Kultur : Frische Brise aus Nordwest

Nie war er impressionistischer: Die Max-Liebermann-Villa holt das Meer an den Wannsee

Elke Linda Buchholz
Strandgefühle. Max Liebermanns „Reiter und Reiterin“ (1903). Foto: Katalog
Strandgefühle. Max Liebermanns „Reiter und Reiterin“ (1903). Foto: Katalog

Die Badesaison war zu Ende. Am 19. September 1913 checkte Max Liebermann im mondänen Strandhotel Huis ter Duin in Noordwijk aus und bestieg die Tram nach Leiden, um nach Berlin zurückzureisen. Wie jedes Jahr hatte der Maler die Sommerfrische an der Nordseeküste verbracht. Doch es sollte sein letzter Hollandaufenthalt sein.

Seeluft schnupperte der über 60-jährige Maler nach Beginn des Ersten Weltkrieges nur noch in seiner Wannsee-Villa, wo er direkt von seiner Terrasse aus die Segler auf dem Wasser beobachten konnte. Wer dort jetzt aus den Ausstellungsräumen blickt, sieht immer noch das Licht auf den Wellen blinken – genau wie auf den über 40 Gemälden, Pastellen und Skizzenblättern der Ausstellung „Max Liebermann am Meer“. Mit prächtigen Leihgaben aus Köln, Leipzig, Hamburg und Wien hat der Leiter der Liebermann-Villa, Martin Faass, die bislang größte Schau des vor fünf Jahren eröffneten Hauses eingerichtet.

Auf hellem Strand sitzt ein Junge mit Strohhut und buddelt im Sand. Neben ihm lagern die Erwachsenen im Schatten, weiter hinten tummeln sich Badende im Wasser. Strandkörbe so weit das Auge reicht. Herb und frisch leuchtet das Blau des Himmels im Kontrast zum lichten Sandton des Strandes. Schon die Zeitgenossen meinten, vor diesen Bildern die salzige Meeresluft förmlich zu riechen.

Jahrzehntelang war dieses Gemälde nicht ausgestellt. Hinreißend rasch hat der Maler auf einem anderen, kleinen Bild mit dem Palettmesser die Farbe pastos in changierendem Weiß, Gelb und Blau auf die Malpappe gestrichen. Die breiten, rhythmischen Striche suggerieren die Bewegung der anbrandenden Wogen, des darauf sich spiegelnden Lichts, des Windes. Für Liebermann war dies bloß eine Studie. Nicht das nasse Element als solches interessierte den Maler, sondern das Zusammenspiel von Menschen und Natur unter freiem Himmel.

In immer neuen Varianten beobachtete der Künstler, wie Fischerknaben sich nackt ins Wasser stürzen. Wie elegante Reiter hoch zu Ross durch die flache Brandung traben und wie die großstädtische Damenwelt in langer Robe vor der Kulisse des Meeres flaniert. Liebermanns Meer ist kein wildes, bedrohliches Element wie auf den dramatischen Seestücken der Alten Meister und keine romantische Sehnsuchtskulisse wie bei Caspar David Friedrich, sondern ein Ort, an dem sich die moderne Freizeitgesellschaft dem Vergnügen hingibt und die Natur genießt.

Ein Vierteljahrhundert lang reiste Liebermann Jahr für Jahr nach Holland, bewunderte die Werke von Vermeer und Frans Hals und malte die traditionell arbeitende Bevölkerung, bevor 1896 seine erste Strandszene entstand. Liebermanns Gänserupferinnen, Bauern, Lotsen und Netzflickerinnen schaffen vor sich hin, ohne vom Meer Notiz zu nehmen. Erst die französischen Impressionisten öffneten Max Liebermann die Augen für das Lichtspiel des Meeres in der Malerei und lösten auch farblich einen Wetterwechsel in seinem Werk aus.

Seit den 1870er Jahren hatten Manet und Monet die Badeorte der französischen Atlantikküste als Thema des „Vie moderne“, des modernen Lebens, entdeckt. Wie die Franzosen schleppte Liebermann nun die zusammenklappbare Staffelei an den Strand und wurde ebenfalls zum Plein-Air-Maler.

Impressionistischer als in seinen Meeresbildern ist der Berliner Künstler nie gewesen. Ein Foto von 1911 zeigt ihn mit Strohhut und Pinsel am Strand vor einer Leinwand von beachtlichem Format. Da durfte keine starke Windböe aufkommen. Sonst griff der Maler zum handlichen Skizzenblock und hielt mit ein paar Kohlestrichen fest, wie der Wind den Sommergästen in die Kleider fuhr und die Damen ihre Hüte festhalten mussten, damit sie nicht davonwehen.

Liebermann-Villa, Wannsee, Colomierst. 3, bis 15. 8.; Mi–Mo 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Katalog (Hirmer Verlag) 19 €.

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