Grenzen überwand und wie Mourad auch die Verbrechen des Assad-Regimes und des IS anprangerte.

Und so sagt der Muslim Kermani über den einen dieser beiden christlichen, dem Islam zugewandten Priester, „der damit rechnen muss, von Andersgläubigen vertrieben, gedemütigt, verschleppt oder getötet zu werden, und dennoch darauf beharrt, diesen anderen Glauben zu rechtfertigen – ein solcher Gottesdiener legt eine Größe an den Tag, die ich sonst nur aus den Viten der Heiligen kenne“.

Stellvertretend für diese heiligen Glaubens- und Alltagshelden entwirft Kermani ein Bild des Islam, wie er ihn in seiner geistigen Tiefe und Größe, seiner Schönheit und auch Literarizität während seines Studiums kennengelernt hat. Eines Islam, dessen Vergangenheit „so viel aufklärerischer war“ und dessen „traditionelles Schrifttum bisweilen moderner anmutet als der theologische Gegenwartsdiskurs“. Und diesem Bild stellt er die Irrungen und Gräueltaten entgegen, die im Namen des Islam auf der ganzen Welt begangen werden, insbesondere durch den IS und letztendlich dessen geistige Brüder in Saudi-Arabien, die Wahhabiten. „Wenn man weiß, dass die Schulbücher und Lehrpläne im ,Islamischen Staat’ zu 95 Prozent identisch mit den Schulbüchern und Lehrplänen Saudi-Arabiens sind, dann weiß man auch, dass die Welt nicht nur im Irak und in Syrien strikt in verboten und erlaubt eingeteilt wird – und die Menschheit in gläubig und ungläubig."

Kermani hat den IS im Visier - und die Schuld, die der Westen an dessen Schreckensherrschaft trägt

Kermani erwähnt nicht nur die systematischen Zerstörungen des IS, seine gezielt gesteigerten Terrorakte, sondern auch den Verlust der Altertümer in Saudi-Arabien. Oder dass in Mekka direkt neben der Kaaba auch Apple und Gucci zu Hause sind und die größte Shopping Mall der Welt gebaut wurde. Womit er bei den Verfehlungen des Westens ist, der seinen engsten Partner im Nahen Osten ausgerechnet in Saudi-Arabien hat. Und er kommt zum politischen Kern seiner Rede: dem Aufruf an die westliche Staatengemeinschaft zu handeln, bevor es zu spät ist. Kermani macht das mittels einer geschickten rhetorischen Volte: „Darf ein Friedenspreisträger zum Krieg aufrufen?“, fragt er und beantwortet das zunächst mit der Feststellung: „Ich rufe nicht zum Krieg auf. Ich weise lediglich darauf hin, dass es einen Krieg gibt – und dass auch wir, als seine nächsten Nachbarn, uns dazu verhalten müssen, womöglich militärisch, ja, aber vor allem sehr viel entschlossener als bisher diplomatisch und ebenso zivilgesellschaftlich.“

Es gibt zwar Applaus in der Paulskirche, als Kermani einmal ein Loblied auf Europa singt: auf die europäische Einigung, „dem politisch Wertvollsten, was dieser Kontinent je hervorgebracht hat“, auf ein Europa, dass nicht zuletzt wegen seiner Freiheitsversprechen der Sehnsuchtsort so vieler Flüchtlinge ist. Doch als er das Ausbleiben breiter gesellschaftlichen Debatten hierzulande beklagt, Debatten über den Terror und die Schuld, die auch die westliche Welt daran trägt, als er eine größere Politisierung der Zivilgesellschaft fordert, bleibt es ruhig, was womöglich als zustimmendes Schweigen zu deuten ist.

Natürlich ist Kermani zu klug, um sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Dass es die Anstrengung aller beteiligten Mächte braucht, die hinter den Armeen und Milizen in Syrien und dem Irak stehen, von Russland über den Iran und die Golfstaaten bis hin zum Westen, das ist jedem beteiligten Politiker nur allzu bewusst. Ist nur leichter gesagt als getan. Am Ende beantwortet Kermani seine Frage doch noch und ruft als frischgebackener Friedenspreisträger nicht zum Krieg auf, sondern zu einem Gebet, für seine Patres, für die Christen in Syrien, für die Freiheit in den Ländern des Nahen Ostens. Das darf er natürlich, zumal in einer Kirche. Und dann fragt er: „Was sind denn Gebete anderes als Wünsche, die an Gott gerichtet sind? Ich glaube an Wünsche und dass sie mit oder ohne Gott in unserer Welt wirken.“

Ob er das wirklich glaubt? Eher ist nach dieser schließlich mit viel Applaus bedachten Rede zu vermuten, dass auch Navid Kermani angesichts des IS-Terrors und des Irak-Syrien-Debakels davon überzeugt ist, dass das Beten und das Wünschen allein nicht mehr helfen wird.

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