Kultur : Fußreflex oder Fellatio?

Angelika Meiers postmoderne Zauberberg-Variation „Heimlich, heimlich mich vergiss“.

Bernd Zabel

Mit ihrem Debüt „England“, einem futuristisch anmutenden Campusroman aus Cambridge, machte sie sich einen Namen als Expertin für skurrile Konstellationen. Angelika Meier, 1968 geboren und viele Jahre als Literaturwissenschaftlerin an der FU Berlin tätig, versucht nun mit ihrem zweiten Roman „Heimlich, heimlich mich vergiss“, einer Art aktueller „Zauberberg“-Version, diesem Ruf wieder alle Ehre zu machen.

Wie bei Thomas Mann ist auch hier der Schauplatz ein Krankenhaus in den Bergen. In einer unbestimmten Zukunft angesiedelt, verbringt Dr. Franz von Stern, dessen Geschichte in Rückblenden erzählt wird, seine Tage in der Quarantäne einer gläsernen Klinik neuen Typs. Psychosomatik, Geriatrie, aber auch Wellness in raffinierter Mischung. Besteht der Tag der Patienten doch aus Nuckeln an der Flasche mit Rhabarberopium, viel Yoga inklusive Meditation und Atemübungen, aber auch aus Stimmenhören im Sprechsaal, wobei immer wieder die eigene Stimme eingespielt wird.

Vor Kalauern schreckt Angelika Meier dabei nicht zurück: „Bekommt der Patient Fußreflex oder Fellatio?“ Der Roman hat schräge humoristische Intentionen, die man sich in einer Klinik mit ungewöhnlichen Behandlungsmethoden erwarten darf. Der Klinikalltag erscheint als ein sanftes Zwangssystem, in dem auch schon die Diagnose „keine vertiefte Gesundheitseinsicht, mangelnde autotherapeutische Kompetenzen“ für eine Einweisung ausreicht.

Das Thema „Gesundheitsdiktatur“ zieht sich als roter Faden durch den Roman. Schon als Kind wurde von Stern auf die Krim verbracht, die sich zur reinen Klinikinsel gewandelt hat. Hier erhält er seine medizinische Ausbildung, hier lernt er seine Kollegin und spätere Partnerin Esther kennen. Eine Liaison, die so nicht im Plan der Leitung vorgesehen ist und zu mannigfachen Schwierigkeiten führt. Esther lebt nämlich nicht nur mit Franz, sondern auch mit „Referent“ und „Mediator“ zusammen, mit dessen Implantaten, die nicht nur die Herzfunktion, sondern auch die Steuerung der Berufsrolle übernehmen.

Franz landet schließlich mit dem gemeinsamen zurückgebliebenen „Wunschsohn Evelyn“ in der Gipfelklinik, um dort, mehr oder weniger erfolgreich therapiert, den ärztlichen Dienst anzutreten. In der Schilderung der einzelnen Fallgeschichten spart Meier nicht mit medizinischem Jargon und lässt die Ärzte wortreich „das prometheische Gefälle zwischen uns als lausigem Zellhaufen und unserer erhabenen Technik“ kommentieren. In der Unschärfe der Handlungsführung verschwimmt zunehmend das Schicksal der Personen. Natürlich kann man dies als das Neue des Romans ausmachen. Es existiert ja zweifellos die Tendenz, dass Romane immer faktenreicher werden, während Sachbücher vermehrt fiktionale Anteile aufweisen. Doch bleiben bei Meier zu viele Fragezeichen.

Nach 20 Jahren schafft es Esther als ambulante Patientin, zu Franz vorgelassen zu werden. Nach langen Anamnesegesprächen entschließt sich Franz zur Flucht vom Zauberberg, in seinem Gefolge Sohn und Lieblingspatient. Die Spannung steigt. Doch dann schnurren die 20 Jahre in einer unvermittelten Wendung zu einem dreistündigen Traum von Franz zusammen. Wir finden uns wieder auf der Krim, der das Paar nun definitiv den Rücken kehrt. Im Dschungel der therapeutischen Anwendungen geht die Handlung dieses Romans unter. Bernd Zabel

Angelika Meier: Heimlich, heimlich mich vergiss. Roman. Diaphanes Verlag,

Zürich 2012.

336 Seiten, 22,90 €

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben