Friedrichstraße : Die Baustelle als Schaustelle

Beton und Bewegung: Der U-Bahn-Bau unter der Friedrichstraße sorgt für Fußgängerströme und Metropolengefühle. Ein Spaziergang.

David Wagner
Kunst am Bau. Durch einen Schmuckrahmen können die Arbeiten an der Tunnelkonstruktion für die U5 verfolgt werden. Foto: Mike Wolff
Kunst am Bau. Durch einen Schmuckrahmen können die Arbeiten an der Tunnelkonstruktion für die U5 verfolgt werden. Foto: Mike Wolff

Seit letzten Sommer geht es so: Wer mit der U6 aus dem Wedding nach Kreuzberg fahren möchte, hört am Bahnhof Friedrichstraße eine Lautsprecherstimme rufen: „Please walk from Friedrichstraße to Französische Straße“. Die U6 ist unterbrochen. Unter den Linden wird gebaut. Ein neuer Kreuzungsbahnhof zur noch ausstehenden Verlängerung der U5 wird errichtet.

Friedrichstraße und Französische Straße sind zu provisorischen Endbahnhöfen geworden und zwingen die Fahrgäste ans Tageslicht. U-Bahnfahrer werden so zu Fußgängern. Oben auf der Friedrichstraße können sie bemerken: Es ist einiges los.

Fußgängerströme wälzen sich über die Gehwege, kommen in Wellen. Fußgänger weichen einander gekonnt oder unbeholfen aus, drängeln, bleiben stehen, rempeln. Rollkofferpiloten ziehen ihre Rollkoffer, Kinderwagenschieber schieben ihre Kinderwagen, 14-Jährige rauchen ungeübt im Gehen. Einer steht an der Ecke, schreibt etwas in ein Notizbuch, bückt sich und hebt eine Ein-Euro-Münze auf. Das Geld liegt hier, so sieht es aus, auf der Straße.

Schnellgeher eilen, Passanten ohne Ziel schlendern, Tütenträger schlenkern mit ihren Tüten, sie alle folgen den auf dem Pflaster klebenden Folien-Fußabdrücken in BVG-gelb. Die Fußstapfen sollen zum nächsten Eingang in den Untergrund führen. Einige sind schon abgetreten und eingegraut, andere sehen aus, als hätten Ratten ihnen nachts eine Zehe abgeknabbert.

Eine Mützenparade zieht die Friedrichstraße hinauf und hinunter, es ist noch Winter. Bommelmützen sind jetzt oft zu sehen, kaum jemand geht ohne Schal. Und wie verschieden Menschen gehen können, die Straße ist ein Laufsteg. Eine Mutter hat zwei alte Bilderrahmen über den Griff ihres Kinderwagens geschoben.

Auf dem Weg zwischen den beiden Stationen, immer den gelben Fußstapfen folgend, könnte einem auffallen, dass die Friedrichstraße wieder zu der engen Schlucht geworden ist, die sie vor dem Krieg schon einmal war – lange Zeit jedoch nicht. Noch vor ein paar Jahren lag hier, vom Stadtbahnhof kommend Richtung Linden gehend rechter Hand eine Wiese. Mit einem mickrigen Baum in der Mitte. Ja, es war weitläufiger hier. Gegenüber standen keine Gebäude zu Füßen des IHZ-Hochhauses, es gab da keine Blockrandbebauung, sondern eine Freifläche.

Auch an der Ecke Unter den Linden befand sich, dem mit sprossenlosen Fenstern verunstalteten Haus der Schweiz gegenüber, einmal ein kleiner Stadtplatz. Ein Vorplatz zum dann abgerissenen Hotel Unter den Linden. Heute steht dort ein unförmiger travertinverkleideter Kasten, der sehr teuer aussehen möchte, die Desasterflughafen-Architekten GMP haben ihn entworfen. Seinen sehr dummen Namen („Upper Eastside Berlin“) hat dieser polierte Investorentraum sich redlich verdient. Wo einst Parkbänke und Blumenkübel herumstanden, hat nun eine Kettenparfümerie ihre Verkaufsfläche. Wechselnde Senatsbaudirektoren feiern das als Wiederherstellung des historischen Stadtbilds. Nun ja.

Von der vermeintlich sagenhaften Kreuzung der Friedrichstraße mit den Linden (einst, aber auch das Vorkriegsfama, für das Café Bauer und das Kranzler berühmt) ist in diesen Monaten nicht viel zu sehen. Eine babylonische Baustelle und ein Bauzaunlabyrinth haben sich ausgebreitet, Versorgungsleitungen werden jetzt oberirdisch auf wehrgangartigen Stahlkonstruktionen geführt. Die U6 fährt vielleicht bald wieder, die Verlängerung der U5 jedoch, für die hier gebuddelt wird, soll erst im Jahr 2019 fertig sein. 2019? Wer glaubt solchen Prognosen?

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