• Friedrich Wilhelm IV. Wohnung im Berliner Schloss: Wo Humboldt mit dem König plaudert

Friedrich Wilhelm IV. Wohnung im Berliner Schloss : Wo Humboldt mit dem König plaudert

Fabian Hegholz widmet der Wohnung Friedrich Wilhelm IV. im Berliner Schloss eine umfangreiche Monografie. Das Design der Räume stammte von Schinkel.

von
Die Leichtigkeit des Seins. Den „Teesalon“ schuf Karl Friedrich Schinkel in den 1820er Jahren, die aquarellierte Federzeichnung gibt den Zustand um 1830 wieder.
Die Leichtigkeit des Seins. Den „Teesalon“ schuf Karl Friedrich Schinkel in den 1820er Jahren, die aquarellierte Federzeichnung...Foto: SPGS/aus dem Buch, Deutscher Kunstverlag

Er war nicht nur der bedeutendste Architekt Preußens im 19. Jahrhundert. Karl Friedrich Schinkel (1781- 1841) war zugleich Lehrer und Theoretiker, Maler, Bühnenbildner, Designer und nicht zuletzt Innenarchitekt. Architektur war für ihn nie die bloße Konstruktion eines Gebäudes und die Gestaltung der Fassaden. Er schuf regelrechte Gesamtkunstwerke aus Bauwerk und Innenraum.

Wenig bis nichts ist davon erhalten geblieben. Zu den betrüblichsten Verlusten zählt die Zerstörung der Wohnräume im Berliner Schloss, die er für den Kronprinzen Friedrich Wilhelm, der 1840 als Friedrich Wilhelm IV. den preußischen Thron bestieg, in die vorhandene Bausubstanz einfügte. Sie sind, wie das ganze Schloss, mit der Sprengung im Jahr 1950 endgültig untergegangen. Sie hatten zwar früher schon, insbesondere zur Zeit Kaiser Wilhelms II., erhebliche Veränderungen erfahren, doch waren diese in der Weimarer Republik im Sinne der historischen Authentizität rückgängig gemacht worden.

Der „Wohnung Friedrich Wilhelms IV. im Berliner Schloss“ widmet Fabian Hegholz unter eben diesem Titel eine umfangreiche Monografie. Aus dem erstaunlich reichen Material an zeitgenössischen Beschreibungen und späteren Fotografien – insbesondere aus der Zeit der Musealisierung des Schlosses während der Weimarer Republik – gewinnt Hegholz eine präzise Darstellung der wenigen, allerdings hoch bedeutenden Räume, die Schinkel ausgestaltet hat.

Die von Schinkel gestalteten Räume dienten repräsentativen Zwecken

Doch Hegholz ist kein bloßer Historiker. Sein Buch ist durchzogen von Überlegungen, die sowohl den Verlust historischer Substanz thematisieren als auch die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Wiederherstellung. Wenn das Schloss auch als Humboldt-Forum in seiner äußeren Form wiedererrichtet wird, bleibt es im Inneren doch ein reiner Neubau ohne jede historische Reminiszenz. Die Wohnräume Friedrich Wilhelms, den man später den „Romantiker auf dem Königsthron“ nannte, sind und bleiben verloren.

Schinkel fand, als er 1824 den Auftrag zur Neugestaltung der Räume in der Beletage im Südostflügel des Schlosses erhielt, im Äußeren den hochbarocken Bau vor, den Andreas Schlüter für den zum König erhobenen Kurfürsten Friedrich III. bis 1706 ausgeführt hatte, der jedoch teilweise im Inneren durch Friedrich II. (den Großen) im Geist des Rokoko bereits stark verändert worden war. Im Südostflügel nahm der Kronprinz Friedrich Wilhelm seine Wohnung. Dabei dienten die von Schinkel gestalteten drei großen Räume im Wesentlichen repräsentativen Aufgaben: das sogenannte Sternzimmer als Festsaal, der anschließende Speisesaal und vor allem der weit über 100 Quadratmeter messende „Teesalon“, den der Kronprinz für gesellschaftliche Veranstaltungen in privatem Rahmen nutzte.

Hier hatte er oft Alexander von Humboldt zu Gast, der ihm aus seinem monumentalen Werk „Kosmos“ vorlas. Gerade diese Episode des kronprinzlichen Lebens gäbe der Wiederherstellung der Schinkel-Räume im Kontext des künftigen Humboldt-Forums ihren Sinn.

Der Teesalon als Gesamtkunstwerk

Der Kronprinz wie auch der geistesverwandte Schinkel schätzten vergangene Bauepochen in ihrem Eigenwert. Der Historismus des 19. Jahrhunderts hat hier seine Wurzeln. Schinkel aber nahm zugleich die Neuerungen seiner eigenen Zeit begierig auf. Die Entwürfe Schinkels aus der Zeit schon um 1815, vergleicht Hegholz, „weisen Proportionen, Materialien und Techniken auf, welche bereits von den Innovationen des anbrechenden Industriezeitalters berührt sind“.

Den Teesalon – den herausragenden Raum überhaupt – schildert Hegholz als ein Gesamtkunstwerk der „drei klassischen Kunstgattungen“ Bildhauerei, Malerei und Architektur. Schinkel, der sich in den Jahren um und nach 1815 dem „Romantischen Klassizismus“ zugewandt hatte, verwendete Bauformen sowohl der griechischen als auch der römischen Baukunst, gesehen durch die Renaissance insbesondere Michelangelos. So ist der Fries mit Atlanten und Karyatiden „sehr wahrscheinlich dem Deckenfresko aus der Sixtinischen Kapelle entlehnt, welches Schinkel bereits 1804 besichtigt hatte“. 1824, zeitgleich mit dem Beginn der Umbauarbeiten, reiste Schinkel erneut nach Italien, wo ihn besonders die in Pompeji zutage geförderten Fresken anregten.

Der Monarch als stilistisches Vorbild seiner Zeit

So weit ist auch der Teesalon ein Beispiel fürstlicher Selbstdarstellung. Nie zu vergessen im Übrigen, dass Schinkels Entwürfe das Ergebnis langer Gespräche mit dem Kronprinzen waren, der selbst das „Ineinandergießen der Ideen“ als beglückend empfand. Interessant ist nun die „neue Fertigungstechnik“, die Schinkel überall, wo es nur möglich war, einbezieht: „Stuckmarmor von bisher unbekannter Natürlichkeit und Zinkgüsse von bestechender Präzision“. Hegholz nennt die Räume „eine Demonstration der rasanten Entwicklung des Baugewerbes und in dieser Hinsicht der avantgardistische Ausdruck einer neuen Generation“.

Der in neuartigen Techniken gefertigte Bauschmuck konnte beliebig vervielfältigt werden – einzelne Teile wie Reliefs oder Türfüllungen sind vielfach anderenorts und teils sogar als Gussformen vorhanden: „Die Exklusivität königlicher Interieurs galt fortan nicht mehr, der zukünftige Monarch machte sich zum stilistischen Vorbild seiner Zeit und der intellektuellen Elite seines Landes.“ Allerdings war der neue Bauschmuck nicht eben billig.

Hegholz weist darauf hin, wie sehr sich Schinkel etwa für Dekorationen aus Terrakotta an Bauten aus schlichtem Ziegelmauerwerk einsetzt, wie er es am Wohnhaus des Tonwarenfabrikanten Feilner 1829 exemplarisch vorgemacht und in der Bauakademie von 1832 bis 1836 zur höchsten Vollendung des massenhaft Herstellbaren geführt hatte.

Die Wohnräume des Konrprinzen wären reproduzierbar

Gegenüber etwa der Bauakademie sind die Wohnräume im Schloss ein singuläres, an die besondere Person des Bauherrn gebundenes Kunstwerk. Die von Schinkel gestalteten Räume innerhalb des Wohntraktes des Kronprinzen wären aufgrund der hervorragenden Dokumentation weitgehend rekonstruierbar. Der Bundestagsbeschluss zum Wiederaufbau des Schlosses lässt diese Möglichkeit offen, fordert sie jedoch mit keiner Silbe.

Am Schluss kommt Hegholz auf die exotischen Schwärmereien Friedrich Wilhelms zu sprechen, der sich gern als „Federico Siamese“ ausgab, sogar einen Roman unter dem Titel „Die Königin von Borneo“ verfasste und im Schloss einmal ein Fest in indischen und persischen Kostümen feierte: „In dem als Humboldt-Forum wiederaufgebauten Berliner Schloss könnte die Wohnung Friedrich Wilhelms IV. nicht nur eine Brücke zwischen dem historischen Königsschloss und der zeitgenössischen Präsentation außereuropäischer Kulturen darstellen, sondern vielmehr noch würden Exponate Federico Siameses selbst den Aufbruch zu den Kulturen der Welt in der Zeit Wilhelms und Alexander von Humboldts versinnbildlichen.“

Fabian Hegholz: Die Wohnung Friedrich Wilhelms IV. im Berliner Schloss. Deutscher Kunstverlag, Berlin/München 2017. 204 S., Großformat, zahlr. Abb., 39,90 €.

18 Kommentare

Neuester Kommentar