Kultur : "Frühzeitiges Ableben": Jugendwahn, Alterswitz

Günther Grack

Babys, die in diesem Jahr 2001 geboren werden, sind aller künftigen Sorge enthoben, ob sie im Alter von 65 mit einer auskömmlichen Rente werden rechnen können. Im Jahr 2066 nämlich herrscht eine Regierung, die es nicht duldet, dass die Menschen alt werden: Bürger, die über 50 sind, werden von der Politischen Polizei, kurz Pol-Pol, selektiert und in so genannten Schwarzen Bussen abtransportiert. Wohin und wozu, ist jedem Betroffenen klar: Ziel und Zweck ist ein "Frühzeitiges Ableben".

George Tabori, hoch in den Achtzigern, hat mit diesem im Sommer 1999 in Wien entstandenen Werk das makaber-groteske Szenario einer dem Jugendwahn huldigenden Gesellschaft entworfen. "Frühzeitiges Ableben", im englischen Original "Premature Demise", liest sich wie eine Erzählung; eingeteilt in neun Abschnitte, wechseln beschreibende Passagen im Präsenz mit eingestreuten Dialogen. Dem Berliner Ensemble als Hausautor verbunden, hat es den Theatermann Tabori freilich gereizt, seine finster-komische Utopie nun auch auf die Bretter zu bringen. Die Uraufführung ist zugleich die Premiere für einen neuen Spielort, gestaltet von Anna Cumin: den "Pavillon", der, zur Probebühne gehörig, künftig diverse kleinere Produktionen aufnehmen soll.

"Wie alt sind Sie?", fragt der Mann im weißen Regenmantel - der erste Satz, der hier gesprochen wird. Er ist an einen von uns Zuschauern gerichtet, die wir an allen vier Seiten um diesen rechteckigen Raum herumsitzen, hoch oben auf schmalen Tribünen. Der Mann im weißen Mantel, um die 50 Jahre alt, hat zunächst unruhigen Schritts die schuhkartonförmige Zelle durchmessen, ehe er unvermittelt einen Pfeiler emporklimmt, um seine Frage zu stellen - die über Leben und Tod entscheidende Frage.

Der Mann, gespielt von Manfred Karge, setzt sich darauf an einen Tisch, einer stark geschminkten Frau gegenüber, die von Ursula Höpfner gespielt wird, und beginnt, mit ruhiger Stimme aus einem Heft vorzulesen, wie die Pol-Pol die Bewohner eines großen Gebäudes nach Jung und Alt prüft und scheidet. "Nach links", sagt der Major dieser Truppe von Häschern - ein Wort, das den Vorleser wiederholt stocken lässt - und gibt den davon Betroffenen einen Fingerzeig hin zu einem der berüchtigten Schwarzen Busse. Ein gewisser Karl Korn, 51 Jahre alt, gekleidet in einen weißen Regenmantel, vermag sich, so hören wir, der Überprüfung durch die Flucht zu entziehen, und wir sehen, dass dieser Karl Korn und der Mann am Tisch ein und derselbe sind.

In einem Ohrensessel am Rand des Schauplatzes sitzt, die langen Beine übereinander geschlagen, der Spielmeister Tabori und sieht seinen beiden Akteuren zu, die sich Textvortrag und Hauptrollen teilen und mitunter auch andere Partien, Opfer wie Täter, markieren. Er habe so etwas noch nie gemacht, dass er ein Stück, das eigentlich 18 Schauspieler brauche, mit nur zwei Schauspielern inszeniere, hat er während der Proben bekundet, aber diese neue Sache freue ihn: "That turns me on" - nachzulesen im Programmheft, das auch Ursula Grützmacher-Taboris Übersetzung des "Frühzeitigen Ablebens" enthält.

Rund 75 Minuten lang also sehen wir zusammen mit dem Meister zu, wie die beiden Regimegegner die weiteren Stationen dieses zwittrigen Exemplars von epischem Theater durchlaufen, wobei ihnen eine Jahrmarktsmusik, für Orchestrion komponiert von Alfons Nowacki, auf die Sprünge hilft. Herr Korn hat in Frau Santora eine Bekanntschaft gemacht, die ihm den Trick verrät, wie ein echter Fuffziger dank kosmetischer Mittel als falscher Dreißiger erscheinen kann. So maskiert, schlagen sich die beiden durch eine Welt, die in aller Öffentlichkeit dem Gruppensex frönt wie einem Massensport, in der die Bibel verboten, nur noch Donald Duck erlaubt ist und Leute über 50 allenfalls ausnahmsweise als "AB" geduldet werden, als "abschreckendes Beispiel" - wie der greise Bettler, der Frau Santora seinen Hund in die Arme drückt, ehe er vor die U-Bahn springt.

Die Geschichte nimmt in ihrem weiteren Verlauf immer bizarrere Züge an, die Herrn Korn, diesen Gutmenschen, der doch auch ungute Seiten hat, in einem befremdlichen Licht erscheinen lassen. Er räsoniert über die Begriffe "Mord und Totschlag" und gesteht seiner Partnerin, die ihm mit der Zeit immer vertrauter geworden ist, eine Jugendsünde, einen vermeintlichen Mordanschlag auf einen bösen Onkel, der aber dann doch nur ein "schlimmer Gedanke" gewesen sei. Viel schlimmer aber noch, dass sich der Regimekritiker schließlich als Denunziant zu entpuppen scheint: Sein Besuch bei der Redaktion eines satirischen Blattes, das nur "gute Nachrichten" verbreitet wie etwa: "Des Verteidigungsministers Verdauungsprobleme sind gelöst", er endet mit der Verhaftung der liebenswürdigen, leider über das Maß bejahrten Redakteure durch die Pol-Pol. Wir sind bestürzt! Meister Tabori aber sorgt im letzten Moment für Entwarnung: Herr Korn kapert den Schwarzen Bus und karriolt mit Frau Santora und allen anderen Lieben dem rettenden "Grenzübergang" entgegen. Auf seiner Gefährtin ungläubige Frage "Happy End?" kann er nur noch "Ja" sagen und den Kopf in ihrem Schoß bergen ...

Weisheit und Witz - hier sind sie in holdem Wahnsinn einen rührenden Bund fürs Alter eingegangen.

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